Politik & Gesellschaft

B***Stadt

a3kultur-Redaktion

Am 10. Februar feiern wir Bertolt Brechts 125. Geburtstag. Ein Kommentar über das geplante Festprogramm und was sich daraus über das Verhältnis der Stadt zu seinem größten Sohn lesen lässt.

Brechtstadt wird man nicht durch einen Geburtsvorgang vor Ort.
Diesen Ehrentitel hat sich eine Stadt immer wieder zu erarbeiten.
Derzeit ist Augsburg vielleicht eine B…Stadt. Höchstens eine Br…Stadt.
Was zur Brechtstadt fehlt, ist das … recht oder eben das … echt.

Nun stehen wir also da, kurz vor dem großen Fest und wollen sehen, was das Programm so alles bringt. Und das sieht gar nicht schlecht aus, auf den ersten Blick.

Nach den Weihnachtsferien rief das Kulturreferat der Stadt zur Pressekonferenz, mit Blick auf das marode Brechthaus, und präsentierte ein Geburtstagsprogramm, in dem alle Berücksichtigung finden, die sich 2023 dem Thema verschrieben haben.

Das Festival mit seinem neuen künstlerischen Leiter Julian Warner hatte sich schon im Vormonat erklärt. Sein Programm bietet den gewohnten Mix aus Pop, Theater und Poesie. Zum Konzept gehört es auch, an den 50 Wochenenden ohne Festival am Prinzip der Vernetzung der Brecht’s People zu arbeiten. Dafür hat Warner das Brechtbüro personell verstärkt und lässt ein digitales Archiv anlegen. Schritte, die erst einmal unspektakulär daherkommen, aber dennoch aufhorchen lassen.

Sie korrespondieren mit dem Konzept für ein neues Brechthaus, das Augsburgs Kulturreferent Jürgen Enninger vorstellte. Für den vor sich hin leidenden Geburtsort des Künstlers soll bis 2026 eine neue Ausstellung gestaltet werden. Näheres zu Idee und Budget lasse sich noch nicht sagen. Um die Sanierung anzugehen, wird das Museum geschlossen. Schon bald zieht jedoch die aus Moskau stammende Autorin und Theatermacherin Anastasia Patlay als erste Künstlerin in die neu geschaffene Artist-At-Risk Residency unterm Dach des Brechthauses. Ein schöner Gedanke. Auch wenn sich die nächsten geladenen, gefährdeten Kulturschaffenden wohl auf einer Baustelle wiederfinden werden.

Die Idee, in Zukunft Nachdruck auf das Thema Brecht auch zwischen den Festivals zu geben, ist richtig. Sie folgt den Erfahrungen, die andere Städte mit ihren Erinnerungshäusern gemacht haben. Die Erlebbarkeit dieser Künstler*innen sind eine solide Basis für die Annäherung und Identifikation der dort Lebenden und ihren Gästen mit dem Thema.

Ein wichtiger Beitrag für dieses Empfinden ist auch die Neugestaltung der Brecht-Spaziergänge und -Stationen. Dieses Projekt der Regio Augsburg ist mehr als ein touristischer Baustein im Konzept Brecht in Augsburg. Es ist ein Gradmesser für die Alltagstauglichkeit des Leuchtturmprojekts. Ohne eine lebendige Verankerung in unseren Köpfen und auf unseren Straßen bleiben die internationalen Engagements der lokalen Brecht-Forschungsstätte oder auch die Ausstellung »Wanderer zwischen den Welten« über die Beziehung Brechts zu Caspar Neher der Kunstsammlungen und Museen Augsburg zwar schöne, aber frei schwebende Satelliten. Ebenso wie die zahlreichen Lesungen, Spaziergänge, Diskussionsrunden, Inszenierungen und Konzerte im Jubiläumsjahr. Oder auch die originelle Handtuchproduktion des Tim (Foto).

Nachhaltiges Wirken beginnt im Alltag und wird im besten Falle zuweilen mit einem richtig dicken Fest befeuert. Genau hier offenbart das städtische Jubiläumsprogramm sein Manko. Augsburg ist nicht in der Lage, seinen Brecht auf großer Bühne und für alle Bürger*innen über alle Milieus hinweg zu feiern. Ihr Staatstheater verweigert den erst für 2024 angekündigten großen Brechtklassiker die Nennung im Festprogramm. Das Festival muss noch lernen, über sein angestammtes Klientel hinauszuwachsen. Und eines der großen, bestehenden Kulturfeste im Sommer Brecht zu widmen, sprengt wohl die Vorstellungskraft der Veranstalter*innen.

Bliebe noch die Verleihung des Brechtpreises als Termin für die große Party. Doch wer von uns will, ganz im Ernst, am 20. April Brecht hochleben lassen. Dieser Geburtstag ist von einem anderen besetzt und lädt nicht zum Feiern ein. Sie tut sich eben immer noch schwer, unsere alte Tante A mit ihrem großen B.

Das könnte Sie auch interessieren

Malte Günther
Bildung, Politik & Gesellschaft

Lange Nacht der Demokratie

Wie gelingt gesellschaftlicher Zusammenhalt in einer Zeit großer Veränderungen? Welche Rolle spielen dabei Dialog, Beteiligung und gegenseitiges Verständnis?
Mira Emke
Politik & Gesellschaft, Workshop

»Mit vereinten Kräften«

Am 20. September wird in ganz Deutschland der Weltkindertag gefeiert.
Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte, Politik & Gesellschaft

Sport verbindet

Eine neue Ausstellung widmet sich dem Spannungsfeld von Ausgrenzung und Diskriminierung im Sport.