Alle Maßstäbe in uns selbst

20. April 2021 - 10:15 | Dieter Ferdinand

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl schrieb Robert M. Zoske eine neue Biografie: »Sophie Scholl: Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen«



Unter der befremdlichen Überschrift »Endspiel« steht das erste Kapitel. Am 22. Februar 1943 tagt im Münchner Justizpalast der 1. Senat des Volksgerichtshofs unter Roland Freisler. Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst werden zum Tod verurteilt. Es wird nicht erwähnt, dass Freisler die Angeklagten dauernd unterbrochen und angeschrien hat, um sie einzuschüchtern und als ehrlose Menschen hinzustellen. Warum erwähnt Zoske diese Art von Freisler mit keinem Wort?

Robert Scholl, Sophies Vater, war im Ersten Weltkrieg »Waffenverweigerer« und darum Sanitäter. Er sei ein »überzeugter Pazifist« gewesen. Später war er Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in Ulm. Mutter Magdalena, ehemalige Diakonisse, führte die Kinder in den evangelischen Glauben ein.

Ein Kapitel heißt tendenziös »Hitlermädchen«. Sophie war in der Jungmädelschaft des BDM. 1937 wuchs in ihr die Abneigung gegen die NS-Bewegung, unter anderem »wegen der Einschränkung der geistigen Freiheit«. Im evangelischen Konfirmationsunterricht wandte sich der Pfarrer gegen jede antisemitische Diskriminierung. Dem NS-Arbeitsdienst entging Sophie mit einer Kindergärtnerinnen-Ausbildung im ev. Fröbelseminar. Foto links, klick hier zum Vergrößern: Die lesende Schülerin Sophie im Worpsweder Kleid, 1939.

Ausführlich zitiert Zoske aus dem Briefwechsel zwischen Sophie Scholl (geb. am 9. Mai 1921 in Forchtenberg) und ihrem Freund Fritz Hartnagel (geb. am 14. Februar 1917 in Ulm). Fritz war seit 1937 als Soldat in Augsburg stationiert. 1939 wandte sich Sophie gegen den Krieg: »Sag nicht, es ist für’s Vaterland.« Und: »Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.«

Im bäuerlichen Dienst las sie Thomas Manns Roman »Der Zauberberg«, der sie stärkte »und ihr Denken weitete« (Zoske). 1942 sei Sophie Scholl klar geworden, dass sie etwas tun musste gegen die Gewaltherrscher. Der Biograf behauptet erneut, sie sei bis dahin »überzeugte Nationalsozialistin« gewesen.

Über Neujahr 1941/42 lasen etliche Freund*innen in 1.900 m Höhe Novalis, Dostojewski u.a. Sie richteten sich aus »auf die Not der Zeit, das Kreuz und die Erlösung«, schreibt Hans Scholl an seine Schwester Elisabeth. Juni/Juli 1942 wurden die ersten vier Flugblätter gedruckt. Im zweiten wird zum ersten Mal öffentlich die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden verurteilt. Am 23. Juli fuhr die Studentenkompanie vom Münchner Ostbahnhof ab nach Russland und kehrte zurück am 6. November. Sophie Scholl wollte mit Gott gegen Hitler kämpfen. Hartnagel überlebte Stalingrad mit erfrorenen Händen. Foto links, klick hier zum Vergrößern: Vor der Frontfamulatur in Russland – Hubert Furtwängler, Hans Scholl, Raimund Samüller, Sophie Scholl, Alexander Schmorell (v.l.n.r.) am Münchner Ostbahnhof, 23. Juli 1942.

Am 18. Februar 1943, dem Tag der Festnahme von Hans und Sophie, hielt Goebbels im Berliner Sportpalast seine Rede: »Wollt ihr den totalen Krieg?« Vier Tage später wurden Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst zum Tod verurteilt und am gleichen Tag im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet. Am 24. Februar erfolgte die Beisetzung auf dem Perlacher Friedhof. Magdalena Scholl schrieb an Fritz Hartnagel: »Sie sind uns jetzt ein Teil von Sofie.« Elisabeth Scholl: »Wir müssen sie (Sophie) und Hans jetzt noch inniger in unser Gebet einschließen, denn vor Gott gibt es ja keine Zeit.«

Im Kapitel »Nachspiel« setzt sich Robert M. Zoske mit dem Buch »Die weiße Rose« von Inge Scholl auseinander. Es handle sich dabei um eine »ahistorische Überhöhung«. Die Notizen von Inge seien die »Geburtsurkunde der Ikone Sophie Scholl«. Sie sei »inzwischen so sakrosankt wie Anne Frank«, ein für Zoske bezeichnender Vergleich. Ihm passt es wohl nicht, dass Sophie so häufig erwähnt und geehrt wird. Am Schluss des Kapitels verwendet er jedoch wiederum das Wort »Ikone«: »Sophie war eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau. Sie darf angesichts ihrer Tat Ikone – ein Vor- und Leitbild – für Glaubensmut, Mitmenschlichkeit und Widerständigkeit sein.«

»Sophie Scholl: Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen« von Robert M. Zoske, Propyläen Verlag, 448 Seiten
www.ullstein-buchverlage.de


Fotos © Stadtarchiv Crailsheim/Slg. Hartnagel

 

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