Ausstellungen & Kunstprojekte

Fenster zur Kunst

Kunsterleben in einen Schaufensterbummel integrieren? Lässt sich machen. Der »KunstGang« ist bis Ende September in Augsburg zu sehen.

Wer dieser Tage in der Augsburger Innenstadt unterwegs ist, entdeckt immer wieder Schaufenster, die ungewöhnliche Dinge präsentieren – keine Bücher, Pillen oder Designerkleider, sondern aktuelle Werke der bildenden Kunst. 18 solcher Stationen fügen sich zu einer Ausstellung im öffentlichen Raum zusammen, die sich den absichtslosen Flaneur*innen ganz zwanglos erschließt.

Der Verein Schöne Felder e.V., der im letzten Jahr den Kunstparcours rund ums Gaswerk kuratierte, bringt in seinem neuen Projekt »KunstGang« Kunstwerke in die Innenstadt, also dort, wo die Leute ohnehin unterwegs sind. Mastermind des Konzepts, das unter anderem durch das Programm »Neustart Kultur« der Bundesregierung gefördert wurde, ist der durch seine Augsburgblumen bekannte Bernhard McQueen. Das Kuratorenteam, zu dem auch Lisa McQueen, Stadträtin und Betreiberin des »Kätchens«, und Alexander Ratschinskij (Pinealis Productions) gehören, wählte aus rund 60 Bewerber*innen 17 Künstler*innen bzw. Künstler*­innen-Duos aus, die nun ihre Arbeit präsentieren. Leider ließ sich der ursprüngliche Plan, vor allem Leerstände zu bespielen, von denen es ja einige in der Stadt gibt, nicht umsetzen, da die angefragten Vermieter*innen eher zögerlich blieben… Sehr schade, denn so hätten die Künstler*innen im Sinne eines Work in Progress stärker vor Ort agieren können.

Nun haben die Kunstwerke in einzelnen großen und kleinen Schaufenstern oder Vitrinen eine vorübergehende Heimat gefunden. Die spezifische Situation der Schauplätze mit ihrer geringen räumlichen Tiefe eignet sich natürlich vor allem für klassische flache Bildträger, innovative digitale und/oder raumgreifende Konzepte lassen sich unter diesen Rahmenbedingungen schwer einbinden. Nur wenige Schaufenster lassen mehr zu, wie im Modehaus Rübsamen, das dem Duo Eva Krusche und Vera Daffner ein großes Eckfenster für eine bühnenhafte Raum-Installation bietet.

Die unwirklichsten Spielräume sind vermutlich zwei verstaubte Vitrinen an der Karlstraße, doch erweisen sich gerade diese Unorte als geeignete Behälter für Mara Weyels Assemblage aus Plastikmüll, dem sie durch Fassungen in unterschiedlichen Hautfarben eine menschliche Bezugsgröße verleiht und darüber hinaus durch die Anordnung in einen neuen ästhetisierenden Kontext setzt, der mit plastischer Qualität auf unsere Umweltfrevel verweist.

Im wahrsten Sinne aus dem Rahmen fällt eine Arbeit von Markus Wülbern, dessen auf eine riesige Plane gedruckte Fotocollage hoch oben an der Fassade des Karstadt-Kaufhauses hängt.

Auch wenn die Schaufenster die formalen Möglichkeiten beschränken, erweist sich das Ganze als Überblick von ordentlicher Bandbreite, so dass auch Menschen, die es sonst weniger in Galerien und Museen zieht, abwechslungsreiche Kunst entdecken werden. Manche spazieren einfach vorbei, andere versenken sich in aufmerksamer Betrachtung und wem das nicht reicht, der nutze den an jedem Kunst-Fenster angebrachten QR-Code, um zu einem hilfreichen Audio-Beitrag zu gelangen, in dem die Kunsthistorikerin Eva Schuster klug und genau das jeweilige Werk nahebringt.

Den Audio-Guide gibt es auch auf der Website des KunstGang, wo zudem sämtliche beteiligten Künstler*innen und die Standorte verzeichnet sind. Ob zufällig entdeckt oder systematisch erwandert: der KunstGang führt leichtfüßig zur Kunst und lädt immer wieder zum Innehalten ein. Zudem fokussiert diese spezielle Variante des Sight Seeing den Blick, schärft das Bewusstsein für die visuellen und urbanen Qualitäten und Mängel der Stadt. Vermutlich werden viele Stadtbesucher­*innen die invasiven Objekte inmitten der schnöden Warenwelt nicht explizit wahrnehmen, dennoch belebt und bereichert der KunstGang die Innenstadt. Wäre eine Wiederholung wert …

www.kunstgang-augsburg.de | bis 30. September in 18 Schaufenstern der Augsburger Innenstadt | Link zum Audioguide vor Ort per QR-Code

www.art3kultursalon.de/qp-kuenstlerinnen-und-werke/

 

a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler im Gespräch mit KunstGang-Organisatorin Lisa McQueen: www.what-goes-on.de

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