Ausstellungen & Kunstprojekte

Einladung zum Gedichtschreiben

Philip Schmoeger: Tesselation Hydrangea 2024
Gastautor

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Süßkind zeigt Objekte und Arbeiten mit Papier von Gisela Frank und Philip Schmoeger.

Ich schaue mir in der Regel eine Ausstellung zuerst in einem einfachen Rundgang an, in der Hoffnung, dass die eine oder andere ausgestellte Arbeit mir sozusagen »ins Auge springt«. Danach lese ich die Beschriftungen der Arbeiten, da sie manchmal wirklich beim Verstehen des Geschaffenen helfen. Und erst dann höre ich Einführungsreden an und nehme andere Materialien zur Kenntnis, die diese Ausstellung begleiten

Diesmal bin ich beim ersten Durchgehen auf viele Arbeiten gestoßen, die irgendwelche Seiten (oder Saiten) in meiner Seele berührten. Sie zogen meinen Blick an. Da alle Arbeiten nur Nummern hatten, kehrte ich zurück mit der Liste der Arbeiten. 

Die mich berührenden Arbeiten wurden von Philip Schmoeger geschaffen, jede auf einem Blatt Papier. Einige Blätter waren weiß, andere schwarz oder cremefarben, alle in Rahmen à 30 x 30 cm unter Glas. Auf dieser Blätter wurden einige Linien und geometrische Figuren manchmal abgebildet, manchmal herausgedrückt. Eines der Blätter war etwa konkav, ein anderes wirkte konvex. Ihre Benennungen sagten mir nichts. In der Liste wurde gezeigt, dass fast alle Blätter sind handgeschöpftes Papier, nur zwei Blätter sind aus »Elefantenhaut«-Papier. Alle Arbeiten waren als »Tessellationen« bezeichnet. Eine englischsprachige Website gibt folgendermaßen Auskunft:

»A Tessellation (or Tiling) is when we cover a surface with a pattern of flat shapes so that there are no overlaps or gaps.«

Eine andere, deutschsprachige Seite klärt auf, dass es schlicht eine Mosaikarbeit bedeutet.

Ich habe verschiedene Mosaikarbeiten gesehen, keine machte einen solchen Eindruck. Ich habe vermutet, dass die Ursache des Eindrucks in einer meiner momentanen Laune liegt, und habe während der Vernissage drei meiner dort anwesenden Bekannten befragt. Auf zwei machten diese Arbeiten einen ähnlichen Eindruck. Ich habe diese Arbeiten anderntags erneut betrachtet, das Gefühl ist nicht verschwunden. Es hat sich wiederholt, nicht so stark wie beim ersten Mal, aber wiederholt.

Die Anmut des Ornaments

In der Visitenkarte des Künstlers, die als Origami aus einem gefalteten Papierblatt gefertigt wurde, war zu lesen:

»Falte um Falte, Schicht um Schicht entsteht das Ornament. Dabei formt sich eine Ästhetik, die auf der seriellen Anordnung geometrischer Einheiten beruht. Das Fundament meines Handwerks ist ein meditativer Prozess, der Genauigkeit und Konzentration voraussetzt. Trotz aller Präzision leben die Objekte aber auch von kleinen Unebenheiten und Ungenauigkeiten«. 

Das allein erklärt keinesfalls, wie die Anmut dieser Arbeiten entstanden hat. Ebenso wenig hat die Einführungsrede von Prof. Dr. Stefan Lindl weitergeholfen. Die kunstwissenschaftlichen und vielleicht richtigen Worte dieser Rede beschrieben die benutzten Materialien und den Arbeitsprozess. Den Zauber der Arbeiten erklärten sie nicht. Es scheint mir, dass hier um etwas geht, was in das Prokrustesbett der Worte nicht passt. Die Fotografien dieser Objekte widerspiegeln ihr Aussehen aus dem Aufnahmepunkt, doch die oben erwähnten Gefühle lösen sie nicht aus.

Über solche Gefühle oder Ereignisse soll man Gedichte oder auch Lieder schreiben. Ich selbst bin ein Musikbanause und habe nie ein Gedicht verfasst. 

Es bleibt mir nur, Sie, liebe Leserinnen und Leser zu bitten: Schauen Sie sich die Ausstellung an, das ist noch bis 6. April (in der Galerie Süßkind in der Dominikanergasse 9, Augsburg – Anm. d. Red) möglich und lohnt sich zweifelsohne. Und versuchen Sie, in Prosa oder Gedicht erklären, welche Anmut in diesen Tessellationen versteckt ist, und wo die Wurzeln dieser Anmut liegen.

 www.facebook.com/galeriesuesskind.augsburg/

 

 

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