Politik & Gesellschaft

Ende des Parabelflugs

Gerald Bauer © Gerald Bauer
a3kultur-Redaktion

Der Künstler Gerald Bauer zählte zu den Ersten, die den Diskurs über KI und Gesellschaft in Augsburg anstießen. KI-Kompetenzen – Teil 5:

Der spannendste Teil einer schwindelerregenden Entwicklung ist für ihn bereits Geschichte: Gerald Bauer, Maler, Fotograf und Autor, geriet durch seinen Freund Boris Eldagsen in den Bann generativer KI, als diese noch unkalkulierbare Ergebnisse lieferte. Eldagsen erregte internationales Aufsehen, als er einen hoch dotierten Preis ablehnte, um den Unterschied zwischen Fotografie und künstlich erzeugtem Bild zu betonen. Mit einem »Foto ohne Modell«, also einem per KI generierten Frauenporträt, auf der vergangenen Großen Schwäbischen sorgte Bauer in Augsburg für ein dankbares Medienecho sowie hitzige Debatten.

Vor etwa zwei Jahren lag für ihn der Reiz im Ringen mit der Technik: KI-Bilder per Text zu generieren, fühlte sich damals so ähnlich an wie Schmieden mit Hammer und Amboss. Heute seien hoch professionalisierte KI-Tools mit intuitiver Benutzeroberfläche verfügbar – genau das Richtige für Medienkunstschaffende mit Affinität zu digitalen Mischtechniken und dem Anspruch eines perfekten Resultats, erläutert der provokationsfreudige Künstler. Ihn selbst habe vielmehr der Dialog mit der Maschine interessiert, als Experiment mit offenem Ergebnis. »Ganz schön crazy manchmal«, beschreibt Bauer seine Grenzerfahrungen. Ein anarchischer Spielplatz sei das gewesen, eine Art schwereloser Moment, wie bei den Parabelflügen der Raumforschung.

Doch diese Zeit kehrt nicht zurück. Mittlerweile, bedauert der KI-Kunstpionier, sei der Scheitelpunkt einer rasanten Lernkurve überschritten, die Realität wieder spürbar, gerade in Augsburg. Denn das Gros der lokalen Kunstszene verharre im Erwartbaren, immer Gleichen. Bauer selbst musste nach seinem Vorstoß vielfache Kritik aushalten: Ob er Jury und Publikum düpiert habe, als er sie zunächst im Unklaren ließ? Nachhaltige Wirkungen auf die Augsburger Kreativszene blieben weitgehend aus. Bauers Vorschlag eines – von ihm gestifteten – KI-Kunstpreises konnte sich in der Stadt ebenso wenig durchsetzen. Verschläft man hier entscheidende Chancen, sowohl überregionale Strahlkraft zu erlangen als auch den in Grüppchen zersplittert scheinenden BBK wieder zu vereinen?

Gerald Bauer ist überzeugt: KI schafft nie da gewesene Möglichkeiten und revolutionäre Ideen – gut für eine Augsburger Kunstgemeinde, die längst nach Reanimation schreit. Städtische Ausstellungsräume wirkten mittlerweile geisterhaft, unter der Woche seien sie praktisch menschenleer. Für die Zukunft vertraut Bauer auf die Kraft unserer ureigenen, sich immer neu Bahn brechenden Kreativität, jetzt um einen Überraschungsfaktor reicher: Durch Zugriff auf altes Bildmaterial könne KI auch verloren gegangene Fertigkeiten wiederbeleben und neu kombinieren. Im Grunde sei der Gebrauch von Stable Diffusion & Co. nichts als ein »Wildern im menschlichen Wissen«, das die Klugen klüger und die Dummen dümmer mache. Er schätzt sich glücklich, die Anfänge von KI in der Kunst aktiv miterlebt zu haben, will jedoch in Zukunft wieder andere, eigene Wege einschlagen.
 

www.geraldbauer.com
www.kunst-aus-schwaben.de  

Gerald Bauer verbrachte seine Kindheit in Oberbayern, Japan und Westafrika. Dann Augsburg von 1981 bis 1987 und erneut seit 2000, ansässig im Hochfeld. Bauer studierte Architektur in Kaiserslautern und Darmstadt. Als bildender Künstler ist er seit vielen Jahren regelmäßig bei den tradierten Ausstellungen der Region vertreten. 2013 erhielt er den Kunstförderpreis der Stadt Neusäß. Ältere Parallelwelten kennen ihn als Verfasser journalistischer und belletristischer Texte sowie als Gitarristen für ruppige Strommusik. © Gerald Bauer

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