Die Basis stimmt
Jürgen Enningers Arbeit als Kulturreferent in Augsburg war noch nie einfach. Finanziell steht er mit dem Rücken zur Wand. Dennoch könnte sein Wirken erfolgreich sein. Ein Portrait
Die Verabredung mit dem Kulturreferenten ist für den Nikolaustag mittags im Huan angesetzt. Der Terminkalender des Verantwortlichen für Sport, UNESCO-Welterbe und Kultur in Augsburg ist eng getaktet. Offene Zeitfenster sind rar. Jürgen Enninger nimmt sich trotzdem die Zeit. Wenn es sein muss, auch in seiner Mittagspause. Die chinesische Küche des Restaurants gilt als erste Adresse bei allen, die eine Ahnung von dieser Kochkunst haben. Allen voran bei Menschen mit chinesischen Wurzeln in unserem Land. Warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.
Im Huan verblüffte mich der Grünen-Kulturpolitiker auch vor einigen Monaten, als er aus dem Stand heraus mit unserer freudig überraschten Bedienung einen Plausch auf Thai hielt. Seine Sprachkenntnisse auf diesem Gebiet hat er sich beim Studium in Passau erworben und auf einigen Reisen vertieft.
Jürgen Enninger lässt einen eben immer wieder staunen. Zum einen, wenn er mit seiner freundlichen Art die brennenden Themen seines Ressorts oft nur weglächelt, wie es scheint. Dann wieder, wenn im persönlichen Gespräch oder in Berichten Dritter seine unverstellte Position zu den Dingen deutlich wird. Da muss man nicht immer seiner Meinung sein, um ihn als Gegenüber zu verstehen.
Er brennt für seine Themen. Er brennt für die Kultur.
Als Kulturmanager, Lobbyist und Handlungsreisender in Sachen Kultur- und Kreativwirtschaft hat er genügend Erfahrung gesammelt, um die Zusammenhänge zwischen einer funktionierenden Angebotspalette im Bereich Kunst und Kultur und dem daraus resultierenden monetären Mehrwert für die gesamte Gesellschaft zu begreifen. Die einfache Formel »Ein Euro in die Kultur investiert bringt zwei Euro in die Kassen zurück« ist für ihn keine Binsenweisheit, sondern eine mehrfach bewiesene Tatsache.
Als leidenschaftlicher Zuhörer, Leser und Zuschauer kennt er aber auch den Mehrwert über den finanziellen Aspekt hinaus: die Kraft der Kunst, Identität zuzulassen, Integrität zu wahren, Vernetzungen einzugehen und zuweilen neue Wege zu finden. Er brennt für seine Themen. Er brennt für die Kultur. Und das ist mehr, als man von den meisten seiner Kolleg*innen im Augsburger Rathaus behaupten kann. Welche großartigen Dinge hätte er für unsere Kulturregion leisten können, wäre er zu einer anderen Zeit ins Amt gekommen.
Die Stadt, deren oberster Kulturvertreter er sein wollte, lebte seit Generationen die Tradition, ihre Orte der Bildung, Kunst und Kultur verrotten zu lassen.
Enninger hatte sein Büro noch nicht bezogen, da beherrschte längst Corona das Leben. Die hohle Phrase von Kunst und Kultur als systemrelevanten Elementen unseres Lebens machte in der Politik die Runde und frustriert die Betroffenen bis heute. Doch damit nicht genug. Die Stadt, deren oberster Kulturvertreter er sein wollte, lebte seit Generationen die Tradition, ihre Orte der Bildung, Kunst und Kultur verrotten zu lassen. Wann nahm die Umleitung von Projektgeldern für Museen und Theater hin zu Gewinnen für Immobilienunternehmen eigentlich ihren Anfang? Während wertvolle Flächen und Gebäude oft an Günstlinge verscherbelt und weitere Millionenbeträge durch Fahrlässigkeit aller Art verzockt wurden, gingen in den stadteigenen Häusern die Lichter aus.
Dieser Katalog der Schande wuchs auch unter Enninger als Kulturreferent. Die Katharinenkirche, Hort der größten Kunstwerke unserer Region, und das vor sich hin modernde Palais an der Maximilianstraße, das einst Heimstätte des Leopold-Mozart-Konservatoriums war, sind zwei beispielhafte Posten auf einer viel zu langen Liste. Das Desaster um die Baustelle am Kennedyplatz bildet dabei die Spitze dieser düsteren Parade.
War Jürgen Enninger in politischen Fragen zu blauäugig, um die Untiefen, in die er sich begab, als solche zu erkennen? Oder war es die Verheißung eines Jobs, mit dessen Renommee und wohl auch Vergütung sich seine bisherigen Tätigkeiten nicht vergleichen ließen, die ihn dazu brachte, in Augsburg Kulturreferent zu werden? Es trifft wohl beides zu, zumindest in Teilen. Wer mag es ihm verdenken?
Da will einer mit großem Talent und ebensolcher Lust, Dinge zu bewegen, ins neue Amt starten und stellt fest, dass sein Ressort doch nur ein Spielball im politischen Tagesgeschäft ist. Gedeckelt als freiwillige Leistung, die Kultur im Haushalt darstellt, und oft genug ausgebremst von den Kolleg*innen im Rathaus, für die der Besuch von Theateraufführungen oder Ausstellungen in der Regel ein, wenn überhaupt, lästiges Pflichtprogramm bedeutet. Auch in Bezug auf den Fakt, dass die noch amtierende Staatsministerin für Kultur und Medien ihren Wahlkreis in Augsburg hat und zudem in der Partei von Enninger eine maßgebliche Rolle spielt, hat die Stadt nicht viel Belegbares vorzuweisen. Von ihren zahlreichen Besuchen samt Redebeiträgen abgesehen lieferte sie dem Referenten kaum im Tagesgeschäft Verwertbares.
Überdeutlich wurde die Bedeutung, die der Kultur von der Augsburger Politik zugestanden wird, im Sommer diesen Jahres. Handstreichartig beschlossen die Oberbürgermeisterin und der Baureferent die Trennung vom mit der Planung des neuen Staatstheaters betrauten Architekturbüro. Der Kulturreferent, immerhin auf dem Papier Bauherr des umstrittenen Projekts, blieb bei den Entscheidungen außen vor. Ein Affront. Seine Beteuerung, diese skandalösen Vorgänge in internen Runden klar zur Sprache gebracht zu haben, blieb nach außen ohne Wirkung.
So zeigen seine Arbeitsschwerpunkte, beispielsweise die Club- und Festivalkultur, die freien Theater und die Szene rund um die Gegenwartskunst zu stärken, Wirkung.
Andere hätten spätestens an dieser Stelle möglicherweise resigniert. Jürgen Enninger macht, was er in seiner Zeit vor Augsburg gelernt hat und woran er glaubt: Er knüpft an Netzwerken und baut an
–auch zahlenbasierten– Konzepten für die Zukunft. So zeigen seine Arbeitsschwerpunkte, beispielsweise die Club- und Festivalkultur, die freien Theater und die Szene rund um die Gegenwartskunst zu stärken, Wirkung. Auch wenn diese nicht von allen Beteiligten immer im gleichen Maße geschätzt wird. Durch ein von ihm propagiertes Zusammenwachsen dieser Protagonist*innen und Kulturorte erwächst Sichtbarkeit und damit Relevanz. Das Zugehen auf diese Gruppen, die nicht selten in einer Art der kollegialen Konkurrenz miteinander agieren, ist nie einfach, hat aber etwas Entwaffnendes. Diese Basisarbeit ist der Nährstoff für die Zukunft.
Aus dieser Melange kann in den kommenden Jahren für die gesamte Kulturregion Entscheidendes erwachsen. Die Basis stimmt. Zahllose Menschen engagieren sich beispielsweise in Fördervereinen, um private Theater, die Klassikszene, Gegenwartskunst oder die Clubkultur zu unterstützen. Die Akteur*innen sind breit aufgestellt und bieten Veranstaltungen auf oft hinreißendem Niveau. Was fehlt, ist die Sichtbarkeit dieser Arbeit im öffentlichen Raum. So gibt es kaum nennenswerte Außenflächen, ob analog oder digital, um die vielfältigen Programme wirksam zu bewerben. Die verfügbaren wurden, ähnlich vielen städtischen Immobilien, verscherbelt.
Nährstoff für die Zukunft
Was ebenfalls fehlt, ist eine Bündelung dieser zahlreichen Einrichtungen. Die Besinnung auf den Reichtum, den diese Region aus sich hervorbringt. Seine erfahrenen Teams in Kulturamt und –referat leisten gute Arbeit, sind dieser Aufgabe jedoch nicht gewachsen. Ein Stadttheater, das diese Fokusrolle einnehmen könnte, gibt es nicht mehr. Auch dieses wurde ein Opfer des mangelnden Respekts der Politik vor der Kultur. Es fehlt auch an einer Fokussierung kulturpolitischer Ziele, mit der sich die Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus unserer reichen Region identifizieren können. Spendenaufrufe wie zum Neubau des Theaters verhallen, weil potenzielle Geldgeber dem Projekt nicht vertrauen. Die Politik hat ihre Glaubwürdigkeit in diesem Bereich verspielt. Diesen Kreisen mit neuen, verständlichen und transparenten Strategien den Ball zuzuwerfen, ist Teil der Überlegungen von Jürgen Enninger.
Die Zeit reichte in dieser Mittagspause für zwei Schalen mit scharfer Suppe, die einem die Tränen in die Augen trieb. Die Liste der Gesprächsthemen ist nicht einmal zur Hälfte abgearbeitet. Kein Problem. Denn es ist alles im Fluss. Es geht weiter. Und wenn wir eines wissen, dann vielleicht das: Unsere Stadt ist alt genug, um einiges wegzustecken. Sie ist aber auch jung genug, um immer wieder aufzustehen.
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