Politik & Gesellschaft

»Es braucht übergreifendes Handeln«

Enninger © Stefan Winterstetter/IHK Schwaben
a3kultur-Redaktion

Jürgen Enninger ist Referent für Kultur, Welterbe und Sport in Augsburg. Bevor er in die Politik wechselte war er u.a. Mitinitiator des Landesverbandes für Kultur- und Kreativwirtschaft – kurz KuK -in Bayern. Die Branche zählt zu den wichtigsten und erfolgreichsten in Deutschland. In der öffentlichen Wahrnehmung spiegelt sich das jedoch nicht wieder. Und auch die Politik unterschätzt die  Möglichkeiten dieser Branche. Es ist also höchste Zeit für ein Gespräch mit dem Politiker und KuK-Experten Jürgen Enninger.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Kultur- und Kreativwirtschaft, insbesondere auch mit der Frage, welche wirtschaftliche Kraft in dieser Branche liegt und wie sich diese gesamtgesellschaftlich nutzen lässt. Diese Power wird ja gemeinhin immer wieder unterschätzt. 2020 rangierte sie immerhin auf Platz 3 der umsatzstärksten Branchen in Deutschland – auch wenn das kaum Teil des öffentlichen Bewusstseins ist. Lassen Sie uns also einige Fragen dazu klären.

a3kultur: Als wie resilient hat sich die Kultur- und Kreativwirtschaft denn in der Post-Corona-Zeit erwiesen?

Jürgen. K. Enninger: Die KuK hat wie viele andere Branchen während Corona zwar gelitten, konnte sich aber im Anschluss wieder erholen. Dies liegt insbesondere an gewissen Nachholbedarfen nach Corona, aber auch an einer insgesamt resilienten Branche, die mehr in Wertschöpfungsnetzwerken als in Wertschöpfungsketten denkt.

Im Vergleich zur Autobranche oder zur Chemie schafft es die KuK kaum, öffentlich wahrgenommen zu werden. Es gibt keinen lauten Branchen­verband, der sich für alle elf Teilbereiche einsetzt. Die Lobbyarbeit ist darum eher schwach.

Ja, der Lobbyismus ist von jeher eine der größten Herausforderungen für die KuK. Wenn man in der Automobilwirtschaft mit einer einheitlichen Meinung bei Branchentreffs rechnen darf, bekommt man in der KuK eine Vielzahl von Rückmeldungen auf zentrale Fragestellungen wie KI und Urheberrecht. Gerade deswegen ist die fokussierte Interessensentwicklung eine Schlüsselfrage für die Zukunftsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Sind die Teilbranchen von Architektur über Gameentwicklung bis hin zur Musikwirtschaft in Summe zu verschieden, ihre Player zu eigenbrötlerisch, um sich erfolgreich gemeinsam zu positionieren – oder macht es einfach keinen Sinn, die Werbebranche gemeinsam mit dem Buchmarkt verstehen zu wollen?

Zwar sind die Märkte sehr unterschiedlich, aber die Akteur*innen ähneln einander. Es steht häufig eine intrinsische Motivation im Vordergrund, d.h. ich muss etwas tun, weil ich es tun muss – und nicht, weil ich notwendigerweise damit Geld verdienen will. Dahinter stecken viele gemeinsame Herausforderungen wie z.B. fehlende Marktzugänge, fehlende Wertschätzung, fehlende Ansprechstrukturen, fehlende Kenntnis der Schlüsselaktivitäten in den Wertschöpfungsnetzwerken, individualisierte Kompetenzvermittlung statt One-Size-Fits-All-Ansätzen usw.

Die KuK deckt ja auch ein sehr weites Feld ab. Sollte man da nicht neu definieren?

Die KuK wird im statistischen Rahmen immer neu definiert und vor allem auf europäischer Ebene immer wieder diskutiert – ob z.B. die gehobene Gastronomie dazugezählt werden soll oder die Luxusgüterindustrie. Ehrlich gesagt bin ich mit dem deutschen Ansatz sehr zufrieden und würde außer Feinjustierungen keine weiteren Veränderungen vornehmen wollen.

In Politik und Medien wird über Jahre ein Bild für das Potenzial der Kultur als Wirtschaftstreiber bemüht. Es heißt, für einen investierten Euro in diese Branche kommen zwei zurück.

Hier muss man trennen zwischen der Diskussion um Umwegrentabilitäten im Rahmen der öffentlichen Kulturförderung und den kultur- und kreativwirtschaftlichen Umsätzen selbst. Ehrlich gesagt benötigt eine Branche auf Augenhöhe mit der Chemie- und Autoindustrie keine Diskussion um Umwegrentabilitäten. Die Branche steht für sich in ihrer Bedeutung und muss als solche unterstützend begleitet werden. Wir haben starke Wechselwirkungen hin zu einer resilienteren Gesellschaft, weil die Branche in Netzwerken denkt. Daher leistet sie einen unbezahlbaren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Sie sind seit bald fünf Jahren Kulturreferent in Augsburg. Hier spielt die KuK im Wirtschaftsraum A³ kaum eine Rolle. Dies belegt auch ein Blick in die Publikationen von IHK, A³ Wirtschaft usw.
Die Entscheider – es handelt sich in der Regel um Männer, auch das erfährt man beim Studium dieser Publikationen – sind offensichtlich nicht in der Lage, das Potenzial der KuK in unserer Region zu erfassen und dementsprechend abzubilden. Sie haben doch Expertise, sind Referent und in der Branche – auch durch Ihr Vorleben – gut vernetzt. Hören die hiesigen Wirtschaftsexperten nicht auf einen Kulturmann, oder liegt es am Engagement?

Mir ist die Kulturwirtschaft ein Herzensanliegen. Aktuell liegt der diesbezügliche Schwerpunkt meiner Arbeit auf Netzwerkbildung. Als Ehrenmitglied und Initiator des Bayerischen Landesverbands für Kultur- und Kreativwirtschaft, der sich als Dachverband versteht, habe ich versucht, die Gründung einer schwäbischen KuK-Vertretung nach Kräften zu unterstützen. Dies gelang nun über mehrere Veranstaltungen schließlich in einem engen Schulterschluss mit der IHK und der Wirtschaftsförderung. Dort liegt die primäre Zuständigkeit. Daher sieht man: Es braucht übergreifendes Handeln, um entsprechende Initiativen zu befördern. Im nächsten Schritt wird eine übergreifende Sichtbarkeit im Vordergrund stehen. Aber auch mit den weiteren kultur- und kreativwirtschaftlichen Vertretungen, z.B. der Club- und Kulturkommission, dem BBK oder den Freien Theatern in der Stadt, sind wir in gutem Austausch. Es geht nun darum, teilmarktspezifisch, aber auch teilmarktübergreifend die besonderen Herausforderungen der Branche anzupacken. Dazu dient auch meine Berufung in den Policy Club des EIT Culture & Creativity, eines europäischen Begleitgremiums für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Denn es geht bei Wirtschaft immer auch um Markterschließung – daher braucht es die Unterstützung europäischer Netzwerke.

Warum fehlen weiten Teilen unserer Politik, Verwaltung und Wirtschaft eine prinzipielle Leidenschaft für Kunst und Kultur – und der daraus erwachsende Glaube, darüber auch Probleme gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur angehen zu können?

Das sehe ich nicht. Gerade in Augsburg nehme ich eine große Wertschätzung künstlerischer Arbeit und von kulturellem Ausdruck wahr. Wir müssen uns allerdings davon freimachen, dass Kunst immer gleich Bühne ist. Es geht vielmehr darum, die transformativen Kräfte von Kunst und Kultur für unser Miteinander freizulegen. Gerade deshalb ist es wichtig, Netzwerke als Auftraggeber-Auftragnehmer-Strukturen weiterzuentwickeln und diese monetär zu hinterlegen.

Es findet eine massive Umverteilung von kultu­rellen Mitteln hin zu anderen Branchen statt. Beispiele: Staatstheaterbau oder Glaspalast. In der Bau- und Immobilienbranche scheint in unserer Region Lobbyarbeit zu funktionieren. Haben die Menschen in der KuK denn die Entscheider*innen, die sie verdienen? Oder anders gefragt: Sind unsere Kulturarbeiter*innen zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder gar zu einfältig, um ihre Möglichkeiten als Gruppe zu erkennen?

In allen Branchenhearings hören Sie immer wieder, dass Raum neben Ansprechstrukturen, Wertschätzung und Sichtbarkeit die zentrale Herausforderung für die KuK ist. Daher schaffen wir gerade mit der Tatsache, dass wir Räume sanieren und zur Verfügung stellen, Lösungsszenarien für die Branche. Von einer Umverteilung kann also nicht die Rede sein, sondern vielmehr von einer Lösung.

Um Sie zu zitieren: »Ein Teil des künstlerischen Selbstverständnisses speist sich aus der bewussten Ablehnung der Wirtschaftlichkeit …«. Ist das nicht eine Vorstellung, die sich aus Klischeebildern speist?

Aufgrund von knapp 3.000 Einzelberatungen, die ich in Bayern zwischen 2010 und 2020 durchgeführt habe, bin ich klar der Auffassung, dass die Kernmotivation von Kreativunternehmer*innen Gott sei Dank ihre intrinsische Motivation ist. Wenn wir Kultur- und Kreativwirtschaft dauerhaft unterstützen wollen, ist gerade die Entwicklung der Vermarktungsstrukturen ein wichtiger Baustein. Mit Klischees hat das nichts zu tun.

Ihre Definition für die zentralen Herausforderungen der KuK liest sich wie der Themenkatalog der Kultur in unserer Region im Kontext Kommunalwahl 2026: niederschwellige Ansprechpartnerstrukturen in der Verwaltung, Sichtbarkeit, Wertschätzung, Fairness (auch im Kontext Honorarzahlungen), bezahlbarer Arbeitsraum … Nun könnte man fast meinen, wenn man diese Liste betrachtet, Sie stünden am Anfang Ihrer Amtszeit und nicht am Ende Ihrer ersten Legislaturperiode. Von wem oder was werden Sie denn in Ihrem Drang, diese Herausforderungen anzugehen, ausgebremst?

Die genannte Agenda, die ich beschreibe und die Sie nennen, ist ein starkes Koordinatensystem, in dem ich mein Tun einordne und keine Zielbeschreibung. Und ich kann Ihnen für jede dieser Koordinaten eine ganze Reihe von Lösungen aufzählen, die wir in den letzten fünf Jahren gebaut haben: Räume für Bildende Kunst, Stärkung der Kinder- und Jugendtheater und der Freien Szenen, Zwischennutzungen für projektorientierte Kreativschaffende, Schaffung neuer Netzwerk- und Sichtbarkeitsplattformen, Entwicklung eines strukturierten Atelierförderprogramms, dienstleistungsorientierte Verwaltungsstrukturen in der Kultur, Kulturgespräche in den Stadtteilen, Weiterentwicklung fairer Honorare, Rahmenkonzept Kulturelle Bildung usw. usw.

In einem Ihrer Texte heißt es: »Unsere Aufgabe ist es, KuK einen wertschöpfenden und wertschätzenden Rahmen zu geben.« Was sind denn Ihre Ziele für eine weitere Amtszeit?

Für die Zukunft gilt es, für 310.000 Chancen unserer Stadt im kulturellen und sportlichen Kontext weiter zu ermöglichen und immer wieder neu hinzuhören. Begleitet werden wir dabei von einem starken UNESCO-Welterbetitel, dessen Ruf nach nachhaltigem Handeln uns als Überschrift begleitet. So tragen wir auch zum kreativwirtschaftlichen Erfolg der Stadt bei. Darüber hinaus werden wir die Sportinfrastruktur weiter ertüchtigen, um Begeisterung für Bewegung auf allen Ebenen zu wecken. Auch spielt die Umsetzung des Rahmenkonzepts Kulturelle Bildung eine besondere Rolle. Dies und vieles mehr bildet den Rahmen meiner Arbeit – auch über 2026 hinaus.
 

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