»Alles kommt vom Meer: Sprache, Musik, Leben«
Vom 27. Juli bis 6. August findet in Augsburg das Festival der Kulturen »Water and Sound« statt. Im Mittelpunkt stehen Weltmusik aus der Mittelmeerregion und das Augsburger Welterbe. Ein Gespräch mit dem künstlerischen Leiter Girisha Fernando.
a3kultur: Bei »Water and Sound« 2023 steht die Mittelmeerregion im Fokus. Was versteht ihr darunter?
Fernando: Die Region des Mittelmeers ist seit Jahrtausenden geprägt von menschlicher Aktivität und einer reichen Historie. Handel, Kolonisation, Migration, Kriege, Eroberungen und Konflikte haben über Jahrtausende diese Region und die Menschen und damit auch die Musik geprägt. Das Meer dient hierbei sowohl als Verbindungsweg und Ort des kulturellen Austauschs, vor allem historisch, wie auch als trennende Grenze. Heute verläuft hier eine harte politische Grenze zwischen dem wohlhabenden Europa und dem globalen Süden.
Kürzlich beschrieb der Musiker Mauro Durante von Canzoniere Grecanico Salentino aus Apulien im Gespräch, wie sehr seine Kultur und Musik vom Wasser, vom Meer geprägt ist. Für ihn kommt alles vom Meer: Sprache, Wissen, Musik, Leben. Die Kultur Süditaliens ist stark geprägt vom fruchtbaren Austausch zum Beispiel mit Nordafrika oder Griechenland. Heute ist die Südspitze Italiens dagegen Schauplatz dramatischer Fluchtbewegungen und das Mittelmeer auch ein »Ort des Todes«, wie Mauro sagt, der diese Tragik auch in Songs seiner Band verarbeitet hat.
Welche weiteren Schwerpunkte lassen sich beim Musikprogramm erkennen?
Ein großer Teil der französisch-arabischen Musikszene ist Ausdruck einer postkolonialen Realität. Viele Menschen aus den Maghrebstaaten leben als Folge der Kolonialzeit in Frankreich. Die Wirklichkeit dieser postmigrantischen Gesellschaft wird auch auf faszinierende Art in der Musik verhandelt, bei Bands wie Al-Qasar aus Paris oder auch der marokkanisch-französischen Gruppe Bab L’Bluz. Hier trifft arabische und nordafrikanische Musik auf Einflüsse westlicher Psychedelica.
Hier schließt sich auch gewissermaßen ein Kreis, wenn bei Bab L’Bluz zwei unterschiedliche subkulturell geprägte Musiken aufeinandertreffen, die marokkanische Gnawa-Musik mit ihren westafrikanischen Ursprüngen und psychedelische Rockmusik mit Ursprüngen in der afroamerikanischen Musiktradition. Dieses spannende Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne ist ein konstantes Merkmal der Musik bei »Water and Sound«. Wie bei San Salvador mit ihren okzitanisch beeinflussten Gesängen, die auf die Antike zurückgehen, deren Songs aber brandaktuell sind. Oder Fanfara Station aus Florenz: Elektronik mit Balkaninfusionen und nordafrikanischem Gesang – eine wahre Mittelmeerfusion.
Das Thema Wasser ist ebenso vielfältig wie konfliktreich. Wie bindet ihr das beim Festival ein?
Das Rahmenprogramm dient der Erkundung der Räume zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Realität und Imagination. Im Programmheft haben wir zusammen mit der Autorin Helena Gladen eine Faktensammlung angelegt, in der Wasserthemen des Mittelmeerraums punktuell behandelt werden, die dann wiederum von der Künstlerin Gala Vanson in eine Ausstellung transformiert werden. In Panels behandeln Expert*innen unter anderem der Universität Augsburg, aber auch von der Universität Venedig Ökologie und Politik.
Spielorte sind auch wieder der Kuhsee und die Freilichtbühne. Am Roten Tor empfangt ihr die kurdische Sängerin Aynur.
Ein Booking wie Aynur hat Jahre an Vorlauf und wird auch im Vorfeld mit den verschiedenen lokalen Communitys reflektiert. Aynur ist inzwischen auf Bühnen wie der Elbphilharmonie oder der New Yorker Carnegie Hall zu Hause. Sie verbindet traditionelle kurdische Musik auf stimmige Art mit Elementen von Jazz und Klassik. Die Freilichtbühne hat sich die letzten Jahre als perfekter Ort für die nun schon traditionellen Eigenproduktionen des Festivals in Kooperation mit dem Ensemble der Augsburger Philharmoniker erwiesen.