Vom künstlerischen Spurensuchen
Im Augsburger H2 richten die »Missing Stories« den Fokus auf die vergessenen osteuropäischen Zwangsarbeiter*innen. Zeitgleich ist einer der teilnehmenden Künstler*innen, Christian Hörl, in Oberschönenfeld in einer Einzelausstellung zu sehen.
Das Thema Zwangsarbeit im Dritten Reich wird oft genug hinter Zahlen versteckt, die ein Gesamtbild erahnen lassen; die Betroffenen selbst aber verbleiben in der Anonymität. Umso wichtiger – zumal es immer weniger Zeitzeugen gibt – ist es, dem Vergessen entgegenzuarbeiten.
In der Ausstellung »Missing Stories«, einem Projekt des Goethe-Instituts Serbien, sind zehn gänzlich unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen an dieses dunkle Kapitel zu erfahren, die in ihrer Gesamtheit deutlich machen, wie wichtig es ist, sowohl aus der eigenen Familiengeschichte heraus zu schöpfen wie auch aus einer abstrakteren Warte die nahezu vergessenen Geschichten der vor allem osteuropäischen Zwangsarbeiter*innen zu erzählen. Die Schau machte bereits in den Herkunftsländern der osteuropäischen Künstler*innen Station und wandert zum Abschluss nach Berlin.
Die gezeigten Arbeiten sind durch die Bank stringent und eindrucksvoll, so auch die Installationen des serbischen Künstlerduos diSTRUKTURA (Milica Milićević und Milan Bosnic), die beide um die 186 Stufen der »Todesstiege« im Lager Mauthausen kreisen, in dem Milans Großvater Vlada interniert war. »186 Breaths« besteht aus treppenartig gehängten Frottagen der Stufen, unterlegt mit Atem- und Trittgeräuschen von Milan Bosnic, aufgezeichnet, während er die Treppe hinaufging. Für die Dreikanal-Videoarbeit »Staying Human« folgt die Kamera den Wegen von Milans Großvater im Lager. Zu sehen sind hier auch Ausschnitte einer Dokumentation, in denen dieser persönlich zu Wort kommt.
Burkhard Schittnys Werke sind karg und reduziert, und vielleicht deshalb so berührend. Für die Videoarbeit »Dignity – Tribute to Agnes Lukacs« überträgt er ein Bildmotiv der in Neuengamme inhaftierten Künstlerin mit Schauspieler*innen in eine bewegte Erzählung. »Hunger« besteht aus einem großen Stundenglas, gefüllt mit Brotkrumen und Sägemehl, einer Mischung, die der perfiden Mangelernährung diente – überleben wird hier zu einer Zeitfrage …
Zugegeben, sowohl das Thema als auch die künstlerischen Konzepte dieser nachdrücklich überzeugenden Ausstellung sind komplex und erschließen sich nicht immer unmittelbar, doch es gibt hilfreiche Erläuterungstafeln bei den einzelnen Arbeiten, natürlich Führungen und zudem einen gut gemachten englischsprachigen Katalog, also unbedingt hingehen!
Der Bildhauer und Konzeptkünstler Christian Hörl, auch bei »Missing Stories« mit einer Arbeit vertreten, wurde 2019 mit dem Kunstpreis des Bezirks Schwaben ausgezeichnet. Die damit verbundene Einzelausstellung in Oberschönenfeld wurde nun mit einjähriger Corona-Verzögerung eröffnet.
»Schichtung und Raum« sind – wie der Ausstellungstitel indiziert – wesentliche Elemente im Werk von Hörl, der mit zahlreichen auch dreidimensionalen Werken im öffentlichen Raum vertreten ist. In seinen neuesten Bildern staffelt und überlagert er seine winterlichen schwarz-weißen Landschaftsfotografien mit Farbe und Mustern und schafft so ein räumliches Erlebnis. Zugleich stellt er sich – vor allem bei den Arbeiten auf schimmernden Kupferplatten – in eine künstlerische Tradition und verweist darüber hinaus durch die Verwendung von Siebdruck und grafischen Prinzipien auf die informationelle Bedeutung solcher Bilder. Da die gezeigten Arbeiten demselben Arbeitsprozess folgen, entsteht als weiterer Verweis eine serielle Anmutung, deren Spannung sich aber zunehmend verliert.
Hörls Bildern wird im Erdgeschoss ein umfassender und spannender Einblick in sein Schaffen im öffentlichen Raum zur Seite gestellt. Da werden Modelle, Muster und Konzepte seiner Brunnen- und Wandgestaltungen sowie seiner Kirchen- und Altarraumausstattungen präsentiert, anhand großformatiger Fotografien zu den verschiedenen Projekten lässt sich zudem erfahren, wie das jeweils umgesetzt wurde. Diese informative Übersicht verdeutlicht Hörls Vielseitigkeit, macht aber auch den künstlerischen Prozess solcher Projekte nachvollziehbar. On top gibt es einen Büchertisch mit zahlreichen Ausstellungskatalogen, der zum Schmökern einlädt und das Bild abrundet.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de | www.missingstories.net | Missing Stories. Forced Labour under Nazi Occupation. An Artistic Approach | H2 – Zentrum für Gegenwartskunst | bis 9. Januar 2022 | Zur Ausstellung erscheint ein englischsprachiger Katalog.
www.mos.bezirk-schwaben.de | Schichtung und Raum. Christian Hörl – Kunstpreisträger des Bezirks Schwaben 2019 | Schwäbische Galerie im Museum Oberschönenfeld | bis 30. Januar 2022 | Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
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