Ausstellungen & Kunstprojekte

»Da muss man sich zurücknehmen können«

Thomas Elsen
a3kultur-Redaktion

Thomas Elsen leitet das H2, das Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast. Seit Kurzem ist dort die Schau »Missing Stories« zu sehen, mit Arbeiten von elf Künstler*innen aus Montenegro, Albanien, Serbien und Deutschland. Thomas Elsen war Teil des internationalen Kurator*innenteams. Das Gespräch führte Jürgen Kannler.

Thomas Elsen leitet das H2, das Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast. Seit Kurzem ist dort die Schau »Missing Stories« zu sehen, mit Arbeiten von elf Künstler*innen aus Montenegro, Albanien, Serbien und Deutschland. Das Projekt wurde mit Unterstützung des Goethe-Instituts und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft realisiert und als Wanderausstellung konzipiert. Vor der jetzigen Station in Augsburg, war »Missing Stories« in Novi Sad, Tirana und Podgorica zu sehen. Die vorerst letzte Station wird das Willy-Brandt-Haus in Berlin sein. Thomas Elsen war Teil des internationalen Kurator*innenteams. Das Gespräch führte Jürgen Kannler.

 

a3kultur: »Missing Stories« behandelt zutiefst düstere und sehr ernste Themen wie Krieg, Zwangsarbeit und Entmenschlichung. Einige Arbeiten erzählen Geschichten aus dem familiären Kontext der Künstler*innen. Welchen Grad an historischer Authentizität musste eine Arbeit mitbringen, um für das Projekt in Erwägung gezogen zu werden?

Thomas Elsen: Authentizität war ein Ausgangspunkt, an dem sich die beteiligten Kurator*innen orientiert haben. In der Konzeption und der Auswahl finden sich stark persönliche Zugänge. Viele Künstler*innen haben Erfahrungen, Erlebnisse und Erzählungen eingebracht, die ihre eigenen Familien in der Nazizeit durchmachen mussten. Erfahrungen, die von Enkel*innen in Kunst transformiert wurden. Da geht es nicht nur um persönliche, sondern auch um seelische Authentizität.

Wie zum Beispiel bei den Arbeiten von diSTRUKTURA aus Serbien.

Genau. Der Großvater Vlada von Milan Bosnic war als Zwangsarbeiter im KZ Mauthausen inhaftiert. Er kommt in der Ausstellung als einziger Zeitzeuge auch zu Wort. In einer anderen Arbeit, die hier zu sehen ist, haben diSTRUKTURA Frottagen, also Abpausungen von den 186 Stufen der sogenannten Todesstiege des KZ gemacht, über die die Inhaftierten, also auch Milans Großvater, Granitblöcke schleppen mussten. Diese Arbeit geht in ihrer Stille und Intensität doch sehr nahe an einen heran. Sie zeigt auch, wie persönlich manche Künstler*innen an das Projekt herangegangen sind.     

Fühlt sich die Umsetzung von Wirklichem, wenn auch nicht selbst Erlebtem, für den Kurator anders an als Abstraktes?

Das kommt bei diesen persönlichen Geschichten darauf an, wie nah einen der oder die Erzählende heranlässt. Das kann sehr berührend werden und auch unter die Haut gehen, wie beim Beispiel von diSTRUKTURA. Man hört, was der zum Zeitpunkt der Aufnahme 93 Jahre alte Mann durchlitten hat, und sieht, was sein Enkel daraus macht. Das ein intensiveres Erleben als bei eher abstrakten Arbeiten.  

Wie wurde die Mitarbeit deutscher Künstler*innen und Kurator*innen am Projekt aufgenommen? Gab es Vorbehalte der Opfernachkommen gegenüber den Täternachkommen?

Nein,  es gab keine Ressentiments. Alle Beteiligten hatten die künstlerische Aussage und die Qualität des Konzepts im Blick. Der Diskurs mit den Kolleg*innen war ebenso gut, wie man sich es bei Projekten mit anderem Kontext auch wünschen würde.

War das nicht auch etwas verblüffend?

Doch, ein bisschen schon. Im positiven Sinne jedoch. Als Deutscher in der Zusammenarbeit mit Kolleg*innen aus Albanien, Serbien und Montenegro, da muss man sich zurücknehmen können. Mir steht kein kulturelles »Oberwort« über die Thematik des Gräuels zu, den mein eigenes Land, die eigenen Vorfahren in diesen Ländern verursacht haben. Auch die beteiligten Künstler*innen haben das mit Blick auf Deutschland, mit Blick auf mich sehr analytisch erfasst. Sie verhielten sich dabei nicht anders als im Umgang untereinander.    

Wie würden Sie die Zusammenarbeit im internationalen Kurator*innenteam beschreiben?

Es war ein komplexes Verfahren, vom Goethe-Institut sehr gut vorbereitet, rahmengebend und dabei ohne jede inhaltliche Einmischung.  Alle Kolleg*innen konnten zwei Künstler*innen vorschlagen. Diese wurden diskutiert, noch bevor sie angesprochen wurden. Nur einstimmige Voten wurden letztendlich in die Ausstellung aufgenommen. Ich kannte nicht nur die Kolleg*innen im Kurator*innenteam nicht, sondern auch die meisten nun beteiligten Künstler*innen. Wir waren komplett unvoreingenommen.

Die Schau wandert von Land zu Land. Was unterscheidet die Ausstellungsorte?

Es war im Vorfeld nicht in allen Fällen klar, wo »Missing Stories« zu sehen sein wird. Das hat natürlich auch mit der Covid-Situation und dem oft unterschiedlichen Status in den verschiedenen Ländern zu tun. So gab es auch noch während der ersten Etappen in Serbien, Montenegro und Albanien Diskussionen über Ausstellungsorte und Änderungen im Ablauf. Alles in allem war es wie eine kettenartige Verbindung. Letztendlich war klar, dass die Arbeiten überall identisch, so wie sie nun auch im H2 zu sehen sind, gezeigt werden mussten – jedoch vor Ort raumbezogen inszeniert. Das hat funktioniert. In Podgorica fand sich Platz im Naturkundemuseum, während das Art Lab in Tirana ein Konzept ohne eigenen Raum und davon abhängig ist, war gerade so zur Verfügung steht.

Zeitzeugen der Nazizeit gibt es kaum mehr. Erwächst daraus eine besondere Verantwortung für Künstler*innen, die sich mit dem Thema beschäftigen?

In dem Kontext ist es wichtig, immer wieder zu betonen, dass wir, die Deutschen, eine besondere Verantwortung tragen. Diese definiert sich gänzlich anders als die derjenigen, denen Unrecht und Leid widerfahren ist. Projekte wie »Missing Stories« bieten eine Chance, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Und das vielleicht besser, als es reiner Schulstoff oder mediale Berichterstattung vermag. Da kommt für uns kaum mehr Neues. Wir sind mit diesem Wissen groß geworden und kennen die Fakten. Aber ein wirklich starkes Bild in einer Ausstellung kann mit seinem Thema ganz anders an die Menschen herankommen.

Eine ausführliche Besprechung der Ausstellung »Missing Stories« finden Sie hier: https://a3kultur.de/positionen/vom-kuenstlerischen-spurensuchen

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