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Literatur

Eitel Uneitel

Karl Borromäus Murr und Arno Schmidt
a3kultur-Redaktion

Die neue Sonderausstellung im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) zeigt Textilien aus dem Nachlass des Autors Arno Schmidt und seiner Frau Alice. Ein Interview über Zettels Traum und Schmidts Hose mit Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr.

 

a3kultur: Der Blick in den Kleiderschrank eines Menschen ist ein sehr intimer. Welche Regeln gilt es für Museumsmenschen dabei zu beachten?

Karl Murr: Zunächst einmal die Regel, dass man sorgfältig auf diese Kleidungsstücke, Artefakte, Accessoires achtgibt. Und dass man historisch angemessen damit umgeht. Soviel zur materiellen Seite. Und es geht natürlich darum, die möglichen Geschichten, die sich damit verknüpfen, zu entfesseln, herauszudestillieren und dem Publikum zu vermitteln.

Dass sich ein Textilmuseum mit der Garderobe eines Schriftstellers beschäftigt, ist doch etwas überraschend. Aber was gab es denn und was gibt es denn bei Schmidt in Sachen Wäsche zu entdecken?

Die Familie Schmidt steht quasi beispielhaft für 14 Millionen geflüchtete Menschen, die nach 1945, nach Kriegsende von den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches in den Westen fliehen. Und damit das Schicksal vieler teilen. Eine neue Existenz aufzubauen mit den wenigen Dingen, die sie noch besitzen, zu Rande zu kommen. Ihre Existenz von Grund auf neu zu bestreiten. Das bedeutet auch, dass man mit vielen anderen Geflüchteten Häuser, Wohnungen teilen musste. Das heißt gerade in den ersten Nachkriegsjahren, sehr entbehrungsreich die Existenz zu bestreiten.

Die betroffenen Menschen versuchen, Nahrung zu besorgen und tauschen alles Mögliche auf dem Schwarzmarkt, um eben an lebens- bzw. überlebenswichtige Güter zu gelangen. An Luxus und Freizeit ist noch gar nicht zu denken!

»An Luxus und Freizeit ist gar nicht zu denken!«


Wie lässt sich da so ein Wechsel vom Mangel oder der Armut der Kriegs-/Nachkriegszeit hin zu einem klar veränderten Status, vielleicht im letzten Lebensjahrzehnt von Schmidt ablesen, wo er dann doch ein Literaturstar war. Ein Bohemien war er in dem Sinne ja nie, aber ein prominenter Autor. Wie verläuft da die Linie?

Es lässt sich sicherlich ein Übergang, ein Wandel feststellen von einer unmittelbaren existenziellen Not des Überlebens hin zu einer auskömmlichen Existenz. Schmidt war schon immer sehr bewusst mit Bildern von sich selbst umgegangen. Er pflegte das Image vom armen Schriftsteller, erlangte im Laufe der Jahre zwar einen höheren Bekanntheitsgrad, entwickelte sich aber nie zu einem Star der Auflagen.

War Arno Schmidt eher ein Star des Feuilletons? 

Das kann man so sagen. Er lebte sehr zurückgezogen, anders als zum Beispiel sein Kollege Martin Walser, der wirklich hohe Auflagen verkaufte und davon schon eine sehr auskömmliche Existenz bestreiten konnte. Arno Schmidt lebte mit seiner Frau Alice in Bargfeld in Niedersachsen dagegen ein eher sehr zurückgezogenes und deshalb gesellschaftlich keineswegs vitales Leben.

Gleichwohl war er sich der Wirkung der Bilder seiner selbst sehr bewusst. Er verstand sich auch immer als ein Sprachrohr seiner Zeit und seiner Generation, die natürlich eine Kriegsgeneration ist.

Von daher liefert er schon auch ein treffendes Bild seiner Zeit, das sich über die Jahrzehnte immer mehr festigt. Aber es gibt keine verrückten Kleider in seinem Schrank, keine ausgefallenen Accessoires. Ich würde es vielleicht so formulieren: Er war eitel uneitel.
 

Ein sehr komplexer Mantel

Schmidts Haus in Bargfeld lag sehr idyllisch und gleichzeitig unspektakulär. Es wirkt wie das Wochenendhäuschen im Grünen von besser verdienenden Kollegen. 

Die Schmidts lebten relativ bescheiden in diesem Haus, allerdings naturnah, das war ihnen wichtig. Arno Schmidt arbeitet auch in seiner literarischen Sprache sehr viel mit Natur, Naturmetaphern, die er nutzt, um die Sinnlichkeit von Naturphänomenen anschaulich zu machen. Grundsätzlich Und dafür studiert er auch als Spiegel seiner Zeit die Handlungsräume seiner Romane, seiner Kurzgeschichten. Aber die Schmidts selbst lebten nicht auf großem Fuß, sondern blieben auf einem verhältnismäßig überschaubaren sozialen Resonanzraum ausgerichtet.

Es war eine Flucht aufs Land. Eine Flucht, die für den Schriftsteller Arno Schmidt vor allem eine Flucht in seine Arbeit bedeutete.

Die wirtschaftliche Situation der damaligen Jahre zeigt sich auch in den Kleidungsstücken. Also ausgehend von Flicken und Umarbeiten, bis hin zu den Bestellungen aus dem einschlägigen Versandhandel – es bleibt immer die Kleidung des kleinen Bürgers. Für die ältesten Kleidungsstücke dienten beispielsweise Tarnstoffe, aus denen, selbstgeschneidert, neue Klamotten entstanden. Der alte Armeemantel wird umgefärbt und dient als wärmendes Kleidungsstück, bis er schließlich im Garten als Abdeckung der Brunnenpumpe dient.

Später leistet sich Alice Schmidt doch auch einen Persianermantel. Der wird kompliziert aus der DDR in den Westen geschafft. Es ist für die damalige Zeit ein repräsentatives Kleidungsstück.

»Aber die Schmidts selbst lebten nicht auf großem Fuß, sondern blieben auf einem verhältnismäßig überschaubaren sozialen Resonanzraum ausgerichtet.«


Es gibt eine Geschichte, dass Schmidt am Anfang seiner Karriere nicht mal ein Hemd besaß und deshalb bei den wenigen öffentlichen Veranstaltungen, an denen er erblickt worden ist, eben mit geschlossenem Jackett zu sehen war. Auch damals wussten die Beobachter nicht, ist es wirklich ein Zeichen der eklatanten Not oder ist es auch Attitüde. 

Es war wohl etwas von beidem. Der Schriftsteller bezieht über seine Frau Kleidung vom Versandhandel, ob das jetzt Quelle, Neckermann oder Witt Weiden war. Aber es ist eben nicht das Luxuskaufhaus oder die internationale Couture, sondern es erweist sich wirklich als die Mode des kleinen Mannes. Und dafür steht er aber dann auch stellvertretend für Millionen andere Menschen der jungen Bundesrepublik.


Zettels Traum und Schmidts Hose

Finden sich Hinweise auf die Verbundenheit zur Natur, die ja auch im Werk immer wieder aufblitzt, auch im Kleiderschrank? 

Unbedingt. Zum Beispiel in Form von Regenmänteln und Gummistiefeln, oder selbst gefertigten Holzschuhen für die Gartenarbeit. Das Streifen durch die Wälder – die Schmidts haben sich zum Teil wirklich von Beeren und Früchten des Waldes ernährt – und die umfängliche Gartenarbeit, das zeigt die eklatante Not und existenzielle Herausforderung der damaligen Zeit.

Zuhause gab es eine damals nicht untypische Geschlechterteilung: Er erledigte eher die handwerklichen Dinge und sie eher das Häusliche und das Nähen. In den Anfangsjahren gab es nicht einmal eine eigene Nähmaschine. Die borgte sich Alice von den Nachbarn.

 

»Es gibt fast unüberschaubar viele textile Metaphern, die eine hohe ästhetische Schöpferkraft des Schriftstellers erweisen«

Wie verwebt sich beispielsweise Zettels Traum mit Schmidts Hose? 

Text und Textil sind bei Schmidt vielfach verwoben. Das Bild der sprachlichen Verwandtschaft dieser beiden Worte bietet sich hier an. Ich habe das selber auch untersucht. Es gibt fast unüberschaubar viele textile Metaphern, die eine hohe ästhetische Schöpferkraft des Schriftstellers erweisen, jenseits vielleicht von alltäglichen textilen Sprichwörtern wie »den Faden nicht verlieren« oder Ähnliches. Dann finden sich bei Schmidt aber auch zahlreiche Neuschöpfungen und Uminterpretationen von Naturschilderungen mit Hilfe von textilen Begriffen. Allein die zahlreichen Bilder für Wolken, die dann mit Seide und Kissen und Stoffen und Laken und Floren und Schleiern konnotiert werden. Das ist schon stupende literarische Kreativität.

Zudem, weil Du nach »Zettels Traum« gefragt hast, das ist ja ein textiler Titel. Weil das »Zetteln« hier für das Vorbild des Titels steht, nämlich des Webers. Das war angeregt von Shakespeares Sommernachtstraum. Dort ist die Rede von »Bottom‘s Dream«. Bottom lässt sich ja auch mit »Weber« übersetzen. Und damit hat Schmidt sehr bewusst gearbeitet. Auch die textile Vorgehensweise des Anzettelns dieses Buches, das sich letzten Endes wie ein Gobelin oder ein Teppich darbietet, wo eben Kett- und Schussfäden zusammenkommen.

Welchen Status genießt das Werk des Autors in der Schau? 

Die Ausstellung zitiert das Werk immer wieder. Es illustriert etwa die Kleidungsstücke und die Geschichte Arno und Alice Schmidts. Eine Station thematisiert es dann explizit, wenn es um Literatur und Mode geht.

Es wird zudem eine Leseecke geben. Wir werden in speziellen Führungen das Thema der Literatur noch prominenter machen. Es wird aber auch einen literarischen Einstieg geben, sodass sich Textil und Text gegenseitig ganz gut befruchten. Und in einer ansehnlichen Lesereihe werden wir wiederholt das Werk direkt zur Sprache bringen.

Die Ausstellung »Kleider. Geschichten. Der textile Nachlass von Arno und Alice Schmidt« ist seit 22. März bis 13. Oktober im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) zu sehen. In der Lesereihe zur Ausstellung werden am 24. April der Schauspieler Oliver Nägele, am 6. Juni der Publizist, Kunstmäzen und Arno-Schmidt-Verehrer Jan Philipp Reemtsma und am 29. September die Schauspielerin Corinna Harfouch im tim zu Gast sein.

Als literarisches Begleitprogramm erwartet die Besucher*innen am 16. Mai eine Spoken-Word-Performance mit dem Lyriker Martyn Schmidt, am 11. Juli ein Arno-Schmidt-Abend »mit Goldrand« und am 27. September eine Noise-poetry-Darbietung mit dem Titel »Arno Schmidt: Sound der Moderne«. Darüber hinaus umfasst das Begleitprogramm öffentliche und Kuratorenführungen und Workshops für Schüler*innen und für Studierende der Literaturwissenschaft.

www.timbayern.de

 

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