Die Augsburger Kegelbahnkonzerte gehen in die 12. Staffel. Mit dabei sind Lillian Hampson, Josy, Marcoca, Janikeliah und Picky Eater.
Von einer traurigen Liebe
Der zweite Abend des Kultursalon Schwaben – dem Vernetzungskongress für Kultur, Wirtschaft und Politik – stand unter dem Motto »Pop und Welt«. Der viel passendere Titel wäre jedoch »Pop und Geld« gewesen.
Ab 19:30 Uhr wurde der frisch eröffnete 100 Hz Club in der Fuggerstraße zum Salon. Zum Talk im Stuhlkreis kamen u.a. Marius Haberstock (City Club), Patrick Jung (Modular-Festival), Roman Graf Buchheim (100herz), Jürgen Enninger (Kulturreferent Augsburg), Lisa Seifert (Musikerin, Kulturbeirätin der Stadt Augsburg) sowie Maxi Vilser (Verband für Popkultur in Bayern e.V.) und Bernhard Klassen (Club & Kulturkommission Augsburg). Für die Moderation verantwortlich war Matthias Hacker (Bayern2). Das Kunst-Kollektiv Junge Europäer*innen sorgte zusätzlich für Musik.
Der Talk startete zunächst mit einem Schwerpunkt auf das Thema Diversität: im Booking, Publikum, Team und auch in der Musik. Das Team des City Clubs berichtete von den Ambitionen, engagierten Awareness-Teams und ihrer ambitionierten Agenda. Aber auch von Problemen mit externen Sicherheitsfirmen, die gegen die Leitlinien des Clubs verstießen und eine diskriminierende Türpolitik fuhren. Klar wurden die Ambitionen für Veränderung, aber auch die Hürden.
Das Modular-Festival wurde als gutes Beispiel für Diversität genannt. Letztlich musste aber auch Patrick Jung das offensichtliche eingestehen: die Timeslots nach 21 Uhr, die Main Acts, waren stets männlich. Eine Quote könne das Festival nicht erreichen. Die Balance zwischen männlichen und weiblichen Performer*innen ist nicht annähernd ausgeglichen.
Der Wille ist da, das wurde auch wieder gestern Abend deutlich. Die Leitlinien sind erstellt, das Ziel definiert. Woran scheitert es aber dann doch?
Die Clubbetreiber*innen bemängeln, dass sie gerne diversere DJs engagieren möchten, es aber auch am Budget scheitert. Zudem müssten die Clubs externe Dienstleister*innen, Workshops für ihre Angestellten, etc. aus der eigenen Tasche bezahlen. Ein Aufschlag auf die Eintrittspreise wird von Besucher*innen negativ aufgenommen und fördere letztlich auch nicht die Diversität im Club selbst. Zudem bemängeln alle – Clubbetreiber*innen, aber auch Festivalmacher*innen, dass es schwer sei, weibliche Stimmen, weibliche DJs zu bekommen.
Jürgen Enninger forderte in einem Plädoyer insbesondere Frauen dazu auf, sich mehr in Gremien und Jurys zu engagieren. Offenbar hagelte es bei Anfragen vor allem an Frauen zahlreiche Absagen.
Lisa Seifert ist diese starke, weibliche Stimme – wie sie auf der Bühne, als auch auf den zahlreichen Podien, die sie als Kulturbeirätin besucht, immer wieder unter Beweis stellt. Sie berichtet vom alltäglichen Sexismus in der Branche und weist darauf hin, dass Frauen diesen Kampf nicht allein führen könnten. Es braucht die Hilfe von Männern, um an den Strukturen etwas nachhaltig zu verändern.
Eine Wortmeldung aus dem Publikum verwies aber auf das offensichtliche und das größte Problem in der Diskussionsrunde: Ein Talk über Diversität und auf dem Podium sitzen nur weiße Menschen, in der Überzahl männlich. Der Veranstaltungsraum ist nicht barrierefrei erreichbar, genauso wenig wie die meisten Clubs in der Augsburger Innenstadt. Applaus aus dem Publikum, das genauso divers wie die Talkgäste ist.
Nach einer kurzen Pause und einer Performance der Jungen Europäer*innen wurde das Gespräch zum Thema Nachhaltigkeit fortgeführt.
Hier kann das Modular-Festival tatsächlich glänzen. Die CO₂-Bilanz kann sich, vor allem im Vergleich zu anderen Festivals sehen lassen. Dennoch stößt das Festival auch an seine Grenzen. Die wenigen, die mit dem Auto zum Festival kommen, zerschießen die Bilanz der weitaus größeren Masse der Besucher*innen, die klimafreundlich anreist. Die Ansage der Festivalmacher*innen ab 2023 fleischlos zu sein, sorgte über die Stadtgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit. Jung berichtet von dem Prozess, wie es zu dieser Entscheidung kam. Bei Umfragen unter den Besucher*innen gaben über 70 Prozent an, ein fleischloses Festival unterstützen zu wollen. Mit dem Ziel mehr Bewusstsein für den Einfluss unserer Ernährung auf unsere CO₂-Bilanz (40 Prozent des CO₂-Ausstoß des Festivals fiel auf den Faktor Ernährung) wurde die Entscheidung getroffen. Anschließend trudelten Presseanfragen im Festivalbüro ein, die vor allem auf fette Schlagzeilen abzielten. Das Thema sollte im wahrsten Sinne medial ausgeschlachtet werden, so Jung.
Die Änderung beim Essensangebot erhielt aber nicht nur beim Publikum viel Zuspruch, auch auf das Sponsoring hatte es einen positiven Nebeneffekt. Mehr Sponsoren waren offenbar gewillt, ein fleischloses Festival, das sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, finanziell zu unterstützen.
Im folgenden Gespräch wurde auch hier wieder deutlich, dass die Clubbetreiber*innen ein großes Bewusstsein für die Problematik Nachhaltigkeit haben. Aber sie fordern nicht nur hier finanzielle Unterstützung, sie haben Lösungsvorschläge wie bspw. eine Abwrackprämie für alte Kühlmaschinen, Lüftungen, Soundanlagen, etc. Das Team des City Clubs weist aber auch daraufhin, dass Clubs oftmals in alten Gebäuden untergebracht sind, die für mehr Nachhaltigkeit grundsaniert werden müssten. Im Kleinen arbeitet das Team aber an dem Thema: Second-Hand-Geschirr oder auch die Verarbeitung von Lebensmitteln aus regionaler, ökologischer Produktion.
Fazit: Viele Clubs in unserer Stadt sind noch immer von den Auswirkungen von Corona betroffen. Die aktuelle Lage macht es für sie nicht einfacher. Die finanzielle Situation der meisten ist immer noch prekär, zum Teil existenziell. Die Clubbetreiber*innen haben ein hohes Maß an Bewusstsein für die Themen Diversität und Nachhaltigkeit und arbeiten an Lösungen. Die Clubs fühlen sich aber von der Stadt alleingelassen, oft fühlen sie sich wie Bittsteller, die Bürokratie sei eine Farce, so die Kritik der Diskutierenden.
Am Willen der Clubbetreiber*innen, zumindest an dem der Anwesenden, scheitert es nicht, das wurde deutlich. Um die Clublandschaft in Augsburg diverser und nachhaltiger zu gestalten, brauchte es aber auch Geld. Moritz von den »Jungen Europäer*innen« beschrieb sein Verhältnis als Kulturmacher zur Stadt als traurige Liebe. Hoffentlich wird es bald eine glückliche Liebe.
Weiter geht es heute mit Kultursalon Schwaben auf Tour und Pop und Welt #2
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