Ausstellungen & Kunstprojekte
Politik & Gesellschaft

Beryls Vermächtnis

Eine ungewöhnliche Retrospektive, ein »Road movie« mit politischem Zündstoff – die MEWO Kunsthalle in Memmingen ist alles andere als Provinz.

Normalerweise zeigt die MEWO Kunsthalle keine Ausstellungen mit studentischen Arbeiten. Aber hier verhält es sich etwas anders: »Portfolio« ist das Vermächtnis einer jungen, aus Memmingen stammenden Kunststudentin namens Beryl Kappelmann. Kappelmann studierte im akademisch gut aufgestellten Kassel nicht nur Kunst, sondern auch mit großem Interesse Politik und Soziologie. Sie bewarb sich 2020 in ihrem Heimatort Memmingen um eine Einzelausstellung, wurde aber aus o. g. Gründen abgewiesen.

Den Status einer Künstlerin mit akademischen Weihen sollte sie nie erhalten: 2021 verstarb Beryl Kappelmann urplötzlich, 25jährig; ein Grund für Museumsleiter und Kurator der Ausstellung, Axel Lapp, die Prinzipien doch einmal vorübergehend auszublenden und das bis dato entstandene Lebenswerk der jungen Frau genauer zu begutachten. Es sollte sich als Gewinn für die Kunsthalle herausstellen: 

In Kappelmanns rohen, lakonischen Gemälden und Videos, die von der Art und Qualität der Ausführung her sehr unterschiedlich sind und teilweise verschollen waren und zusammengeknüllt in Plastiktüten wiedergefunden wurden, blitzen kluge, zuweilen anarchische Gedanken und hintersinniger Witz auf, und es besteht auch bei der kleinsten Kreidezeichnung kein Zweifel, dass hier ein künstlerisches Konzept am Entstehen war, von dem man gerne noch sehr viel mehr gesehen hätte, als das nicht gerade knappe, aber eben begrenzte Werk der Verstorbenen hergibt.

Eines jedoch ist aus den ca. 30 gezeigten Werken ersichtlich: Aus diesem jungen Talent hätte etwas Großes in der Kunstwelt werden können.

Der Weg der Macht

Paul Kollings
»Break Of Gauge« von 2020 als Teil der Ausstellung »Westwärts«  im darüberliegenden Stockwerk ist eine Multi-Screen-Filminstallation, die es in sich hat: Zunächst sehr meditativ anzuschauen, offenbart sich mit entsprechendem Hintergrundwissen die politische Brisanz der ruhig dahinfließenden Luftbilder: Sie zeigen nichts anderes als den Verlauf der »neuen Seidenstraße«, die das Land China nutzt, um seine wirtschaftliche Vormachtstellung auszubauen. Für zusätzlichen Zündstoff sorgt die Tatsache, dass auf diesen Bildern der 9 000 km langen Strecke auch mutmaßliche Arbeitslager für die in China verfolgten Uiguren zu sehen sind. Diese sind einer weiteren Installation gestochen scharf als Großdias aufgereiht.

Zwei junge Künstler*innen, zwei Positionen ganz unterschiedlicher Couleur, aber ungewöhnlich, spannend und hochaktuell. Wer hätte gedacht, dass in der Nachbarschaft eines wenig einladenden Provinzbahnhofs solche Kunsterlebnisse warten!

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Beryl Kappelmann: Portfolio« ist bis 19. Februar 2023, »Paul Kolling: Westwärts« noch bis 12.März 2023 zu sehen. Der Eintritt zur MEWO Kunsthalle ist frei.

 

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