Literatur

(B)Recht der Literatur

Brecht © Mara Weyel
Gastautor

a3kultur-Redakteurin Agatha Heinold beleuchtet das Brechtfestival als Kultur-Knotenpunkt und den Einfluss auf die Literaturszene in Augsburg.

Seit 2010 finden sich jährlich Menschen aus verschiedenen Sphären zusammen und stellen den Dichter, Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht ins Zentrum. Dabei treffen, so der Anspruch, Kunst und Wissenschaft aufeinander: Im Zeitraum mehrerer Tage wird Brechts Wirken von Historiker*innen und Kunstschaffenden in die Gegenwart geholt. Welchen Einfluss hat dieses Festival auf die Literaturszene in Augsburg? Warum gerade Brecht?

Als gebürtiger Augsburger ist Brechts Omnipräsenz in seiner Heimatstadt weder überraschend noch zu übersehen. Durch seine Klassenkritik und sein Konzept des epischen Theaters ist er ein nicht wegzudenkender Bestandteil des deutschsprachigen Literaturkanons geworden. Allerdings wirkt er weit über die Grenzen der Literatur- und Theaterwissenschaft hinaus: In seinen Texten sind jahrzehntelange Geschichte desolater Lebensumstände im Kontext von Krieg und Exil verankert. Nicht nur Brechtforscher*innen zieht es zu seinen Dramen – vor allem bei jungen Menschen finden diese Darstellungen Anklang. Oft selbst Teil marginalisierter Gruppen, wünschen sich auch in Augs­burg Schüler*innen und Studierende Veränderung. Mit dem Status quo in Form und Inhalt zu brechen, bietet genau die Struktur, die Brecht liefert und die die Jugend zum Ausdruck braucht.

Konsumkritische Fragestellungen in Zeiten der Inflation, extremisierender politischer Umstände und der fortschreitenden (und oftmals vergessenen) Klimakatastrophe sind aktueller denn je: In den Kanon werden durch die interdisziplinäre Erforschung neuer Lesarten Brechts somit queere, feministische, migrantische und viele weitere Perspektiven eingeladen. Gerade im Rahmen eines Festivals, das sich über die lokalen Grenzen hinaus als Kulturevent etabliert hat, funktioniert das Ausprobieren neuer Blickwinkel.

Mit einem renommierten Namen wie Bertolt Brecht bewegen sich Indie-Künstler*innen auf einer Plattform, der Aufmerksamkeit garantiert ist: Auf einer bereits etablierten Bühne können sie Themen nach ihrer eigenen künstlerischen Vision erkunden und sich als Kunstschaffende positionieren. Zudem öffnet sich die Stadt für Künstler*innen aus anderen Städten, die im Kontext des jeweiligen Mottos zu Gast nach Augsburg kommen.

Das breite Programm des Festivals wird mit jedem Jahr diverser und ist ebenso bezeichnend für die Entwicklung der Literatur- und Theaterlandschaft in dieser Stadt: Poetry Slams, Lesebühnen, multimediale Inszenierungen, Workshops und andere Formen historischer Abrisse bringen Generationen zusammen und resonieren mit vielen Aspekten, die in Brechts Texten verankert sind – soziale Unterschiede, Arbeitslosigkeit und das Gefühl, gesellschaftlich im Stich gelassen zu werden. So bereitete etwa die Inszenierung »Leer/Stand – Der Brotladen oder: Wem gehört der Stadtraum?«, eine Produktion des Theaters Bremen unter dem Motto »Brecht’s People« 2023, die Frage nach dem Stadtraum in Augsburg nach der Corona-Pandemie auf. Nicht nur präsentierte sie alternative Nutzungen für Leerstände im Kontext der globalen Krise und der daraus folgenden wirtschaftlichen Schläge, sondern beleuchtete auch, welche Gruppen aus welchen Gründen am stärksten von diesen Folgen betroffen waren. Die Intersektionalität dieser gesellschaftlichen und politischen Fragen, die bereits in Brechts Texten angelegt ist, wird durch die zeitgenössische Linse kritisch kommentiert.

Wenn also noch die Frage offen ist, was Literatur kann, wie dringend wir sie brauchen und wie verschiedene Ebenen verschmelzen und großartige Kunst erschaffen können, dann rückt man der Antwort mit einem Blick auf das Brechtfestival näher. Die Kreativität und Lebendigkeit scheinen in diesem Zeitraum in Augsburg kein Ende zu nehmen und sprengen den Rahmen von Geschichtsschreibung und Zeit. Diese Veranstaltungen schaffen Platz für (neue) Stimmen, die im Literaturkanon schon viel zu lange stumm bleiben mussten.

Das gesamte Programm des Brechtfestivals finden Sie unter www.brechtfestival.de

 

 

Brechtfestival-Literaturtermine im Februar:

  • Single Mom trifft Amazonenbrüste Samstag, 28. Februar (18 Uhr) Kleiner Goldener Saal
  • Als Ela das All eroberte Sonntag, 1. März (11 Uhr) S-Planetarium
  • Die deutsche Fee Dienstag, 3. März (19 Uhr) Karo [10]
  • Zusammensein – Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit Mittwoch, 4. März (18:30 Uhr) Stadtbücherei Augsburg
  • Bezirk serviert Brecht Donnerstag, 5. März (18 Uhr) SchwabenEck
  • Verbinden statt spalten Donnerstag, 5. März (19 Uhr) Karo[10]

 

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