Debüt und Werkschau
»Schrei mit dem Wind« heißt die erste Ausstellung mit Malerei des Augsburger Künstlers Carl E. Ricé. Ein Gastbeitrag von Gerald Fiebig
Carl E. Ricés mal gegenständliche, mal abstrakte Malerei ist charakterisiert durch starke Farben und einen hochexpressiven Gestus. Sie lässt sich dem Bereich der Art brut zurechnen. Immer wieder tauchen in den Arbeiten auch Themen seines literarischen Schaffens auf. So finden sich auch Spuren traumatischer Erfahrungen, wie Ricé sie auch in seinem Hauptwerk »Das Kainszeichen – Geschichte einer Vergewaltigung« verarbeitet. Mit dieser nahezu schmerzhaft intensiven Erzähl-Performance trat Ricé seit der Uraufführung 1992 mehr als zwanzig Jahre lang selbst auf. Im »Kainszeichen« steckt die Quintessenz von Ricés ganz eigener Kunst, eigene und fremde literarische Stoffe durch freies Erzählen (nicht Vorlesen!) zum Leben zu erwecken.
Seit 2022 liegt es auch als vom Autor gesprochenes Hörbuch vor. Die Hochschule Augsburg entwickelte daraus für die Stadt Augsburg ein Toolkit zur Prävention von Kindesmissbrauch.
Ein Markenzeichen von Ricés (das c in der Mitte des Namens wird als k gesprochen) Performance ist der fließende Übergang vom Geschichtenerzählen zum Dialog mit dem Publikum. Das von ihm entwickelte Format des »Poesiebrunchs«, bei dem literarische Texte auch Wildfremde miteinander ins Gespräch bringen, entwickelte er aus genau diesem Ansatz.
Der Maler Carl Ricé stand bislang stets im Schatten des Live-Performers Carl Ricé. Mit dieser Ausstellung werden nun die wichtigsten seiner Bilder öffentlich zugänglich. Da die Arbeiten über Jahrzehnte hinweg entstanden sind – oft in seinem Atelier in der Kulturfabrik an der Bergmühlstraße –, hat die Debütausstellung zugleich den Charakter einer Retrospektive.
Am längsten ist der 1947 geborene Ricé jedoch als Lyriker tätig – erste Gedichte entstanden bereits Ende der 1960er-Jahre. Zwar hat der Autor seine Gedichte immer wieder live vorgetragen, gedruckte Veröffentlichungen waren jedoch sehr rar. Auch das ändert sich nun: Zur Eröffnung der Ausstellung »Schrei mit dem Wind« wurde Carl E. Ricés gleichnamiger Gedichtband präsentiert. Das Buch erscheint im Kölner Verlag Parasitenpresse und umfasst Gedichte aus mehr als fünfzig Jahren.
Noch bis einschließlich Sonntag, 7. Januar 2024 kann die Ausstellung zu den Öffnungszeiten des Abraxas-Büros sowie bei Veranstaltungen im Abraxas-Theater besucht werden.
Gerald Fiebig wirkte von 2016 bis 2020 an der Gestaltung von Carl E. Ricés Veranstaltungsreihe »Poesiebrunch« im Kulturhaus Abraxas mit. Er hat Carl E. Ricés Hörbuch »Das Kainszeichen« auf dem von ihm betriebenen Label Gebrauchtemusik veröffentlicht und Ricés Gedichtband »Schrei mit dem Wind« lektoriert. © brezenstudio.com
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