Ausstellungen & Kunstprojekte

Afrikanische Stammeskunst made in Schwaben

Der Bildhauer Terence Carr fertigt Skulpturen aus Holz und Bronze. In der Schwäbischen Galerie im Museum Oberschönenfeld sind nun einige seiner Werke in der Ausstellung »Stop the world«zu sehen.

Es ist nicht leicht zu ergründen, wer Terence Carr eigentlich ist. Nicht einmal sein Name ist eine verlässliche Größe. Lange war er auch hinter dem Künstlernamen James Nguvu (oder N’Guvu) verborgen, was bereits die Dualität und vielleicht auch den Widerstreit der Kulturen der schwarzafrikanischen Stämme und der europäischen Kolonialmächte im Inneren des Künstlers zum Ausdruck bringt.

Carr wurde 1952 in Nairobi, Kenia, als Kind britischer Eltern geboren. Seine Jugend verbrachte er in Kenia. Als junger Mann schlug er eine Offizierslaufbahn bei der britischen Armee ein, die ihn nach London führte, von wo aus er in den 1970er-Jahren nach Süddeutschland umsiedelte. Hier begann er ab den frühen 1980er-Jahren sein bildhauerisches Werk, das aus ganzen Baumstämmen gehauene und gesägte Figuren umfasst, die in den letzten Jahren filigraner und auch in Bronzeguss umgesetzt wurden. Dazu kommen Aquarelle und tafelbild­artige Reliefs aus Modellbaupappe. Teils werden einzelne Elemente emblematisch aufeinandergetürmt, teils sind sie verhakt, verschlungen oder in Clustern verwachsen.

Die Erinnerung an Afrika ist bei Carr allgegenwärtig: Die Tierwelt des Kontinents taucht in seinem Werk immer wieder auf: Schlangen, Raubkatzen, exotische Vögel, zum Teil anthropomorph mit gebleckten Zähnen im Schnabel; Nacktheit – nicht unbedingt eine Erfindung des afrikanischen Kontinents, aber doch gerne klischeehaft mit diesem assoziiert – sowie maskenhafte Gesichter komplettieren die Assoziationskette, die durch den roh bearbeiteten und oft bunt bemalten Werkstoff Holz untermauert wird.

Die Aneignung der afrikanischen Stammeskunst durch den »weißen« Kulturbetrieb ist in letzter Zeit immer wieder Diskussionsthema. Darf die Kunst der Weißen sich aus dem Formenkanon der traditionellen afrikanischen Kultur bedienen und ihre Inhalte über diese transportieren? Picasso und seine Zeitgenossen nutzten das zu ihrer Zeit als »primitiv« angesehene Reduzierte dieser Kunst als Mittel der Subversion und der Besinnung auf das Wesentliche. Die Zeiten und Menschenbilder waren vor 120 Jahren freilich noch andere. Den umgekehrten Weg gab es auch: »Afrobeat« war in den 1960er-Jahren eine fruchtbare Fusion aus US-amerikanischen Funk- und Jazzrhythmen in den Clubs von Lagos und Addis Abeba. Zeitgenössische Künstler wie Meschac Gaba (Benin) und Ouattara Watts (Elfenbeinküste) sind formal nicht mehr von ihren Kolleg*innen westlicher Provenienz zu unterscheiden, wenngleich ihre Inhalte stark mit ihrer Herkunft verknüpft sind. Ist dies hier legitim? Und vor dem Hintergrund des Postulats der Freiheit der Kunst überhaupt relevant? Es ist etwas schade, dass dieser Diskurs in der Ausstellung weder angesprochen noch durch eine Gegenüberstellung verdeutlicht wird.

Die Ausstellung besticht durch ihre technische Vielseitigkeit und das lebhafte Nebeneinander von zweidimensionalen und dreidimensionalen Arbeiten. Zuweilen gehen in diesem bunten Treiben allerdings etwas die Inhalte verloren, die stellenweise durchaus auch abgründig sind. (mls)

www.mos.bezirk-schwaben.de | Terence Carr: Stop the World — Skulpturen aus Holz und Bronze | Schwäbische Galerie im Museum Oberschönenfeld | noch bis zum 7. November 2021

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