Clever und beredt
Kuratoren wollten sie nicht sein. Auch keine Mottofetischisten. Jürgen Kuttner und Tom Kühnel hatten von 2020 bis 2022 die Festivalleitung inne. Während der beiden Coronajahre digitalisierten sie das Programm.
Im März 2019 beerbten Tom Kühnel und Jürgen Kuttner den scheidenden Künstlerischen Leiter Patrick Wengenroth und starteten damit den Testballon eines Brechtfestivals mit kreativer Doppelspitze für die Jahrgänge 2020, 2021 und 2022 (der Kulturbeirat Augsburg hatte diese Verlängerung auf drei Ausgaben vorab bereits gefordert und unterstützt).
Tom Kühnel (Jahrgang 1971), freier Theaterregisseur u. a. in Frankfurt, Berlin und Basel, war dabei der etwas steifere Part, Jürgen Kuttner (Jahrgang 1958) hemdsärmelig und redselig, mit Berliner Schnauze. Der ehemalige Moderator von Radio Fritz in Berlin war in den 1990ern maßgeblich an der Gründung der Ostausgabe der tageszeitung beteiligt, zusammen mit Tochter Sarah hatte er später die bekannte Kolumne »Kuttner und Kuttner« bei Radio Eins.
Das Duo sah sich nicht als Kuratoren, ja, verabscheute den Begriff sogar. Kuttner und Kühnel wollten eine werkstattmäßige Verarbeitung von Brechts Werk: Sammeln und Auswahl ja, aber nicht im Sinne einer Übernahme fertiger Programme, sondern eher als Aufforderung zur Entwicklung von Konzepten und Ideen für das Festival und im Zuge dessen zum ersten Mal einen Übergang in der Festivalfortsetzung, ein Anknüpfen an Geist, Formate und Diskurse, die ihr Vorgänger Wengenroth schon angestoßen hatte.
Das Festival konnte denn 2020, kurz vor dem Erstarren der Welt im ersten globalen Lockdown, auch noch wie geplant stattfinden. Doch dann der Winter 2021: Leere Straßen, Abstandsge- und Verzehrverbote, kaum Gelegenheiten, live und in Farbe zusammenzukommen, kaum Möglichkeiten, ein kulturelles Gemeinschaftserlebnis zu schaffen.
2021 fand als rein digitale Ausgabe statt. Brecht via Bildschirm. Kuttner und Kühnel wollten aber nicht einfach »blödes, abgefilmtes Theater« (Kuttner). Das Gegenmittel: viele Kamerafahrten durch entvölkertes Augsburg, Arbeit mit Hologrammen und Puppen.
Die Einzelleistungen im Rahmen des digitalen Festivals unter Kuttner und Kühnel (teilweise auch Regie) wurden durchaus begeistert aufgenommen. Auch a3kultur zeigte sich damals sehr angetan von den einzelnen Veranstaltungen.
Brecht 2022 gab es dann in hybrider Form mit Live-Veranstaltungen und digitalen Angeboten. Noch immer gab es Probleme, zum Beispiel wegen der eingeschränkten Reisefähigkeit vor allem ausländischer Gäste.
Auch hier wurden die einzelnen Programmpunkte gelobt, aber Kritik gab es wie schon im Vorjahr am Gesamtkonzept:
»Brecht hat wohl überall seine Finger drin, egal wen Kuttner und Kühnel da noch einladen«, hatten Egbert Tholl, Antje Weber und Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung in ihrer Rückschau auf das 2021er Festival gespottet. Sie bemängelten Zusammenhangslosigkeit und teilweise Entfernung von Brecht selbst. Gemeint waren damit z. B. die Exkurse zu anderen Autor*innen wie der Dichterfamilie Brasch, die 2021 (und auch 2022) teilweise im Fokus stand, oder beispielsweise Simone Weils »Fabriktagebuch« von 1934/35, gelesen von der Schauspielerin Corinna Harfouch.
Auch die Kunstausstellung im Tim im Rahmen des Brechtfestivals 2022 hatte nur bedingt und in loser Assoziation mit dem Werk des Dramatikers zu tun. Die Amerikanerin Zoe Beloff zum Beispiel gab sich kämpferisch, aber Brecht-Bezug war abseits ihres Films »Two Marxists in Hollywood« von 2015 nur schwer zu erkennen. Clevererweise hatten die beiden Leiter den Disclaimer »Wir sind keine Mottofetischisten« vorausgeschickt und waren somit diesbezüglich aus jeder Pflicht.
Mit einigen Misstönen endete schließlich 2022 die Amtszeit von Kühnel und Kuttner. Die Stadt Augsburg wisse nicht so recht, was sie mit dem Brechtfestival wolle, so die beiden Macher. Sie sprachen von einer »Strahlkraft« des Festivals, die man aber auch freisetzen müsse. Dabei ging es vor allem um Geld, z.B. Gagen für Künstler*innen. Die beiden waren Städte gewohnt, bei denen der Begriff »Festival« mit weit größeren Dimensionen einhergeht (z.B. Berlin oder Frankfurt). Das Augsburger Brechtfestival nehme man von Berlin aus gar nicht wahr.
Um dagegen anzukämpfen, setzten wie ihre Vorgänger auch Kühnel und Kuttner wieder auf mittelgroße bis große Namen: Außer der erwähnten Corinna Harfouch gaben sich Gitte Hænning, Charly Hübner und Meret Becker in den Jahren der »K&K-Monarchie« die Ehre. Für die Musik sorgten unter anderem: Kreidler, die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot, Bernadette La Hengst und The Notwist.
Und so schieden auch diese Herren über den Content des Festivals schließlich 2022 mit der nicht eben euphorischen, aber zumindest nicht bitteren Bilanz: »Das, was wir vorhatten, konnten wir realisieren.«
Brechtfestival-Programmcover 2020
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