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Bob Dylans Geschenk: The Philosophy of Modern Song

Gastautor

Der 81-jährige Oscar-Gewinner und Literaturnobelpreisträger Bob Dylan geht in seinem neuen Buch The Philosophy of Modern Song auf die Lieder ein, die ihn als Musiker und Songwriter beeindruckt und geprägt haben. Von Udo Legner

Im Klappentext der deutschen Ausgabe heißt es über sein drittes Buch nach Tarantula und Chronicles Vol. 1 »es bietet einzigartige Einsichten in das Wesen der populären Musik, die uns von Little Richard zu Frank Sinatra, von Elvis Presley zu The Clash, von Nina Simone zu Elvis Costello führen.«

Dass die Auswahl der 66 Songs nicht bei allen Rezensenten auf Zustimmung stößt, liegt in der Natur der Sache. Solches Rauschen im Blätterwald dürfte Bob Dylan nur wenig gestört haben, stammt von ihm doch das Zitat »You cant please everybody«. Dylan Experte Willi Winkler vermisste in seiner SZ-Rezension zum Beispiel Songs von Kris Kristoffersen, Woody Guthrie oder Chuck Berry und andere kritische Stimmen monierten, dass es gerade mal vier Lieder von weiblichen Songwritern gibt.

»Was bedeutet schon Geld? Ein Mensch ist erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tut, was ihm gefällt.«

Bob Dylan

Auf jeden Fall enthält das neue Bob Dylan Werk eine ganze Reihe von Songs, die selbst für eingefleischte Liebhaber der Popmusik absolutes Neuland sein dürften, was für Fans und Follower von Bob Dylan keineswegs überraschend kommt. Längst wissen sie um den weiten Horizont ihres Idols, der sich nicht nur in seinen gut 600 Songs in unterschiedlichsten Stilrichtungen – von Folk über Country bis zu Gospel, Blues und Rock nRoll – sowie in seinen Stimm- und Stimmungsschwankungen offenbart – von Lay Lady Lay bis Sad Eyed Lady of the Lowlands, von Forever Young bis KnockinOn Heavens Door. Seit den frühen Sechziger Jahren nimmt der Song and Danceman aus Minnesota sein Publikum schließlich mit auf seine Neverending Tour, auf der er es neben den unzähligen Konzertauftritten auch mit über 100 Folgen seiner Radiosendung Theme Time Radio Hour beglückte, die er (von 2006 bis 2009) für den Sender »Sirius XM« produzierte.

Die größte Qualität dieses üppig und oft mit Retro-Fotos illustrierten dritten Buches von Bob Dylan ist sicherlich sein Facettenreichtum, mit dem sich der Nobelpreisträger zu seinen 66 Lieblingssongs auslässt. Einmal geht Bob Dylan nur auf die Thematik der Songs und ihren sozialen Kontext ein – wie in Kapitel 1 zu dem Song Detroit City von Bobby Bare, andermal beschränkt er sich  ausschließlich auf deren musikalische Qualität  – etwa in Kapitel 29, das dem Grateful Dead Song Truckin gewidmet ist.

The Philosophy of Modern Song – Soundtrack der Neverending Tour

Dass die 66 Songs allesamt Begleitmusik zu Bob Dylans Vita und den Stationen seiner Neverending Tour sind, zeigt sich am deutlichsten im Kommentar zu dem Song Its Cheaper to Keep Her (Kapitel 25), in dem sich Bob Dylan geradezu in Schimpftiraden gegen Scheidungsanwälte hineinsteigert, die sich am Unglück anderer zu bereichern wissen. Apropos Geld, im 8. Kapitel, der dem Elvis Presley Song Money Honey gewidmet ist, philosophiert Bob Dylan geradezu über den flüchtigen Wert von Gold und Geld – und relativiert damit die Geschäftstüchtigkeit, die dem Liedermacher von vielen Kritikern unterstellt wird.

Der ersten Etappe seiner Neverending Tour, auf der er mit seinen Fingerpointing Songs (z.B. Masters of War und Only A Pawn in their Game) schnell zum Sprachrohr der Protestbewegung gemacht wurde, ist der Song von John Trudell, Doesnt Hurt Anymore (Kapitel 40) zuzuordnen. Die Lieder von John Trudell, die der Leserschaft nachdrücklich  empfohlen werden, dürften den meisten Dylan Fans kaum bekannt sein, da die Proteste der Native American Indians wegen des Vietnamkriegs und der viel populären Civil Rights Movement kaum Schlagzeilen machte. Weniger überraschend dürfte die Häufung von Liedern sein, die den Touralltag des Liedermachers auf seiner Neverending Tour beschreiben. Willie Nelsons On the Road Again (Kapitel 20), steht stellvertretend für diese. Der Song Old and Only in the Way (Kapitel 55) trägt wohl der Einsicht Rechnung, dass selbst für Bob Dylan die Neverending Tour irgendwann zu Ende geht. In diesem Kapitel kritisiert der Songwriter die unwürdige Behandlung, der viele Amerikaner in ihrer letzten Lebensphase im Land of the Free and Home of the Brave ausgesetzt sind.

Dass sich in Dylans The Philosophy of Modern Song auch das Lied Mack the Knife  (Musik: Kurt Weill; Text: Bertolt Brecht) in der Version von Bobby Darin (Kapitel 14) befindet, dürfte die heimische Leserschaft besonders freuen, der dieses Buch nachdrücklich empfohlen wird.

Egal ob sich die Leser mit der deutschen Ausgabe oder in der Originalausgabe auf Dylanreise begeben, lohnen dürfte sich die Anschaffung des Buches allemal. Zu empfehlen ist auch die deutsche Hörbuchfassung, die für viele eine erneute Begegnung mit dem BAP Barden Wolfgang Niedecken  – Auf Dylanreise in Augsburg | a3kultur – sein dürfte. Wer es lieber etwas internationaler hat, der wird sich an dem Line Up der Original-Audioversion von The Philosophy of Modern Song erfreuen – mit Bob Dylan, Jeff Bridges, Steve Buscemi, John Goodman, Oscar Isaac, Helen Mirren, Rita Moreno, Sissy Spacek, Alfre Woodard, Jeffrey Wright, and Renée Zellweger.

In Augsburg gehörte das neue Dylan Buch bereits vor den Weihnachtsferien zu den Bestsellern im Taschenbuchladen Krüger, der weitere Exemplare vorrätig hat und wo immer noch für das Werk geworben wird.

Zukunftsmusik

Wer das Buch in den Händen hat, dem sei folgende Vorgehensweise ans Herz gelegt: Die einzelnen Songs auf Spotify abspielen, danach den dazugehörigen Dylan-Texten in der Audioversion lauschen und sie begleitend in der deutschen oder englischen Buchausgabe nachlesen.

Ausblick: Im Wonnemonat Mai gibt es in Kooperation mit dem Kino-Dreieck und dem partizipativen Just Kids Festival – Just Kids: Pop, Poetry, Palaver  – ein kleines, aber feines Bob-Dylan-Festival mit ausgewählten Filmen, Lesungen sowie einem Gastspiel der Kasseler Cover Band Dylans Dream.

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