»Du hast mich zur Geschichte gemacht!«
60 Jahre nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen porträtiert ein Buch Augsburger Zeitzeug*innen und ihre Erfahrungen. Ein Gastbeitrag von Ina Hagen-Jeske und Leonie Herrmann
Es wurden Arbeiter*innen gerufen, doch es kamen Menschen an. Auf diesen einfachen Nenner brachte der Popmusiker Cem Karaca das Thema »Gastarbeiter*innen« auf seinem 1984 erschienenen Album »Die Kanaken«. Von der wissenschaftlichen Seite nähert sich seit einigen Jahren ein Team des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Augsburg diesem wichtigen Thema unserer Gesellschaft.
»Du hast mich zur Geschichte gemacht«, sagt Sabri Yağmur mit einem Strahlen im Gesicht, als ihm Yeliz Taşkoparan, eine von 15 Autor*innen des Buches »Zurückgespult. Arbeit und Alltag von Augsbur-gerInnen aus der Türkei«, ein Exemplar überreicht. Er äußert damit seine Freude über ein Buch, in dem er mit zahlreichen weiteren Zeitzeug*innen seine Geschichte erzählt. Denn lange Zeit wurde(n) die Geschichte(n) der »Gastarbeiter*innen«, die in den 1960er-Jahren nach Augsburg kamen, weder gehört noch dokumentiert. Dabei prägte die Arbeitsmigration das Leben vieler Menschen und trug maßgeblich zur Entwicklung der Stadt bei. Aus diesem Grund ist die Idee zum Buchprojekt entstanden, das auf einem mehrjährigen Prozess der Dokumentation unter Mithilfe zahlreicher zivilgesellschaftlicher Akteur*innen basiert. Es spürt den vielfältigen Aspekten der Arbeit und des Alltags von Zugewanderten aus der Türkei nach.
Das eigene Erleben von Arbeit und Alltag der ersten Generation ist unersetzlich, wenn wir diesen wichtigen Teil der Augsburger Stadtgeschichte verstehen wollen. Im kollektiven Gedächtnis und in der lokalen Geschichtsschreibung hat die Arbeitsmigration bisher jedoch nur wenig Platz eingenommen, dies gilt auch für die Zuwanderung aus der Türkei. Hier setzt das Buch »Zurückgespult. Arbeit und Alltag von AugsburgerInnen aus der Türkei« an. »Zurückgespult« bezieht sich einerseits auf die Spule und somit auf die Textilindustrie, andererseits auf das Zurückspulen der Zeit, denn 60 Jahre sind seit dem Abschluss des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei vergangen.
Zeliha Taşkoparan, Behice Kartal und Nahice Kartal in der SWP, 1970. © Rahide Taşkoparan
»Ich selbst wuchs als Enkelin von Gastarbeitern in der dritten Generation mit der türkischen und der deutschen Kultur auf. Mein Ziel war es daher, etwas zu schaffen, das Migrant*innen und deren Nachkommen miteinander verbindet.« So schildert Yeliz Taşkoparan ihre persönliche Intention, an diesem Buch mitzuarbeiten. Es macht deutlich, dass die erste Generation in vielerlei Hinsicht Pionierleistungen vollbrachte und damit auch den Weg für die Folgegenerationen ebnete. So erzählen die Zeitzeug*innen von einer vergangenen Zeit, in der zwar vieles anders war als heute, in der aber auch vieles begann, was Augsburg heute ausmacht. Das Buch gibt somit Einblicke in diverse Lebenswelten: Zunächst gekommen, um zu arbeiten, werden durch lebendige Erzählungen, private Schnappschüsse und gesammelte Dokumente Wege des Ankommens, Hierseins und Dableibens deutlich. Neben Arbeiten und Wohnen ist die Entwicklung von Freizeitkulturen, politischem Engagement und religiösem Leben grundlegender thematischer Inhalt des Buches, den übergreifenden Rahmen bilden die Bezüge zur Augsburger Textilindustrie.
Den Anstoß für dieses Buchprojekt gab der Arbeitskreis »Vielfalt in Augsburg«, der sich 2014 als zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss gründete, um Migrationsgeschichte im Kontext des Anwerbeabkommens mit der Türkei aufzuarbeiten. Yaprak Şen, ebenfalls Autorin und Mitherausgeberin des Buches, meint dazu: »Im Arbeitskreis haben sich viele Bürger*innen und Akteur*innen aus der Stadtgesellschaft engagiert. Wir haben uns gemeinsam mit dem Thema ›türkische Migration nach Augsburg‹ befasst und wollen damit den Menschen Anerkennung schenken und eine Plattform bieten.« Dies geschah durchaus im Bewusstsein, dass das Buch nur einen Teil des Phänomens der Arbeitsmigration umfasst und nur der Beginn einer umfassenderen Aufarbeitung sein kann. Die Initiative wählte dabei einen Zugang, der sich weg vom Integrationsimperativ hin zur Anerkennungskultur bewegte. So war das Projekt von Anfang an partizipativ angelegt und verfolgte einen multiperspektivischen, interdisziplinären Ansatz. Am Arbeitskreis aktiv beteiligt, bündelte der Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde die gesammelten Zeitzeug*innenberichte wie Dokumente und arbeitet diese im Buch wissenschaftlich auf.
Mit Blick auf die weitere Stadt- und Migrationsgeschichte in Augsburg wird deutlich: Aufgrund des hohen Alters der ersten Einwanderungsgenerationen ist es höchste Zeit, die Erinnerungen von Migrant*innen aus den Anwerbeländern zu sammeln und zu dokumentieren. Wird dies versäumt, so werden ihre Stimmen in der Geschichte einer von Vielfalt geprägten Stadt fehlen. Damit wäre auch die Chance verspielt, die Erfahrungen und Leistungen jener Generation als wichtigen Faktor der Entwicklung von Augsburgs Stadtgesellschaft anzuerkennen. »Wir haben mit diesem Buch einen Ball ins Rollen gebracht. Aber es gibt noch viele andere Lebens- und Familiengeschichten und noch viele andere Communitys und somit gibt es noch viel zu tun«, so Yaprak Şen.
Herrmann, Leonie / Hagen-Jeske, Ina / Kronenbitter, Günther / Şen, Yaprak, Wagner, Lisa (Hrsg.)
München 2021.
164 Seiten, Paperback
www.allitera-verlag.de