Ausstellungen & Kunstprojekte

Die Codierung der Oberfläche

Die neue Ausstellung im Tim widmet sich dem Phänomen der Coolness in der Mode des 20. Jahrhunderts.

Mit Brecht in seiner Lederjacke geht es los, immerhin sind wir in Augsburg. Doch dann wird es global, denn Kleidungsstücke, die ihren Träger*innen eine spezifische Coolness verleihen, haben sich als grundsätzliches Phänomen des 20. Jahrhunderts erwiesen. Diese kulturelle Strategie umfasst den gesamten Lebensstil eines Menschen; neben Kunst, Musik und Film spielen Körpersprache und vor allem die Mode einen entscheidenden Part, sich als cool zu inszenieren.

Doch was genau ist das? Offensichtliches Merkmal ist eine kühl-distanzierte Gelassenheit, die Kontrolle und Abgrenzung des eigenen Innenlebens gegenüber der Außenwelt ermöglicht. Coolness hat sehr viel mit Oberfläche zu tun und drückt sich neben Verhalten und Körpersprache vor allem in der getragenen Kleidung aus. Wie das ironische bis selbstironische Spiel mit textilen Codes und deren Umwertung funktioniert, erzählt die opulente multimediale Schau höchst anschaulich anhand von rund 300 Kleidungsstücken der letzten 100 Jahre.

Jeans und T-Shirt sind heute weltweit eine Art Normalstandard – weit davon entfernt als cool verdächtigt zu werden. Doch um 1950 lag die Sache noch anders: Aus Unterhemd und strapazierfähiger Arbeitshose wurden Insignien einer Jugendgeneration, die – befeuert von Filmhelden wie Marlon Brando und James Dean – gegen den Habitus der Elterngeneration rebellierte. Cool war nun, wer statt Anzug oder Kleid Jeans und T-Shirt trug und dies mit einer rotzig-verzweifelten Attitüde unterstrich.

Neben Militär- und Arbeitskleidung, die umcodiert ihren Träger*innen Coolness verleiht, klappt dies auch mit Herrenanzug oder Abendkleid. Jedoch nur, wenn die Durchschnittlichkeit gebrochen wird, indem beispielsweise die Proportionen verändert werden wie beim »Zoot Suit«, der mit seiner karikaturhaften Übergröße schwarzen und lateinamerikanischen US-Jugendlichen in den 1930er und 1940er Jahren maximale Coolness verlieh. Und ein Abendkleid braucht schon eine windschnittig mondäne Attitüde, um nicht angepasst rüberzukommen.

Welche Klamotte als jeweils cooles Zugehörigkeitsattribut gilt, lässt sich nicht nur zeitlich ein- und abgrenzen, sondern hängt auch an der jeweiligen Träger*innengruppe. So zeigt sich die »Garçonne« als neue Frau der 1920er und 30er Jahre, die nicht nur zuvor männlich konnotierte Aktivitäten wie Autofahren oder Fliegen übernimmt, sondern auch Overall und Frack. Einen solchen Abendanzug zu tragen, weist als Zeichen weit über rein praktische Aspekte hinaus.

Wie bei T-Shirt und Co. spielten Film und Stars wie Marlene Dietrich oder Louise Brooks auch hier eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung des Coolness-Faktors. Diese mediale Verbreitung von Objekten und Role Models sorgt für neue coole Moden, untergräbt aber zunehmend deren Coolness, denn sobald etwas im Mainstream angekommen ist, bleibt der Distinktionseffekt als wichtiges Merkmal von Coolness auf der Strecke.

Die Ausstellung »Coolness – Inszenierung von Mode im 20. Jahrhundert«, die gemeinsam mit dem Industriemuseum Textilwerk Bocholt entwickelt wurde, ist bis zum 22. Oktober im Tim zu sehen. Unterfüttert wird die Schau mit einem vielfältigen Führungs- und Workshopangebot und einem kleinen, feinen Begleitband, den es für 8 Euro im Museumsshop gibt.

www.timbayern.de

 

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