Belastendes Material
Im Rahmen des Friedensfests lud das Jüdische Museum Augsburg Schwaben zur Podiumsdiskussion. Es ging um das Thema Antisemitismus im Sport, jüdische Sportvereine und um die braune Vergangenheit großer Fußballvereine.
Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung sind bis heute gesamtgesellschaftliche Probleme, die vor dem Sport keinen Halt machen. Im Gegenteil, der Sport agiert vielmehr als Brennglas. Insbesondere im Kontext des Fußballs werden diskriminierende Verhaltensweisen teils widerspruchslos geduldet, gar nicht erst erkannt, oder nicht an die vorhandenen Meldestellen übermittelt. Antisemitismus ist dabei wohl die stärkste Ausdrucksform, um die/den Gegner*innen zu erniedrigen. »Judenverein« oder »Jude«, die scheinbar größtmögliche Beleidigung der Gegner*innen.
Diskussionsteilnehmer Lasse Müller, Sportsoziologe, Bildungsreferent bei Makkabi Deutschland und Teil des Präventionsprojekts »Zusammen 1«, sieht Parallelen zwischen damals und heute und berichtet von antisemitischen Anfeindungen gegen jüdische Sportler*innen in Deutschland. Die Statistik zeige, so Müller, dass diskriminierendes Verhalten sowohl in Amateurfußballspielen bis hin in die oberen Ligen stets zu finden ist. Müller kritisierte, dass vor allem im Amateurbereich Schiedsrichter*innen oder auch Trainer*innen eine wichtige Rolle spielen, aber dahingehend nicht ausreichend geschult werden und folglich Diskriminierung auf dem Spielfeld nicht (ausreichend) geahndet wird. Zudem nehme die Unterstützung der Opfer von Diskriminierung immer noch einen zu kleinen Stellenwert ein und so wissen viele gar nicht, an wen und wo sie sich wenden können. Bei Makkabi Deutschland ist das übrigens anders. Einen »Vorfall melden« können alle ohne Umwege auf der Startseite der Homepage.
Lasse Müller ist übrigens selbst Fußballfan, wie so mancher, der an diesem Abend in der Fußballkneipe 11er zu Besuch war. Dort mussten die Fans tapfer sein und vielleicht auch bittere Wahrheiten verkraften, als der Historiker und Direktor der Schwabenakademie Irsee, Dr. Markwart Herzog, von seinen Recherchen zur braunen Vergangenheit mancher Fußballvereine berichtete. Lang hat es gedauert, bis man sich an dieses Thema »traute«. Oft stieß Herzog gegen Widerstände der Vereine, so auch beim FC Bayern München. Herzog widerlegte den Mythos der »unschuldigen« Bayern und fand belastendes Material gegen den Traditionsclub. Aufgrund von medialem Druck mussten die Bayern-Bosse dann doch ihr Archiv öffnen und Forscher*innen Zutritt gewähren. Heraus kam, dass die Vergangenheit des Vereins doch nicht so blütenweiß war, wie wahrscheinlich von vielen erhofft und propagiert wurde.
Bei den Erzählungen der Referenten mussten so einige schlucken. Auch deshalb ist ein solcher Abend im 11er so wichtig, nicht um den Spaß am Fußball zu minimieren, sondern zu sensibilisieren und Missstände zu verdeutlichen. Die Fans haben eine so große Macht im Stadion und im Verein, sie sollten sie nutzen, damit wirklich jeder gerne ins Stadion geht und dieser großartige Sport gemeinsam friedlich gefeiert werden kann. Genauso müssen aber auch die Vereine und auch der DFB mehr tun als nur schöne Plakate zu drucken und leere Worthülsen zu präsentieren.
Auf die Frage hin, ob es auch belastendes Material beim FC Augsburg gäbe, muss Herzog mit den Schultern zucken. Bisher hat der Verein offenbar wenig Interesse gezeigt, die eigene Vergangenheit dahingehend überprüfen zu lassen.
(An diesem Punkt könnte man auch die Scheinheiligkeit der FIFA erwähnen, die sich einerseits für die Rechte der LGBTQIA+ -Community ausspricht und den Pride Month »feiert«, aber gleichzeitig eine Weltmeisterschaft in Katar veranstaltet, einem Land in dem Homosexualität verboten ist – aber lassen wir das mal besser).