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Politik & Gesellschaft

Erinnere dich

Gastautor

Dr. Carmen Reichert, Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben, befasst sich in ihrem Gastbeitrag mit der jüdischen Erinnerungskultur – aus aktuellem Anlass auch unter den Eindrücken der Terroranschläge in Israel.

»Jiskor«, Erinnere (dich), ist eines der bekanntesten jüdischen Gebete. Es wurde schon viele Jahrhunderte vor der Erfindung des Wortes »Erinnerungskultur« gebetet. Man vermutet, dass es während der Pogrome im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entstanden ist. Sich an die Ahnen und an die Opfer antijüdischer Gewalt zu erinnern, gehört also schon sehr lange zur jüdischen Kultur.

Die meisten Deutschen verbinden das Wort »Erinnerungskultur« mit der Erinnerung an die Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus der Perspektive der jüdischen Geschichte heraus ist die Shoa jedoch »nur« das größte von unzähligen Pogromen. Die Kreuzzüge, die Vertreibungen aus den Städten in der Frühneuzeit, die Ritualmordanschuldigungen, die Pogrome in Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert – die Liste antijüdischer Gewaltausbrüche in Europa ist lang.

Viele unserer Museumsbesucher*innen sind schockiert zu sehen, wie sich die Geschichte des Antisemitismus wie ein furchtbarer roter Faden durch unsere schwäbisch-jüdische Geschichte zieht. Obwohl sich dieser Faden nicht leugnen lässt, ist es uns wichtig, jüdische Geschichte nicht als eine Leidensgeschichte zu erzählen, denn es ist nicht der einzige Faden, der sich durch den dichten Teppich jüdischer Geschichte webt.

Jüdinnen und Juden ist es durch alle Zeiten hindurch gelungen, eine eigenständige Kultur zu behaupten, zu schützen und weiterzugeben. Es ist ihnen gelungen, die Freiräume, die die politischen Rahmenbedingungen gaben, zu nutzen, um eine blühende Kultur hervorzubringen – sowohl innerjüdisch, mit einer eigenen Buchkultur und einem jüdischen Gelehrtentum, als auch innerhalb der jeweiligen Kulturen ihrer Zeitgenossen. In allen Zeiten, in denen es antijüdische Ausschreitungen gab, gab es auch Menschen, die ihnen zur Seite standen.

Anders als das Christentum, das viele Hoffnungen auf das Jenseits und das Paradies nach dem Tod setzt, ist das Judentum eine Religion, die sich weniger Gedanken um das Jenseits macht als vielmehr um das richtige Leben im Diesseits. Lebensfreude, Gesang, Tanz und gutes Essen sind ebenso wie die Erinnerung an vergangene Verfolgungen Teil der allermeisten jüdischen Fest- und Feiertage. »Sie haben versucht, uns zu vernichten. Wir haben überlebt, lasst uns essen«, ist eine oft zitierte, humoristische Beschreibung der jüdischen Feiertage.

Der brutale Terrorangriff am 7. Oktober ist an Schmini Azeret, dem Festtag nach dem Laubhüttenfest, erfolgt. Wie schon der Jom-Kippur-Krieg, der am höchsten jüdischen Feiertag als Überraschungsangriff begann, so ist auch dieser Überfall sicher bewusst an einem Samstag und Feiertag durchgeführt worden. An diesem Tag wird traditionell das Jiskor-Gebet gesprochen. Es endet mit dem Gedenken an Menschen, die ermordet wurden, weil sie Juden waren.
 

Dr. Carmen Reichert hat im Mai 2022 die Leitung des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben übernommen. Sie hat Literaturwissenschaften und jüdische Geschichte studiert und wurde mit einer Arbeit zur deutsch-jüdischen und jiddischen Literatur­geschichte promoviert. 

Erinnerungskultur?

Ein Begriff, der häufig verwendet wird. Oft in sensiblen Kontexten. Die Bedeutung des Wortes ist nicht wirklich definiert. Das führt zu Missverständnissen. Manche verorten Erinnerungskultur in einem Zeitkorsett zwischen 1933 und 1945. Sie fokussieren damit jedoch nur die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Der a3kultur-Redaktion erschien dieses Fenster nie als passend. Sofern es zum Erinnern überhaupt Zeitmarken braucht, wären diese vielleicht zuerst mit den Jahren 1848 oder 1871, samt ihren bedeutenden Umbrüchen, zu setzen.

Wo endet Geschichte? An welchem Punkt beginnt Erinnerungskultur? Und, bedingt das eine nicht das andere? Diese Fragen und Themen diskutieren wir in der a3kultur-Redaktion – ergebnisoffen. 
Wir ahnen nur, mit welchen Ereignissen die Erinnerungskultur – oder das, was wir darunter verstehen – einsetzen könnte. Wir wissen jedoch, wie aktuell Erinnerungs­kultur zu verhandeln ist. Sie reicht immer in die Gegenwart. Sie behandelt auch das Heute. Von jedem Tag aufs Neue. 

Beim Versuch, der Erinnerungskultur, oder sollte man von den Erinnerungskulturen sprechen, einen Rahmen zu geben, entwickelt sich die Idee zu dieser Sonderveröffent­lichung. Wir baten Expert*innen in Gastbeiträge der Frage nachzugehen, was sie unter Erinnerungskultur verstehen. Sie sollten unseren Leser*innen von Projekten berichten und welche Bedeutung Erinnerungskultur in diesem speziellen Arbeitsfeld hat. Hier sind die Ergebnisse. 

An der a3kultur-Sonderveröffentlichung haben sich folgende Expert*innen mit Gastbeiträgen beteiligt: Carmen Reichert (Leiterin Jüdisches Museum Augsburg Schwaben), Cosima Götz (Leiterin Stabsstelle Stadtgeschichte in Augsburg), Petra Weber (Leiterin Stadtmuseum Kaufbeuren), Michael Friedrichs (Engagiert in der Erinnerungswerkstatt Augsburg und beim Brechtpreis), Felix Bellaire (Leiter Fachstelle Erinnerungskultur Augsburg)  
 

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