Ausstellungen & Kunstprojekte

Ein Kosmos aus Vorgefundenem im Holbeinhaus

Die jährliche Einzelausstellung der Stadt Augsburg widmet sich 2021 Wolfgang Schenk.

Auf einem Holzgestell sind sieben rostige Benzinkanister platziert, in die jeweils die Bezeichnung menschlicher Substanzen eingestanzt ist: LIQUOR (Flüssigkeit), SANGUIS (Blut), LACRIMA (Träne), PUS (Eiter), SPUTUM (Auswurf), SUDOR (Schweiß), MUCUS (Schleim). Dieser paradoxe Verweis macht die Füllung der Kanister dadurch zugleich unmöglich. Um das Gestell sind wie um einen Tisch vier Hocker versammelt, in deren Aluminium-Sitzfläche jeweils ein Abflusssieb eingelassen ist.

Wolfgang Schenks Installation »Ich werde dein Schweigen nicht überbewerten – offenes System« wurde 2020 mit dem Gersthofer Kunstpreis ausgezeichnet und ist nun ein zentrales Objekt der aktuellen Schau im Holbeinhaus. Der Titel dieser nicht auf Anhieb zu enträtselnden Arbeit rekurriert auf eine Aktion von Joseph Beuys, die sich wiederum auf den durch seine Readymades berühmten Marcel Duchamp bezog, dessen Kunstbegriff auch das Schweigen, das Keine-Kunst-Machen, einschloss.
Schenks Raumobjekt ist Teil der Ausstellung »SO…«, die der Künstler als eine einzige, begehbare Skulptur anlegt. Der 1961 geborene Künstler studierte zunächst Kunstgeschichte an der Universität Augsburg und dann von 1986 bis 1992 Bildhauerei an der Münchner Kunstakademie.

Schenk arbeitet mit vorgefundenen Materialien, die er in einen neuen Kontext setzt und so einem Bedeutungswandel unterzieht. So verwendet er für »Geschlossenes System«, dem Pendant zur oben genannten Installation, miteinander verbundene Ofenrohre, die teils auf einem Tisch liegen und teils korrespondierend an der Decke montiert sind.

Im hohen hinteren Raum findet sich eine weitere überzeugende Raumskulptur, bestehend aus einem hohen Metallgerüst, in das eingerollte alte Schullandkarten ordentlich eingehängt wurden und das mit dem Wort- und Gedankenspiel »Seltene Erden – Ver(w)ortung« betitelt ist.

Einen Kontrapunkt zu Schenks installativen Arbeiten setzen in langer Reihe gehängte abstrakte Zeichnungen, übermalte Fotografien, die im Sommer dieses Jahres entstanden sind.

Die überzeugende Kunst ist das eine, ihre Vermittlung das andere, denn das rätselhafte Werk Schenks erschließt sich nicht jeder*m auf Anhieb. Zur Erläuterung liegt lediglich eine Preisliste mit Titeln und Materialien der Arbeiten aus. Natürlich sollte jede*r Besucher*in sich zunächst einmal eigene Gedanken machen und unbelastet den künstlerischen Kosmos von Wolfgang Schenk entdecken können, doch zusätzliche Information oder Führungen wären sicher hilfreich … In diesem Licht betrachtet, ist es unglücklich gelöst, das Künstlergespräch zwischen Wolfgang Schenk und Kurator Thomas Elsen von den Kunstsammlungen erst auf den Abend des letzten Tags der Ausstellung zu terminieren, auch der Katalog erscheint leider erst zum Abschluss der Schau.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de | Wolfgang Schenk – SO… | Holbeinhaus Augsburg | bis 2. November 2021| Finissage mit Künstlergespräch und Katalogpräsentation am 2. November um 18 Uhr

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