Politik & Gesellschaft

Eigenartiges Wechselspiel

Kapitulation 1945 Schlagzeile Aachener Nachrichten
Gastautor

Der Untere Fletz als vielschichtiger Erinnerungsort. Ein Gastbeitrag zum »Tag der Befreiung« 1945
 

Wer das Augsburger Rathaus betritt, muss unweigerlich den Unteren Fletz durchqueren, um etwa in den Sitzungssaal des Stadtrats oder in den Goldenen Saal zu gelangen. In der Regel ist der Untere Fletz eine leere, weite Fläche. Doch ab und an finden hier auch kleinere Ausstellungen statt, so alljährlich im Februar die Ausstellung des Stadtarchivs zur Bombennacht vom 25. Februar 1944. Dabei wurde auch das Rathaus getroffen, sodass davon nur noch die Außenmauern stehen blieben. 

Die Ausstellung zur »Bombennacht« bedient vor allem die Erzählung (das »Narrativ«) von der unschuldigen Stadt, die durch die alliierten Luftangriffe über Nacht in Schutt und Asche gelegt wurde. (Nur am Rande wird erwähnt, dass es zunächst die deutsche Luftwaffe war, die europäische Städte bombardierte, und dass die Luftangriffe im Februar und März 1944 auch und vor allem den Messerschmitt-Werken im Süden Augsburgs galten. Dabei wurden auch zahlreiche Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge getötet, die für die Messerschmitt AG arbeiten mussten.)

Diese temporäre Ausstellung zur »Augsburger Bombennacht« steht in einem eigenartigen Wechselspiel mit den anderen Erinnerungsorten, die sich – weitgehend unbeachtet – in den Nebenräumen des Unteren Fletzes befinden. Am ehesten knüpft sie noch an die »Geschichte zum Anfassen« an. Dort kann man unter anderem auch den Sprengkopf einer Bombe betasten. Unmittelbar davor befindet sich das Modell einer Me 262, dem von Willi Messerschmitt konstruierten Düsenjagdflugzeug, das als »Wunderwaffe« galt. Dieses Flugzeug wurde unter extremen Bedingungen von Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlingen etwa im »Waldwerk Kuno« bei Burgau montiert. Doch hier steht sie in einer Positiv-Reihe mit Bert Brecht, dem Dieselmotor und Jakob Fugger …

An das Narrativ von der unschuldig zerstörten Stadt knüpft aber auch die Erinnerungstafel an die »Trümmerfrauen« an, die den Wiederaufbau der Stadt im wahrsten Sinne in die Hand genommen haben (sollen). Die »Trümmerfrauen« gelten bis heute als Heldinnen der »Stunde null«.
Im seltsamen Kontrast zur Erinnerung an die Augsburger Bombennacht steht der Gedenkraum an die jüdischen Augsburger*innen, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Zum Zeitpunkt der Bombennacht war Augsburg bereits weitgehend »judenfrei«, die jüdischen Augsburger*innen längst »in den Osten umgesiedelt«, wie es verharmlosend hieß.

An der wachsenden Diskriminierung und schließlich der Deportation der Augsburger Jüdinnen und Juden war die Augsburger Stadtverwaltung maßgeblich beteiligt, aber auch an der Umsetzung »rassenhygienischer« Maßnahmen oder an der Verfolgung sogenannter »Arbeitsscheuer« oder »Asozialer«. Da verwundert es dann doch, dass direkt gegenüber dem Holocaust-Gedenkraum an die in beiden Weltkriegen gefallenen städtischen Bediensteten erinnert wird, ohne zu hinterfragen, inwieweit sie womöglich in die lokale NS-Verfolgungs- und Diskriminierungspolitik verstrickt waren …

Die Erinnerungslandschaft im Unteren Fletz des Rathauses ist also in der Tat sehr »vielschichtig«, ohne dass dies aber bislang kontextualisiert wurde. Es wäre wünschenswert, dass dies im Zuge der Rathaussanierung nachgeholt und so die Erinnerung aus den Nischen geholt wird.
 

Reinhold Forster, Jahrgang 1962, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der neueren Stadtgeschichte, insbesondere der Zeit des Nationalsozialismus in Augsburg, und hat an der Erarbeitung der Ausstellung in der Halle 116 mitgewirkt. 
Mehr Informationen unter www.geschichtsagentur-augsburg.de

Tag der Befreiung
Am 7. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Damit endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Für die meisten Deutschen Schmach und Katastrophe, bedeutete sie für die Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes die lang ersehnte Befreiung. Gemeinsam möchten das Jüdische Museum Augsburg Schwaben, die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, der Regionalverband Deutscher Sinti und Roma Schwaben e.V. und das Kulturhaus Abraxas dieses Jahrestages gedenken. Zeitzeug*innen aus verschiedenen Opfergruppen teilen ihre persönlichen Erinnerungen an diesen Tag. Literarisch-musikalische Kreationen des Ensembles »Text will Töne« umrahmen die Feier am Dienstag, 7. Mai (19 Uhr) im Kulturhaus Abraxas. 

www.kulturhaus-abraxas.de
 

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