Die Fehlstelle als visuelles Konzept
Die litauische Malerin Patricija Jurkšaitytė zeigt in der Neuen Galerie im Höhmannhaus ihre altmeisterlich anmutende Malerei.
Wer derzeit die Neue Galerie im Höhmannhaus besucht, wähnt sich auf den ersten Blick in einer Ausstellung alter Meister – auf den zweiten sorgen die Bilder jedoch für Irritation, denn da fehlt was …
Die litauische Malerin Patricija Jurkšaitytė, deren Werke erstmals in Deutschland zu sehen sind, macht berühmte Werke der niederländischen und italienischen Landschafts- und Genremalerei zur Grundlage ihres künstlerischen Konzepts. Sie kopiert diese Gemälde mit altmeisterlicher Virtuosität, tut dies aber nicht vollständig, sondern konzentriert sich auf die Interieurs und Landschaften – Mensch und Tier, die ursprünglich im Fokus dieser Bilder stehen, fehlen. Die Leerstellen, die Unsichtbarkeit der Lebewesen, werden in diesem Kontext des breit Bekannten, wie bei Leonardos »Abendmahl«, paradoxerweise umso deutlicher erkennbar. So reduziert Jurkšaitytė van Eycks »Arnolfini-Hochzeit« auf den Raum mit einem rechts angeschnitten dargestellten Bett. Das eigentlich bildbeherrschende Paar nebst Hündchen ist jedoch abwesend, auch der Spiegel an der rückwärtigen Wand, der bei van Eyck das Geschehen abbildet, bleibt konsequent leer. Giorgione unterzieht die Künstlerin ebenfalls einer Unsichtbarmachung – in der Landschaft ist ein Laken drapiert, die eigentlich darauf ruhende Venus ist jedoch entschwunden. Dieses Spiel funktioniert bestens, weil Jurkšaitytė mit wohlbekannten Meisterwerken arbeitet, deren fehlendes Personal die Betrachter*in automatisch mitdenkt und dessen Bedeutung umso nachdrücklicher erkennt. All dies setzt allerdings voraus, dass die Betrachter*in einigermaßen mit den Gemälden vertraut ist.
Um in die Werkgruppen »Hotel Rooms« und »Last Minute Offer« einzutauchen, sind die Hürden niedriger, denn die von Reiseprospekten und Hotel-Websites stammenden Bildvorlagen sind visuelles Allgemeinwissen. Jurkšaitytė malt auch diese in altmeisterlicher Manier, sie verändert den dargestellten Raum unauffällig im Detail, indem sie die Bettdecke mit einem neuen Muster versieht oder die Landschaftsausblicke wie in einem Bild der Renaissance aussehen lässt. Die auch hier herrschende Menschenleere macht die Austauschbarkeit und Anonymität solcher Räume eindrucksvoll deutlich.
Die klug gehängte Ausstellung präsentiert eine hierzulande bis dato unbekannte Künstlerin, deren Werk ebenso konzeptuell überzeugt wie sinnlich betört.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de | Patricija Jurkšaitytė – Shelters // Bleiben | Neue Galerie im Höhmannhaus | bis 5. Dezember 2021
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