Politik & Gesellschaft

Fehlstart

a3kultur-Redaktion

Stadtbücherei.Findet.Stadt – oder auch nicht.

Im Sommer 2009 ging die Stadtbücherei am Ernst-Reuter-Platz an den Start. Ihr Bau geht auf das Engagement der Bürger*innen-Initiative »Offensive für eine neue Stadtbücherei« zurück. Diese organisierte 2005, gegen den Willen der damaligen Regenbogenkoalition, ein erfolgreiches Bürgerbegehren. Die Mobilisierung war so stark, dass die Regierung in ihrer Haltung einbrach, auf das Anliegen der Initiative ein­ging und es deshalb nicht zum Bürgerentscheid kommen musste.

Aus den Fehlern der Vergangenheit wollte die Stadt lernen. Auch aus diesem Grund lud die zweite Bürgermeisterin und Bildungsreferentin Martina Wild von den Grünen in der ersten Oktoberwoche zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung in die immer noch frisch, wenn auch nicht neu wirkende Stadtbücherei. Es sollte um die Zukunft der Einrichtung gehen, deren jüngere Geschichte in weiten Teilen eine Erfolgsgeschichte ist.

Mit über einer halben Million Besucher*innen und knapp 1,5 Millionen Ausleihen schrieb das Haus auch im letzten Vor-Corona-Jahr glänzende Zahlen. Mit Satelliten in den Stadtteilen Göggingen, Lechhausen, Kriegshaber und Haunstetten gibt es wichtige Ankerpunkte in den Quartieren und das Erfolgskonzept der Leseinseln, die für den Deutschen Lesepreis 2021 nominiert sind und diesen auch bekommen werden, setzt die alte Idee von der Schulbibliothek in ein neues Licht.    

Die Stadtbücherei ist mit großem Abstand der bestbesuchte Bildungs- und Kulturort der Region. Dass sich die Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung, gemeinsam mit externen Fachleuten und den Bürger*innen der Stadt, in einem langfristig angelegten Prozess über die weitere Entwicklung der Augsburger Stadtbücherei Gedanken machen, ist gut. Das Ansinnen entspricht den selbst gesteckten Vorgaben, an denen sich die schwarz-grüne Regierung messen lassen muss. Zwar soll das nächste große Etappenziel in Sachen Stadtbücherei erst 2035 erreicht werden, doch der Weg dorthin ist noch weit und wohl auch dornig. Selbst wenn sich die Verantwortlichen keine Knüppel zwischen die Beine werfen würden.

Da saß nun Martina Wild inmitten der geladenen Expert*innen, um über die Weiterentwicklung der Stadtbücherei zu sprechen, und musste sich wohl selbst eingestehen, die gegenwärtige Aufstellung der Einrichtung, für die sie als Referentin Verantwortung trägt, nicht wirklich im Griff zu haben. Denn wenige Tage zuvor verfügte die Stadt, dass die Standorte Lechhausen und Göggingen ab sofort komplett geschlossen werden, die Satelliten Haunstetten und Kriegshaber nur noch bedingt zugänglich sein sollen und die Zentralbücherei in der City mit den reduzierten Öffnungszeiten von 11 bis 17 Uhr für Berufstätige nun oft unerreichbar sein wird. Und das nach dem monatelangen Lockdown. Nun sollte der Zugang mit einigen hinnehmbaren Einschränkungen wieder möglich sein, stattdessen stehen die verärgerten und frustrierten Besucher*innen schon wieder vor verschlossenen Türen.

Die Bürgermeisterin zog es vor, an diesem Abend nicht näher auf die Schließungen einzugehen. Das geschah jedoch über Wortmeldungen aus dem Publikum und eine kurze Stellungnahme von Tanja Erdmenger, der Leiterin der Stadtbücherei in Augsburg. Sie zeigte sich besorgt und beunruhigt über die Entwicklung, an der sie keinen aktiven Anteil hat.

Nicht nur coronabedingter Bildungsnotstand – geschlossene Büchereien verstärken das Problem

Hintergrund für die Misere ist wieder einmal die Coronakrise und damit verbunden der Fakt, dass 20 Prozent des Büchereipersonals vom zuständigen Personalreferenten der CSU, Frank Pintsch, in das Gesundheitsamt abkommandiert wurden. »Das betrifft mit besonders negativen Folgen auch Führungskräfte, die zu Teamleitern für das Gesundheitsamt ausgebildet werden. Und es betrifft medienpädagogisches Fachpersonal, das dringendst benötigt wird für die fundamentale Kernaufgabe der Stadtbücherei: Leseförderung und Vermittlung von Lese- und Medienkompetenz. Auch die Servicestelle für Schulbibliotheken war ein ganzes Schuljahr nicht besetzt – mit gravierenden Defiziten für Lehrer*innen und Schulen. Das Personal ist nicht nur dringend nötig, um die Öffnungszeiten aufrechtzuerhalten, sondern auch für die originären gesellschafts- und bildungspolitischen Aufgaben der Stadtbücherei«, so äußern sich die Freunde der Stadtbücherei Augsburg e.V. in einem ersten Protestscheiben zu den Hintergründen der Schließungen, das sie mit den Zeilen »Nicht nur coronabedingter Bildungsnotstand – Geschlossene Büchereien verstärken das Problem« übertitelten.

Die Worte von der Systemrelevanz der Kultur hallen in uns allen noch nach, doch wandelt sich ihre Aussage vom Zuspruch zum Hohn

Pintsch unterscheidet, wie in Bayern üblich, bei der Abberufung des städtischen Personals zwischen Verwaltungsleuten, die regulär mit kommunalen Pflichtaufgaben oder freiwilligen Aufgaben betraut sind. So zählen speziell beim Bildungsreferat Schulen und Kindergärten zu den Pflichtaufgaben und die städtischen Büchereien zu den freiwilligen. Ein Unglück, das diese Orte mit der Kultur teilen.

Es wäre vor allem die Aufgabe, auch unserer lokalen Politik, sich daranzumachen, diese ebenso unsinnige wie weitreichende Etikettierung zu reformieren. Die Worte von der Systemrelevanz der Kultur hallen in uns allen noch nach, doch wandelt sich ihre Aussage vom Zuspruch zu Hohn.  

150 kommunale Mittarbeiter*innen können aus den genannten Gründen ihren eigentlichen Aufgaben gegenwärtig nicht nachkommen. Eine Katastrophe für die gesamte Verwaltung und den Bürgerservice. Von verschiedensten Seiten wird zu Recht gefragt, warum die Stadt das Freiwilligenzentrum mit seiner gut funktionierenden Infrastruktur nicht maßgeblich beim Gesundheitsamt einbindet. Die Stadt bleibt auch hier Antworten schuldig. Ein Zustand, den sich die Bürger*innen wohl nicht länger gefallen lassen werden. Wie mobilisierungsstark sie sein können, wenn es um das Thema Bücherei geht, haben sie immer wieder kraftvoll bewiesen.

Und erst wenn Bewegung in dieses Thema kommt, kann man sich ernsthaft dem Bürgerbeteiligungsprojekt »Stadtbücherei.Findet.Stadt« zuwenden.

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