Literatur

Buchtradition im 21. Jahrhundert

Juliana Hazoth
2. Januar 2021

Seit ihrer Gründung 1924 ist die Büchergilde vom deutschsprachigen Buchmarkt nicht mehr wegzudenken. Seitdem hat sich viel getan. Wie steht es heute, fast ein ganzes Jahrhundert später, um die Gilde und ihre Bedeutung für die Buchwelt? Unsere Literaturredakteurin Juliana Hazoth hat im Gespräch mit Alexander Elspas, Geschäftsführer der Büchergilde, nachgefragt.

a3kultur: Auf der Website der Büchergilde heißt es, sie möchte als »Leuchtturm für die Buchkultur« dienen. Wie darf man das verstehen?

Alexander Elspas: Zum einen steht die Büchergilde seit jeher für das besonders schöne Buch und eine außergewöhnliche Gestaltung und Ausstattung ihrer Titel – dafür wurden wir bereits vielfach ausgezeichnet. Unsere Hersteller*innen, Gestalter* innen und Illustrator*innen sind enorm kreativ und sorgen dafür, dass unsere Bücher immer wieder Standards in der Buchherstellung und -gestaltung setzen. Qualität und Sorgfalt sind uns dabei immens wichtig, deshalb gibt es bei uns auch keine Wegwerfbücher, die nach einmal Lesen in ihre Einzelseiten zerfallen. Auch deswegen produzieren wir ausschließlich in Deutschland. Nachhaltigkeit ist ein ebenso relevantes Thema für uns. Zuletzt haben wir zum Beispiel durch den Einsatz eines neuartigen recycelten Einbandmaterials 2.200 PET-Flaschen aus dem Meer gezogen. Es geht also auch darum, neue Trends zu verfolgen – da, wo es sinnvoll ist – und mitzuformen. Und um das Initiieren neuer Reihen, das Setzen von Themen, das Gestalten des literarischen Lebens. All das sind Aspekte von Buchkultur.

Warum legt die Büchergilde so viel Wert auf Buchillustrationen?

Illustrationen gehörten von Beginn an zur Büchergilde und zu ihren Büchern – das liegt quasi in der DNA der Büchergilde. Das pflegen und unterstützen wir zum Beispiel auch im Rahmen unserer Nachwuchsförderung für junge Illustrator*innen. Illustrationen machen ein Buch, einen Text zugänglicher, sie senken gewisse Hürden und vielleicht auch Hemmschwellen in der Berührung mit Literatur. Ursprungsgedanke der Büchergilde vor fast hundert Jahren war es ja, der Arbeiterschaft Zugang zu Literatur und damit Bildung zu ermöglichen – eine ansprechende Umschlaggestaltung und Illustrierung waren da wichtig in der Zielgruppenansprache. Sie können der Literatur den Touch des Elitären nehmen. Das gilt auch heute.
Abgesehen davon ist das Zusammenwirken von Text und Bild unfassbar spannend. Wir sind überzeugt davon, dass – wohlgemerkt: gute! – Illustration eine weitere Ebene eines Textes erschließen, einen anderen Zugang und neue Perspektiven ermöglichen kann. Illustrationen erweitern einen Text also gewissermaßen.

Wie relevant ist dieser Ursprungsgedanke der Büchergilde, den Zugang zu Literatur zu erleichtern, heute noch?  

Wir sind dem der Büchergilde mit ihrer Gründung eingepflanzten Grundsatz und Anspruch, »Bücher voll guten Geistes und von schöner Gestalt« zu machen, nach wie vor treu. Lesen ist eine Schlüsselkompetenz, gerade auch wenn es darum geht, sich eine zunehmend komplexe Welt zu erschließen und sich darin verstandesmäßig und emotional zurechtzufinden. Literatur ist Bildung, des Geistes wie des Herzens. Das zu fördern und zu ermöglichen, ist uns sehr wichtig. Wenn es uns gelingt, mit unserem Ansatz Menschen zur Literatur zu bringen und sie dafür zu begeistern, dann macht uns das glücklich. Dann schaffen wir es, unserem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Wie passt dieser Gedanke der Teilhabe mit der Notwendigkeit einer Mitgliedschaft zusammen? Was ist der Zweck der Mitgliedschaft?

Die Büchergilde ist auch und vor allem Buchgemeinschaft im wahrsten Wortsinn – übrigens die einzige literarische im deutschsprachigen Raum. Wir verstehen uns als Gemeinschaft, die von uns Verlagsmitarbeiter*innen, von Autor*innen und Illustrator*innen über unsere Partner* innen in den Buchhandlungen bis hin zu Leser*innen exis­tiert, als eine Community. Kurt Idrizovic, unser Augsburger Partnerbuchhändler, sagte einmal sehr treffend: »Büchergilde, das fühlt sich an wie Familie.« Und in der ist jeder freundliche Mensch willkommen, der Literatur und das Schöne schätzt und unsere Idee des guten und schönen Buches teilen möchte. Kulturelle Teilhabe ist hier ein wichtiges Stichwort. Zugleich müssen wir uns als Verlag natürlich finanzieren. Das Mitgliedermodell dient neben den ideellen und zwischenmenschlichen Aspekten also auch der finanziellen Absicherung dessen, was wir tun. Und es ist schön, nicht einfach Kunden zu haben, sondern Mitglieder – das macht einen Unterschied. Das Verhältnis ist ein anderes.

Wieso gibt es eine Kaufverpflichtung?

Wie bereits erwähnt müssen auch wir uns finanzieren. Wir haben unter anderem Honorare, Papier, Produktionskosten und Gehälter zu bezahlen, um weiter unsere Programme machen und neue Ideen und Konzepte im Kontext der Buchkultur umsetzen zu können. Auch wir müssen kalkulieren. Die Büchergilde erhebt keinerlei Mitgliedsbeiträge, die Mitgliedschaft kostet de facto nichts. Und der Quartalskauf ist auch weniger eine Verpflichtung – wer sich der Büchergilde anschließt, ist literaturaffin und kauft gern ein Buch im Quartal. Das täte er oder sie ohnehin. Es bei der Büchergilde zu tun ist eine gute Gelegenheit, nicht nur einfach ein Buch, sondern eines in bibliophiler Ausstattung aus einem handverlesenen, kuratierten Programm zu kaufen. Uns gibt das Modell Planungssicherheit und Handlungsspielräume, um weitermachen zu können.

Wie erfolgt die Auswahl von Titeln? Welche Rolle spielt dabei Diversität und wie wird sichergestellt, dass das Programm divers ist?

Unsere Kolleg*innen in der Programmabteilung sind immer auf dem Laufenden, was aktuelle Entwicklungen und Tendenzen in der Literatur angeht. Sie sichten unzählige Verlagsprogramme, stehen in engem Austausch mit Kolleg*innen aus anderen Verlagen, beobachten den Buchmarkt, das Mediengeschehen und die Bedürfnisse unserer Mitglieder und lesen, lesen, lesen – kreuz und quer. Dabei haben sie immer auch unser Profil und die literarische Qualität im Auge, genauso wie das aktuelle Zeitgeschehen und drängende gesellschaftliche Themen. Aus einem derart gearteten Lektürepool wählen wir die für uns besten – weil literarisch herausragendsten, innovativsten, zeitgemäßesten etc. – Titel aus und stellen sie in abwechslungsreichen Programmen zusammen. Diversität ist uns dabei, in jeder Hinsicht, sehr wichtig. Auch deshalb setzen wir zunehmend auch auf Entdeckungen und sehen uns verstärkt international um. Das spiegelt sich unter anderem in der recht jungen Reihe »Büchergilde Weltempfänger« wieder, in der Titel aus dem Globalen Süden erscheinen, die Einblicke in weniger vertraute Kulturräume und Lebenswirklichkeiten ermöglichen. Im Frühjahr beispielsweise veröffentlichen wir hier die Erstübersetzung eines Romans aus Hongkong – sehr spannend!

Eine literarische Auswahl grenzt zwangsläufig viele Bücher aus. Wie geht die Büchergilde mit dieser Problematik hinsichtlich ihrer eigenen Deutungshoheit bei der Auswahl von Titeln um?

Die Büchergilde versteht sich durchaus als Institution, die Übersicht und Orientierung schaffen will in einem Buchmarkt, auf den jährlich knapp 70.000 neue Titel gespült werden. Man kann sich als Leser*in von dieser schieren Titelflut überfordert fühlen. Hier setzen wir an und treffen Programm für Programm eine Vorauswahl, die wir unseren Mitgliedern anbieten. Einen wie auch immer gearteten Kanon haben wir dabei nicht im Blick. Die Bücher, die bei uns erscheinen, sind Empfehlungen. Eine Deutungshoheit beanspruchen wir in keinster Weise.

www.buechergilde.de

Alexander Elspas ist gebürtiger Augsburger, ausgebildeter Buchhändler und seit Jahrzehnten in der Buchbranche tätig. Nach Stationen u.a. im Piper-Verlag und bei der Süddeutschen Zeitung gründete er 2012 sein Unternehmen Kontor Augsburg, das Marketing- und Vertriebsdienstleistungen für die Branche anbietet. Seit 2017 ist er Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Büchergilde Gutenberg und pendelt zwischen Frankfurt und Augsburg. © Nurlan Moldazhanov

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