Ausstellungen & Kunstprojekte

Mit Baumwolldruck zum Erfolg

Iacov Grinberg
16. Juni 2021

Anlässlich des 300-jährigen Geburtstages von Johann Heinrich Schüle widmet das Grafische Kabinett dem Kattunfabrikanten eine Ausstellung in ihren Räumen. Iacov Grinberg hat die Ausstellung für uns besucht.

Obwohl Johann Heinrich Schüle einer der bedeutendsten Kattunfabrikanten des späten 18. Jahrhunderts war, geriet er zunehmend in Vergessenheit. Dr. Nicht, Kurator der Ausstellung, widmete sich dieser wichtigen Persönlichkeit der Augsburger Stadtgeschichte, um ihn den Augsburgern wieder in Erinnerung zu rufen.

Schüle kam 1720 in einer Nagelschmiede-Familie zur Welt. Neben Fleiß zeichnete ihn früh eine natürliche kaufmännische Begabung aus. Bereits mit elf Jahren begann er eine kaufmännische Ausbildung in Straßburg und zog nach Abschluss seiner Lehre als Schnittwarenhändler 1745 nach Augsburg. Drei Jahre später heiratete er in eine Textilhändler-Familie ein, dabei erhielt der 28-jährige als Brautgabe ein Haus am Perlachberg und die Textilhandlung der Schwiegereltern.

Den nächsten Schritt auf seiner Karriereleiter hat er vor allem seinen unternehmerischen Tätigkeiten zu verdanken. Schüle beschäftigte sich mit der Qualitätsverbesserung des Kattuns und mit Veredelungen durch Bedrucken und Bemalen. Kredite und Kontakte in Europa erlaubten es ihm schließlich seine Erträge zu steigern und schon fünf Jahre später konnte er am Alten Heumarkt in Augsburg ein Haus bauen. Der Unternehmer versuchte ständig Arbeitskosten zu verringern und beschäftigte aus diesem Grund »Weibspersonen« aus Pappenheim. Zudem schloss er einen Vertrag mit dem Augsburger Zucht- und Arbeitshaus und ließ dort günstig Stoffbahnen verzieren. Aus Kostengründen transportierte er die Stoffbahnen nach Hamburg, um sie dort bedrucken und in Augsburg ausmalen zu lassen. Da die Qualität und Menge der Augsburger Webwaren ihm nicht ausreichten, begann er auch ostindische Kattune zu importieren. Zum Teil ignorierte Schüle dabei auch Gesetze. Darüber brach letztlich ein Streit mit den Webern aus, die den Schutz des einheimischen Handwerks und dessen Webwaren sichern wollten. Bei einer Betriebskontrolle im Jahr 1765 wurden in seiner Manufaktur versteckte Kattuneinfuhren entdeckt. 1766 wurde Schüle schließlich zu einer Geldstrafe von 10.600 Gulden verurteilt. Seine importierten, nicht deklarierten Waren wurden daraufhin beschlagnahmt. Verärgert kehrte der Unternehmer daraufhin der Fuggerstadt den Rücken zu und zog mit der Fabrik nach Heidenheim.

1767 reiste Schüle nach Wien und erhob vor dem Reichsgerichtshof Klage gegen die Stadt Augsburg. Durch gemeinsame Geschäftsbekannte entstand der Kontakt zu der Habsburger Kaiserin Maria Theresia, die Schüle empfing und seine Textilien lobte. Dieser Kontakt könnte womöglich auch eine Rolle bei dem Urteil des Reichsgerichtshofs gespielt haben: 1768 urteilte das Gericht zu Gunsten von Schüle und gegen die Stadt Augsburg.

Schüle kehrte daraufhin nach Augsburg zurück und widmete sich ganz seinen erfolgreichen Geschäften. In den Jahren 1770/1771 ließ er vor den Stadtmauern nahe dem Roten Tor die so genannte »Schülesche Kattunfabrik« errichten. Heute ist an diesem Ort die Hochschule Augsburg zu finden. Ein Teil der Fassade ist bis heute denkmalgeschützt. Damals erbaute Fabrikgebäude ähneln Schlössern stark in ihrem Erscheinungsbild. Diese Tatsache hat einen einfachen Grund: Damals wurden zuverlässige Vorbilder nachgebaut, da Berechnungen zu Statik aufwendig aufzutreiben waren. Auch die Kesselräume für die damals neuen Dampfmaschinen ähneln Kapellen. Schüles Unternehmen beschäftigte bis ungefähr 1785 etwa 3.500 lohnabhängige Arbeiter und war zeitweise der größte Arbeitgeber in Augsburg. Schüle stieg auch gesellschaftlich auf: Im Jahr 1772 erhob ihn der Kaiser Joseph II. in den erblichen Adelsstand.
Im Jahr 1792, im stolzen Alter von 72 Jahren, übergab er seine Firma an seine Söhne. Seine Nachfolger konnten die Firma aber nicht aus den roten Zahlen retten. Die Konkurrenz wurde immer stärker und die Napoleonischen Kriege zerstörten die üblichen Handelswege. Die Nachfrage nach seinen Produkten sank drastisch. 1808 war die Firme bankrott. Schüle überlebte seine Firma um drei Jahre.

Die Ausstellung »Johann Heinrich Schüle – Mit Baumwolldruck zum Erfolg« im Grafischen Kabinett der Kunstsammlungen und Museen Augsburg ist nicht nur für diejenigen spannend, die sich für die Geschichte von Augsburg interessieren, sondern für alle, die mehr über eine abwechslungsreiche Lebens- und Unternehmensgeschichte erfahren möchten. Die ausgestellten Objekte, wie beispielsweise das Adelsdiplom oder die Wappenbeschreibung, sind äußerst sehenswert.

Spannend sind auch die zahlreich ausgestellten Druckmusterentwürfe. Schüle beschäftigte einerseits eine hochbezahlte Designerin aus Hamburg, andererseits förderte er die Textildesign-Ausbildung an der Augsburger Akademie. Diese Entwürfe sind mit einem Siegel ausgezeichnet, das zeigt das sie Gewinner eines Wettbewerbs waren und zeigen sowohl Note und Datum des Wettbewerbs als auch den Namen des Designers. Die Designs sind zeitlos und könnten noch heute gefallen und auf großes Interesse stoßen.

Die Ausstellung kann noch bis 12. September im Grafischen Kabinett in der Maximilianstraße in Augsburg besucht werden.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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