Literatur

Wie antisemitisch sind wir?

Juliana Hazoth
25. November 2021

Am 10. November fand in der Stadtbücherei eine Lesung mit anschließendem Gespräch mit der in Paris geborenen Autorin Elisa Diallo und dem Schweizer Autor Thomas Meyer statt. Unsere Literaturredakteurin Juliana Hazoth traf im Vorfeld der Lesung Thomas Meyer und sprach mit ihm über sein Buch »Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein?«.

Wie ist denn der Titel Ihres Buches entstanden? Ist das das gängige Klischee, das Ihnen begegnet?

Nein, nicht direkt. Bei der Suche nach dem Titel sucht man ja schon eher etwas Provozierendes, etwas, das einen innehalten lässt. Und dieser Titel hat sich angeboten, weil er ausdrückt, wie widersinnig ich die Konfrontation mit solchen Klischees immer wieder finde. Die Klischees an sich sind ja schon widersinnig. Dass sie dennoch ständig an mich herangetragen werden, lässt mich eben diese Frage stellen.

In Ihrem Buch heißt es, Sie hätten es geschrieben, um »endlich einmal ausreden zu können«. Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen das gelungen ist?

Ja, das war schön! Es ist schwierig, weiterzusprechen, sobald das Wort Antisemitismus fällt. Wir sind uns ja weitestgehend einig, dass Antisemitismus schlecht ist. Aber die meisten Leute sind sich auch einig, dass sie nicht davon betroffen sind, dass es sie nichts angeht. Und das heißt dann auch, dass ein solches Gespräch nicht geführt werden darf. Es findet ja unter der Prämisse statt, dass man vielleicht doch Ressentiments haben könnte. Zumal man ja gerade eins geäußert hat, wie eben das der »typisch jüdischen Nase«. Es ist zwar ein antisemitisches Klischee, es ist sogar Nazipropaganda, aber man ist ja trotzdem überzeugt, dass man mit Nazis nichts zu tun hat. Da ist auch meine Gegenrede nicht erlaubt. Wenn ich dann doch widerspreche, habe ich meist sieben bis acht Sekunden Redezeit, dann ist es vorbei.

Der Frust ist immer da

Sie berichten davon, an einem Punkt mit dem Widersprechen aufgehört zu haben und stattdessen nun der Frage nachzugehen, woher diese Klischees beim Einzelnen kommen. Schaffen Sie das meistens oder ist der Frust dann doch stärker?

Der Frust ist natürlich immer da. Auch wenn wir alle nicht antisemitisch sein wollen, sind wir noch längst nicht so weit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, vielleicht dennoch etwas aufgeschnappt und erlernt zu haben. Mein Frust liegt ja hauptsächlich darin, dass meine Widerrede nirgendwohin führte. Letztlich kam meist nur: »Ihr seid aber auch empfindlich!« Man darf also als jüdischer Mensch eigentlich gar nichts sagen. Daher war es eine rein nervensparende Entscheidung, das einzustellen – und tatsächlich auch Neugierde. Ich wollte wirklich wissen, wie man eigentlich dazu kommt, so was zu sagen. Das ist ja kein faktisches Wissen, das nachzulesen ist.
 
Gibt es Situationen, in denen Sie das Nachfragen und Widersprechen auch einfach mal sein lassen müssen, um Ihre Energie zu schonen?

Ja, auch um meine Integrität zu schützen. Es ist ja doch sehr verletzend. Dass es diese Vorurteile gibt, dafür kann man ja erst mal nichts. Wenn die Eltern einmal sagen, dass Juden so geizig seien, dann nimmt man das eben entgegen. Dass solche Klischees bestehen und man damit aufwächst, dafür kann man also nichts. Aber man könnte etwas dagegensetzen. Und wenn dann schon ein jüdischer Mensch freundlich und sachlich zum Gespräch und zur Reflexion einlädt, dann ist es wirklich sehr frustrierend, wenn diese Einladung ausgeschlagen und das Ganze verdreht wird zu: »Du bist aber mühsam und penetrant. Und außerdem irrst du dich, das ist eine ganz miese Unterstellung.«

Es scheint manchmal so, als gäbe es vor allem in Deutschland eine Art Sensationslust beim Thema Antisemitismus. Was meinen Sie, woher mag das kommen?

Es ist gewiss ein Reizthema. Die deutsche Geschichte ist natürlich eine andere als beispielsweise die der Schweiz. Dort gab es die letzten Pogrome im 14. Jahrhundert. Aktuell sind extreme Übergriffe in der Schweiz sehr selten, sodass es auch keine explizite Statistik dazu gibt. Das führt zu dem Trugschluss, dass wir keinen Antisemitismus hätten. Und das projiziert man natürlich auch auf sich selbst. In Deutschland ist der Trugschluss offenbar, man hätte sich so stark damit auseinandergesetzt, man wäre jetzt sozusagen immun und hätte damit nichts zu tun. Aber trotzdem gibt es eben diese Ideen über die Juden. Das kann also parallel existieren: überzeugt zu sein, nicht so zu denken, aber eben doch genau so zu denken.

Gibt es denn ein konkretes Bild, wie Juden angeblich sind?

Es ist schon eher diffus. Man ist sich aber einig, dass es eine homogene Gruppe ist – also austauschbar. Es gilt: jüdisch = x. Sehr humorvoll, sehr geschäftstüchtig, sehr geldgierig, sehr hinterhältig, sehr klug. Diese Verallgemeinerung ist gängig, es gibt aber kein kongruentes Bild. Die einzelnen Aspekte sind ja auch so grotesk, dass es gar nicht kongruent sein kann.

Wir sind alle rassistisch und sexistisch

Sie schreiben in Ihrem Buch vom »Existenzkampf des verletzten Egos«. Können Sie darauf kurz eingehen?

Gerade in linken Kreisen besagt das Selbstbild, man sei ein zu edler und kluger Mensch, um in die Falle des Antisemitismus zu tappen. Das wird ausgeschlossen. Und wenn doch eine dumme Äußerung gemacht wird gegenüber einem jüdischen Menschen und dieser sagt dann: »Jetzt bist du aber in die Falle getappt!«, dann gibt es eine Dissonanz. Und wie es bei solchen Dissonanzen immer der Fall ist, müssen sie aufgelöst werden. Die Wahl fällt dann eben darauf, dass der andere sich irrt bzw. übertreibt. Es geht darum, dass man selbst kein Antisemit sein möchte. Das ist wichtiger, als wie die Person gegenüber sich fühlt. Das ist ja das Problem: Man ist nicht bereit, diese Schmach auszuhalten und sich zu fragen, wie es zu dieser Inkongruenz kommen konnte. Man entscheidet sich stattdessen dafür, dem Gegenüber die Schuld zuzuschieben.

Wie oft passiert es Ihrer persönlichen Erfahrungen nach, dass Menschen sich einsichtig zeigen und anfangen, darüber nachzudenken?

Selten. Bei rund 700 Übergriffen erinnere ich mich an die wenigen Ausnahmen, bei denen die Leute das wirklich ausgehalten und sich einfach entschuldigt haben. Das erfordert auch wirklich Charakterstärke. Selbst wenn ich diese Fragen stelle, gibt es Menschen, die sich schon davon beleidigt fühlen.

Sie geben in Ihrem Buch selbst zu, ebenfalls Vorurteile zu haben, und erzählen von einigen sehr unangenehmen Situationen. Ist Ihnen dieses Geständnis schwergefallen?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe es dennoch gemacht, um glaubwürdig zu sein. Mir war es wichtig, dass mein Buch keine Anklageschrift mit Gefälle wird. Die Aussage ist ja eben, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir sind alle rassistisch und sexistisch, das müssen wir uns eingestehen und bei uns selbst aufdecken. Diese Botschaft kann ich nur vermitteln, wenn ich das auch bei mir selbst tue. Natürlich ist mir das schwergefallen, weil ich es ekelhaft finde, welche Gedanken man haben kann. Der einzige Weg raus ist, dass wir uns davon lösen zu glauben, wir wären frei von solchen Gedanken. Ich bin in den Siebzigern aufgewachsen, einer sehr frauenfeindlichen Zeit, die auch auf mich eingewirkt hat. Und wenn man das nun umdreht und fragt, ob ich Sexist bin, würde ich auch erst mal verneinen. Aber natürlich gibt es Ressentiments, nicht dauernd und nicht heftig, aber sie existieren. Die Frage ist, warum wir davon überzeugt sind, uns davon distanzieren zu dürfen. Ich bin froh darüber, dass ich solche Gedanken erkenne und mich dann fragen kann, woher sie stammen.

Wie wichtig ist Sprache in diesem Kontext?

Ich glaube, Sprache ist immer wichtig. Es gibt zwar kein direktes Schimpfwort für Juden, aber sogar »Jude« wird als Beleidigung genutzt. Sprache ist generell sehr formend, sie formt die Beziehungen, die wir haben. In meinen Augen gibt es beispielsweise auch nicht: »Das habe ich nicht so gemeint.« Es gibt einen Grund, warum man etwas so sagt, wie man es sagt. Man kann etwas nicht zurücknehmen – was man sagt, ist, was man denkt. Ebenso: »Ich wollte dich nicht verletzen.« Na ja, davon gehe ich doch mal aus, das wäre ja noch schöner. Das ist aber passiert.

Was wünschen Sie sich von sich selbst, von mir, von Ihren und unseren Leser*innen?

Ich wünsche mir, dass wir uns alle eingestehen, dass wir sexistische Rassisten sind. Alle. Und dass wir uns dann fragen, wo bin ich das und vor allem warum, wo kommt das her. Wenn wirklich jemand sagt, er sei keiner, dann stimmt das einfach nicht. Irgendwo zeigt sich das immer. Wir verständigen uns nur darauf, dass uns das alles nicht betrifft – und genau das ist das Problem.

 

Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein?

von Thomas Meyer
Edition Zeitkritik, Band 5
96 Seiten, 2021
Erschienen Büchergilde Gutenberg
www.buechergilde.de

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