Chapeau, Charlie!
Das Staatstheater Augsburg feierte seine erste Ballettpremiere der neuen Spielzeit – mit einer höchst emotionalen Uraufführung. Ricardo Fernando schuf »Charlie« als Verneigung vor dem großen Filmkünstler Chaplin. Entstanden ist ein zutiefst berührendes, multidimensionales Gesamtkunstwerk.
Was wäre, wenn …? Sir Charles Spencer Chaplin Jr., so der volle Name des Universalgenies, verlor 1952 seine Wahlheimat USA. Im Gegensatz zur realen Biografie taucht das Ballett »Charlie« in frei erträumte Parallelwelten ein. Der alternde Protagonist (Erstbesetzung: Nikolaos Doede) begegnet in den Hollywood Studios seinem jungen Ich (dem Original täuschend ähnlich: Cosmo Sancilio). Hand in Hand tollen beide durch das genial minimalistische Bühnenbild, welches im Lauf des Abends immer wieder mittanzt –gedreht von den Tänzer*innen selbst.
Im schwarz-weißen Wechselspiel aus Licht, Dunkel, Komik und Melancholie klingen Chaplins größte Kino-Erfolge an, darunter »Modern Times«, »Der Zirkus«, »Lichter der Großstadt«. Mit Melone, Stöckchen, Stiefelchen vervielfacht sich seine Ikone des »Tramp« in akrobatischem Ausdruckstanz, erhellt die Finsternis, will in transparenter Hülle davonschweben. Immer wieder scheint es, als hätten »die Seelen der Menschen Flügel bekommen«, wie in der berühmten Schlussrede des »Großen Diktators«. In fantastischen Szenen leben die Tage des Stummfilms auf, getragen vom mitreißenden Soundtrack, nur kurz unterbrochen durch riesenhafte Staub- und Kratzereffekte.
»Smile!«, ermahnen alter und junger Charlie einander wortlos, wenn das Schicksal auf vielfältigste Art zuschlägt – sei es mit gebrochenem Herzen nach romantischer Schwärmerei (bezaubernd: Kako Kijima), oder umzingelt von der geisterhaften Hollywood-Mafia (bedrohlich: Gabriela Finardi).
So gerne er Chaplins Ideen mit kindhafter Freude weiterspinnt, so klar begreift Ricardo Fernando sein Tanztheater auch als Aufforderung, sich mit dessen weitreichenden, ernsthaften Hintergründen auseinanderzusetzen und für die Demokratie einzustehen. Denn zahlreiche Thematiken, die »Charlie« auf poetische Weise anspricht, sind aktueller denn je – weshalb die Theatervermittlung das Stück auch als »Ballettkoffer« für Schüler*innen anbieten wird. Dank dreifacher Besetzung der Hauptrollen lohnt es sich, »Charlie« (bis Februar 2024 auf dem Spielplan) mehrfach zu besuchen und in verschiedenen Couleurs zu erleben.
Weitere Infos, Termine und Tickets: www.staatstheater-augsburg.de
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