Dichter. Himmel.

15. Februar 2021 - 10:29 | Martin Schmidt

Über Theopoesie: das neue Werk »Den Himmel zum Sprechen bringen« (Suhrkamp) von Peter Sloterdijk

»Den Himmel zum Sprechen bringen«, so lautet der Titel des neuen Buchs von Peter Sloterdijk. Der wahre »Querdenker« der Philosophie und Kulturwissenschaft taucht hier ein in die Theopoesie, den in der Bibliothek der Menschheit gespeicherten Versuchen, Gott (oder die Götter) zum Sprechen zu bringen. Sloterdijks Untersuchung beginnt bei Homer und dem von ihm evozierten Phänomen sprechender Götter, die sich in die Hörweite der Menschen bringen wollen. Spannend der Ausflug in die griechische Theaterkultur – der damals erschaffene Bühnenkran, von dem der Schauspieler gleich von einer Kanzel die Götterrede von oben her schallen lassen konnte, hieß Theologeion. Die Wiege des Sprechens von Gott und der Ursprung der Kanzel: das Theater?! Gleichsam legten religiöse Verfahrensweisen wie die der Prophetie und des Deutens die Fundamente der Kulturtechnik der Lektüre, später der Literatur: das Lesen aus der Schafsleber, das Vogelflugdeuten der Auguren.

In »Den Himmel zum Sprechen bringen« (Suhrkamp) bleibt Sloterdijk, sonst zu schillernden, manchmal verquasten Gedanken und Wortgebilden neigend, bei einer relativ klaren Sprache – was das Eintauchen in eine doch recht komplexe Materie erleichtert. Ein kleiner Bilderprovokateur bleibt er aber auch hier, aber es nährt und bereichert den/die Leser*in. So stellt Sloterdijk zur Diskussion, ob Kathedralen wie Fabeln seien, nur »aus einem härteren Material«. Das Personal der Fabeln: Priester, Märtyrer und – als Dramaturgen – die Theologen. Ebenso entwirft er, das Verständnis erweiternd, den Begriff der theopoetischen Differenz: das kreative Sprechen des homo religiosus bekommt seine eigene, und vor allem: rechtschaffene Dynamik. Es entstehen »Luftspiegelungen, die auftreten, wenn die Sprache feiert«.

Sloterdijk spannt den Bogen vom Alten Ägypten zu Karl Barth, von Hölderlin zu Heinrich Denzinger. Im Fahrwasser sprachlicher Götterdämmerung (Sloterdijk: »Soziophanie«) entstehen für den Philosophen Poesien des Lobs, der Geduld und der Übertreibung, des virtuosen Exzesses. Die Religion, so Sloterdijk, müsse ihre Rivalen anerkennen, die mit ihr stets gleichzeitig in Kraft sind: die Künste und die Philosophie. Theopoesie? Freilich: Dies ist kein Buch, das sich an Lyrikliebhaber richtet, aber an jene, die das Kraftfeld der Poesie, des Schöpfens und Kreierens verstehen wollen. Die Koordinaten dieses Energiefelds sind kulturwissenschaftlich und, zu Ende gedacht und hinaufblickend zum altgriechischen Theaterkran, theologisch.

Peter Sloterdijk: »Den Himmel zum Sprechen bringen«, 352 Seiten, Suhrkamp

www.suhrkamp.de

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