Vor 90 Jahren brannten in Deutschland Bücher
Kurz nach der Machtübernahme durch die NSDAP kommt es 1933 zu organisierten Bücherverbrennungen mit weitreichenden Folgen für die deutsche Literatur.
»Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen«, schrieb Heinrich Heine bereits im Jahr 1823 in seiner Tragödie »Almansor«. 110 Jahre, bevor die Nationalsozialisten in Deutschland dazu übergingen, Tausende Bücher verfemter Autor*innen zu verbrennen. Unter der Losung »Wider den undeutschen Geist« riefen die Nationalsozialisten, die Hitlerjugend und die deutsche Studentenschaft bereits im April 1933 dazu auf, entsprechende Literatur und ganze Bibliotheken zu vernichten. Die Forschung listet 102 Bücherverbrennungen in über 90 deutschen Städten auf. Betroffen waren vielfach die Universitätsstädte mit großen Bibliotheken, aber auch in kleineren Städten wurde ebenso rigoros gegen die Bücher verfemter Autor*innen vorgegangen. In München beteiligten sich am 10. Mai bei der größten von zwanzig Verbrennungen in Bayern an die 50.000 Menschen, während die Verbrennung von über 20.000 Büchern in Berlin am selben Tag durch den Reichspropagandaminister Goebbels inszeniert wurde. Erich Kästner schrieb später von einer »theatralischen Frechheit«. Er beobachtete das Treiben in Berlin persönlich – als Einziger von 24 Schriftstellern, deren Namen symbolisch genannt wurden, um sie aus der Geschichte zu tilgen.
Die Bücherverbrennung war nur ein Teil der Verfolgungsstrategie. Das NS-Regime sammelte Autoren und Titel auf schwarzen Listen, erstellte eine Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums« und später eine eigene Liste mit Werken »voll- oder halbjüdischer Verfasser«. Aufgrund von Verfolgung flüchteten mehr als 2.000 Schriftsteller*innen ins Exil. In der Folge entstand zwischen 1933 und 1945 die deutsche Exilliteratur, wozu auch Bertolt Brecht gerechnet wird. Viele, die wie Anna Seghers und Brecht ins Exil flüchteten, ließen sich später in der DDR nieder. Andere wie Stefan Zweig und Walter Benjamin nahmen sich auf der Flucht oder im Exil das Leben. Die, die blieben, kämpften mit Schreibverboten oder flüchteten sich wie Kästner in die innere Emigration. Andere Literat*innen, wie Carl von Ossietzky, wurden im Zuge der Verfolgung verhaftet, gefoltert und später im Konzentrationslager ermordet.
Im Ausland sorgte die großflächige Bücherverbrennung für Aufsehen. In einer kürzlich auf Deutsch herausgegebenen Reportage des spanischen Journalisten Manuel Chaves Nogales, der im April und Mai 1933 das faschistische Deutschland bereiste, machte unter anderem eine mehrseitige Bildstrecke auf die Bücherverbrennungen aufmerksam. Die Reaktion der deutschen Exil- und übrigen Auslandspresse war einhellig in Bezug auf den darin sichtbaren Niedergang der deutschen Kultur.
Betroffen von der Zerstörung waren auch Bibliotheken der Arbeiterparteien und Gewerkschaften. Die Erinnerungen des Augsburger Sozialdemokraten Heinrich Wissmann schildern die Rettung der Bibliothek aus dem Volkshaus der Arbeiterbewegung in Augsburg, das wie alle Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933 gestürmt und von Nationalsozialisten besetzt wurde. In einem späteren Protokoll berichtet der damalige Vertragsarbeiter, wie man die Bücher der kostbaren Bibliothek Stück für Stück in Aktentaschen aus dem besetzten Gebäude schaffte und aufgeteilt in unterschiedlichen Verstecken bis Kriegsende aufbewahrte. Teils fanden sich auf den Buchtiteln handschriftliche Notizen zur Rettung durch die illegale Gruppe.
Exil-Schriftsteller*innen riefen 1943 in den USA zu Gedenkfeiern auf, bei denen an US-Bibliotheken Flaggen auf Halbmast wehten. Nach Kriegsende wurde 1947 der 10. Mai zum ersten Mal als Tag des freien Buches begangen, was später durch den Börsenverein des Buchhandels wiederaufgegriffen wurde. Vielfach wurde die Bücherverbrennung auch literarisch aufgearbeitet, etwa in Brechts Gedicht »Die Bücherverbrennung«, das er Oskar Maria Graf widmete.
Lesungen erinnern
Anlässlich des runden Jahrestags erinnern in Augsburg mehrere Kulturveranstaltungen an die Bücherverbrennungen.
Den Auftakt macht am Montag, 8. Mai ein Kurt Tucholsky gewidmetes Programm von Sabine Sauer unter dem Titel »Panter, Tiger & Co. – mit den Waffen des Geistes«. Sauer führt das Publikum in der Stadtbücherei Augsburg durch das literarische Universum Kurt Tucholskys, der sich mit Peter Panter und Theobald Tiger auch einer Vielzahl von Pseudonymen bediente, deren Werke 1933 ebenfalls den Weg in die Flammen fanden. Tucholsky sei einer der schärfsten Kritiker der Nationalsozialisten gewesen, so Veranstalter Knut Schaflinger gegenüber a3kultur. In seinen Werken zeige sich auch ein »satirisch heiterer Autor, der von den Nazis auch genau wegen seiner Frechheit und satirischen Anmaßungen verachtet wurde«, erklärt Schaflinger weiter. Begleitet wird Sauer musikalisch von der armenischen Konzertpianistin Varvara Manukyan mit Werken von Schostakowitsch, Debussy, Schubert und Skrjabin. Eröffnet wird der Abend mit einer Einführung durch Schaflinger, wobei dieser auch Brechts Gedicht »Die Bücherverbrennung« vortragen wird.
Die Universitätsbibliothek lädt am Mittwoch, 10. Mai zu einer Buchpräsentation mit Objektschau. Zu Gast sind die Hamburger Künstlerinnen Eda Aslan und Nurgül Dursun, die zusammen das Gedächtnis der Sammlung Salzmann erforschten. Konkret gemeint sind damit Spuren früherer Besitzer*innen und Leser*innen, die diese in den Büchern hinterließen. Aslan und Dursun fragen, was Anstreichungen, Notizen oder vergessene Objekte in den Büchern uns über diese verraten können. Die Spuren führen die beiden in dem dokumentarischen Buch »What Was Left« zusammen.
Ebenfalls am Mittwoch, 10. Mai lädt die Brechtforschungsstätte zur Lesung »Ein Land in Flammen – Vom Reichstagsbrand zur Bücherverbrennung« mit Jürgen Hillesheim und Uwe Wittstock, der in seiner Chronik »Februar 33« die Perspektive verfolgter Schriftsteller*innen einnimmt.
Die öffentliche Lesung »Entwürdigt. Verboten. Verbrannt« bringt die Erinnerung an die verbrannten Werke am Freitag, 12. Mai in die Augsburger Innenstadt. Am Martin-Luther-Platz wird den verfemten Autor*innen eine Stimme gegeben. Dabei wird aus insgesamt zwanzig verbrannten Büchern gelesen. »Es geht darum, die Bücherverbrennungen nicht zu vergessen, aber auch darauf hinzuweisen, dass in unserer Gegenwart immer noch Bücher verboten oder verfemt werden. Wir haben jetzt zwanzig Lesende, die sich mit den entsprechenden Werken auseinandersetzen«, erklärt Organisatorin Martha Metzger von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten gegenüber a3kultur. »Wir wollen darüber hinaus bewusst machen, dass auch sehr viele Frauen betroffen waren.« Auf den ersten Listen stünden gerade einmal 55 Autorinnen, nach neueren Forschungen seien es bereits über 250 betroffene Autorinnen. Neben bekannten sollen auch eher unbekannte in Vergessenheit geratene Schriftsteller*innen vorgetragen werden. Bei Regen findet die Veranstaltung im Moritzsaal statt. Unterstützt wird die Lesung unter anderem von der Stadt Augsburg, dem Brechtkreis, der Universitätsbibliothek sowie dem Gymnasium bei St. Stephan, dessen Schüler*innen die musikalische Begleitung liefern.
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