Empfehlung für eine spezielle Führung
Die aktuelle Sonderausstellung im tim zeigt: Der heutige Wohlstand ist keine Selbstverständlichkeit, und die »Wegwerfgesellschaft« ein sehr junges Phänomen.
Im tim (Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg) hat die Ausstellung »Kleider. Geschichten. Der textile Nachlass von Arno und Alice Schmidt« ihre Pforten geöffnet. Natürlicherweise sind für die Ausstellung viele Führungen für verschiedene Besuchergruppen geplant. Es scheint mir, dass noch eine Führung notwendig ist: für die in Augsburg und Umgebung zahlreichen Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge aus der Ex-UdSSR, die in den 1990er-Jahren in Deutschland angekommen sind. Warum?
Es geht nicht nur um den literarischen Nachlass des Schriftstellers. Wikipedia konstatiert, dass Arno Schmidt zu den bedeutendsten Schriftstellern des deutschen Sprachraums nach dem Zweiten Weltkrieg zähle. Bereits in seiner 1946 entstandenen Erzählung »Leviathan« zeigte er sich als radikal experimentierender Avantgardist von hoher sprachlicher Artistik, der bei der phonetisch genauen Abbildung der Alltagssprache auf Orthographie und Syntax keine Rücksicht nahm. Seit etwa 1960 beschäftigte er sich intensiv mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds, die er auf die Literatur anwandte. Dieser zufolge drückt sich das Unbewusste nicht nur in Bildsymbolik aus, sondern auch sprachlich in einem eigenen »Esperanto« aus Amphibolien (Mehrdeutigkeiten), Wortspielen, Assonanzen usw., um neben der manifestierten Bedeutungsebene zugleich Nebenbedeutungen – meist sexueller Art – auszudrücken. Die deutsche Sprache, die die Menschen aus der genannten Zielgruppe kennen, erlaubt es ihnen nicht, die Schönheit der Sprache von Arno Schmidt und die wirkliche Bedeutung vieler Wörter in seinen Werken zu verstehen.
Diese Ausstellung beinhaltet auch Textilien aus dem Nachlass des Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Frau Alice, mehr als 1.000 Objekte aus sechs Jahrzehnten. Das Ehepaar, das nach Flucht und Vertreibung schließlich eine neue Heimat in der Lüneburger Heide fand, hat seine gesamte Kleidung über die Jahrzehnte hinweg penibel verwahrt und aufgehoben. Dies sind stumme Zeitzeugen der deutschen Alltagsgeschichte.
Die Menschen der genannten Gruppen sind aus der ökonomisch zerfallenen UdSSR nach Deutschland gekommen. Die Preise für Lebensmittel hatten sich dort im Jahr 1991 verhundertfacht, fast alle ihre Ersparnisse wurden vernichtet. Viele Betriebe, in welchen sie arbeiteten, wurden geschlossen, die Löhne in den noch funktionierenden reichten nicht zum Leben. Sie sind in ein Land gekommen, wo auch die kleinen Summen, die sie in den ersten Monaten als Sozialhilfe oder Stipendium bei Sprachkursen bekamen, für sattes Essen reichten, und in den Übergangswohnheimen gab es Kleiderkammern, wo man kostenlos oder für kleines Geld annehmbare Kleidung kaufen konnte. Deutschland erschien in ihren Augen als Land des Wohlstands, wo ein Arbeitender mit seinem Lohn problemlos leben konnte. Wie dieser Wohlstand zustandekam, wussten sie nicht. Dagegen erinnerten sie gut an die Nachkriegsjahre und an den damaligen Mangel an Kleidung, welche auch in Relation zu ihren Löhnen sehr teuer war.
Von Deutschland hatten sie kaum eine Vorstellung. Wir in der UdSSR wussten aus der Radiosendungen und Zeitungen, dass in der BRD Revanchisten herrschen, die treue Diener der amerikanischen Imperialisten sind. In der 10-minütigen Chronik, die man uns ständig vor einem Spielfilm zeigte, sahen wir nur deutsche Politiker, die in offiziellen, strengen Anzügen gekleidet waren. In den wenigen illustrierten Zeitschriften sahen wir manchmal sehr gut gekleidete Schauspielerinnen. Später zeigte uns das damals schwarzweiße Fernsehen (in Kischinev, damals Hauptstadt der Moldauischen Sozialistischen Republik gab es das ab 1958, in Kasachstan wesentlich später), Bilder von Streiks oder studentischen Demonstrationen im Jahr 1968. Farbfernsehsendungen, in welchen man etwas nicht nur Schwarzweiß sehen kann, kam in Kischinev erst 1972 auf. Die wenigen Ausstellungen, die von der BRD erzählten, erschienen nur nach 1975. Sie aber zeigten – wie in solchen Ausstellungen üblich – die Paradeseite der BRD. Wie dieser Wohlstand zustandekam, davon hatten wir keine Ahnung.
Gestopft, geflickt, geändert
Andererseits erinnerte sich die Generation von Nachkriegskindern an ihre Kleidung. Wir trugen damals geänderte, gestopfte, geflickte Kleidung. Manchmal gelang es unseren Eltern, etwas zu kaufen. Ich persönlich erinnere mich an kurze Hosen aus Militärvorräten, weiße chinesische Hosen, einen umgedrehten und geänderten Mantel der älteren Schwester und – absolut schick – die neue Schuluniform in der 4. Klasse. Meinen ersten Anzug habe ich zur Schulabschlussfeier bekommen, denn alle meine Mitschüler waren in Anzügen, und damals kamen Hemden aus Nylon auf, die ungeheuer teuer waren.
Die Jahre an der Uni und in den ersten Arbeitsjahren war ich in zufällig gekaufte Hosen, Jacken und Pullover gekleidet. Die Winter habe ich damals in groben aber sehr haltbaren Wanderstiefeln verbracht. Die modischen Stiefel, der nächste Anzug, und vier dazu passende Hemden wurden zur Hochzeit gekauft. Meine Frau und andere Damen erinnerten sich an für sie geänderte und speziell geschneiderte Kleider und Röcke. Später, im Alter von etwa 16 Jahren, waren das schon mit großen Bemühungen gekaufte Kleider. Die Hauptsache für uns Jungen, war: warm und sauber. Mädchen und jugendlichen Damen hingegen war auch ihr Aussehen sehr wichtig.
In dieser Ausstellung können die Menschen aus der genannten Besuchergruppe sehen, wie es damals in der BRD war. Und sie können besser verstehen, warum ihre Nachbar*innen auch heute noch so sparsam in Bezug auf ihre Kleidung sind.
Es wäre zweckmäßig, diese Ausstellung auch Kindern und Enkelkindern dieser Besucher*innen zu zeigen. Vielleicht verstehen diese so, warum ihre Eltern oder Großeltern ihre alte getragene Kleidung so ungern wegwerfen. Vielleicht sehen sie, dass der heutige Wohlstand in Deutschland aus harter Arbeit und Entbehrungen heraus entstand.
a3kultur-Gastautor Iacov Grinberg wurde 1949 in Kischinev (Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik, heute: Republik Moldau) geboren. 1966 erfolgte sein Schulabschluss. Einer Schlosserlehre folgte die Studienzeit (Lehramt Mathematik) in Moskau. Nach dem Zerfall der UdSSR kam Grinberg als Kontingentflüchtling nach Deutschland und lebt seit 1996 in Augsburg.
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