Politik & Gesellschaft

Bolzplatzparadies

a3kultur-Redaktion

Das Herz des Fußballs schlägt nicht in den Retortenstadien in Katar. Es pulsiert auf den Bolzplätzen dieser Welt.

Die Stadt Friedberg leistet sich beachtliche 19 dieser Zauberwelten, auf denen sich ein achtjähriges Kind in Bruchteilen eines Augenblicks in Youssoufa Moukoko, Alexandra Popp, Lionel Messi oder Oleksandr Zinchenko verwandeln kann. Hier werden Held*innen der Zukunft geformt und neben der individuellen Dribbeltechnik wichtige soziale Kompetenzen erworben. Unerlässlich für das Zusammenspiel auf dem Bolzplatz wie in allen andern Welten. Es ist beruhigend zu wissen, dass nach dem Abpfiff dieser unsäglichen Fußball-WM am 4. Advent im Lusail Iconic Stadium die wahre Seele dieses Sports rein bleibt. Denn sie lebt nicht in den Köpfen der FIFA-Funktionäre, sondern auf den Bolzplatzparadiesen dieser Welt. Aus diesem Grund sprach a3kultur mit Ralf Seyfried, dem Verantwortlichen für die Bolzplatzparadiese in Friedberg.

a3kultur: Herr Seyfried, Sie sind in der Tiefbauabteilung des Bürgermeisterreferats der Stadt Friedberg unter anderem für die Bolzplätze der Stadt verantwortlich. Mögen Sie eigentlich Fußball?

Ralf Seyfried: Ehrlich gesagt bin ich nicht der Fußballexperte. Großereignisse wie eine WM oder EM verfolge ich aber dennoch.

Freuen Sie sich auf die Weltmeisterschaft dieses Jahr?

Eine wirkliche Vorfreude ist bisher noch nicht aufgekommen. Die Wahl des Austragungsortes und des Zeitraums wirken hier sicherlich auch nicht fördernd.

Wie viele Bolzplätze fallen in Ihre Verantwortung?

Die Stadt Friedberg unterhält momentan im gesamten Stadtgebiet 19 Bolzplätze.

Wie groß ist Ihr Team, das sich um die Plätze kümmert?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Ausstattung der Bolzplätze wird regelmäßig einmal die Woche durch den Spielplatzkontrolleur auf Beschädigung kontrolliert. Die jeweils zuständigen Grüngruppen mähen die Bolzplätze im Rahmen der Mähgänge mit. Bei Bedarf wird der Rasen im Frühjahr ausgebessert bzw. die Torräume werden nachgesät. Die anfallenden Arbeiten dürfen natürlich nicht mit denen an einer Sportanlage verglichen werden. Ein Bolzplatz hat eher den Charakter einer kurz gemähten Wiese.

Wie werden die Bolzplätze angenommen?

Prinzipiell sehr gut, wobei es trotzdem je nach Altersstruktur im Umfeld zu Schwankungen kommen kann.

In unserem Vorgespräch erwähnten Sie, dass trotz der großen Zahl an Bolzplätzen, gerade in den Vierteln aus den 1960erbis 1980er-Jahren, noch Bedarf bestehen würde. Wie sähe denn die Idealsituation aus?

Der ideale Bolzplatz liegt im Siedlungsrandbereich und ist sehr gut über gut ausgebaute Geh- und Radwege zu erreichen. Randbereich deswegen, da es dann möglichst wenig Konflikte mit der direkten Nachbarschaft gibt. Die Infrastruktur ist wichtig, damit die Jugendlichen gefahrlos zum Bolzen und wieder zurück kommen.

Sind die Bolzplätze eigentlich das ganze Jahr über für den Spielbetrieb offen?

Ja, prinzipiell kann das ganze Jahr gespielt werden. Außer den Öffnungszeiten gibt es keine Einschränkung. Bei schlechtem Wetter oder schlechten Bodenverhältnissen macht das Spielen eh nicht so viel Spaß. Wenn längerfristige Arbeiten wie Umbauarbeiten oder eine Nachsaat durchgeführt werden, wird der Bolzplatz mit einem Bauzaun gesperrt.

Was würden Sie sich vom König Fußball für Ihre Bolzplätze wünschen?

Dass viele Jugendliche die Bolzplätze intensiv nutzen und dabei fair und tolerant miteinander umgehen.

Und Ihr Tipp für die WM?

Ich lächle und verweise auf meine erste Aussage bezüglich meiner Expertise. Hoffentlich wird die Mannschaft, die den attraktivsten Fußball gespielt hat, gewinnen.

 

 

In der Stadt Friedberg leben auf etwas mehr als 80 Quadratkilometern gut 30.000 Menschen. Rein statistisch teilen sich 1.580 Bürger*innen einen Bolzplatz. Das dürfte ein Spitzenwert sein, nicht nur im europäischen Vergleich.

Eine weitere Besonderheit von Friedberg ist, dass sich 15 nicht zusammengewachsene Ortsteile über das gesamte Stadtgebiet verteilen. Mit dem Recht auf eine Grundversorgung an Bolzplätzen nehmen es die Verantwortlichen sehr genau. Auch so erklärt sich dieser statistische Höchstwert. Leider ist auch im Bolzplatzparadies Friedberg die Altersfrage bei der Nutzung der Anlagen ein wunder Punkt. Die Benutzung ist eigentlich nur Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren vorbehalten. Demnach dürften Eltern mit ihren Kindern auf den Bolzplätzen nicht gemeinsam Fußball spielen. Doch was droht den Sportler*innen bei Zuwiderhandlung? Von Platzverweisen war bisher noch nichts zu hören.

Fotos: a3kultur; mehr Fotos in der Galerie auf www.a3kultur.de