Fotografie im Blick

19. Februar 2021 - 14:04 | Bettina Kohlen

Bei »augsburg contemporary« geht das Projekt »Domestic Space« in die erste von drei Runden.

Der schnuckelige Kunstraum in der Augsburger Bergstraße wird in den nächsten Monaten zum »Domestic Space« für Fotografie, Malerei und Skulptur. Das von der Bundesregierung im Rahmen von »Neustart Kultur« geförderte Projekt besteht aus drei Ausstellungssegmenten, den Anfang machen fotografische Arbeiten von Anja Behrens, Karen Irmer und Kirk Sora.

Die Werke der in Hamburg lebenden Fotografin und Mixed-Media-Künstlerin Anja Behrens zeichnen sich durch eine subtile Uneindeutigkeit aus, mit der sie sich Strukturen im Großen wie im Kleinen nähert. Sie ist hier mit zwei Arbeiten vertreten, deren Basis in Norwegen entstandene Farbfotografien bilden. Behrens wählt für ihre Naturaufnahmen von Fels, Eis und Wasser eines Fjordes die Vogelperspektive und neben dem quadratischen Format einen engen Bildausschnitt, wodurch die Strukturformationen der Landschaft sehr abstrakt wirken. Diesen Eindruck steigert die Künstlerin, indem sie den Abzug mit Harz überformt, was einerseits eine räumliche Tiefe bewirkt, andererseits aber auch einen weiteren Schritt weg von der realen Ausgangssituation hin zu einer strukturellen Abstraktion bewirkt, die sich dennoch einer gewissen Romantik öffnet.

Auch der in Wismar lebende Kirk Sora setzt auf das Quadrat, das im Gegensatz zu Hoch- oder Querformat dem Bild keine formale Leserichtung zuweist. In Soras Arbeiten, die mithilfe einer analogen Mittelformatkamera entstehen, ist das Sonnenlicht, das mit amorphen Farbfeldern spielt, von zentraler Bedeutung. Die paradoxe Verbindung von extremer Nähe bei gleichzeitiger großer Unschärfe bringt Bewegung in die bunten Bilder und fügt so ein räumliches und zeitliches Element hinzu. Ist das nun abstrakt oder konkret? Sora fotografiert Basics des Malers wie Pinsel oder Farbtuben, doch sein fotografischer Blick abstrahiert diese faktischen Elemente, die so zur reinen Form und Farbe werden. Der einkalkulierte unwillkürliche Versuch der Betrachterin, zu erkennen, führt zur Auseinandersetzung mit diesen Bildern, die frei von realer Zuweisung sind, aber viele Möglichkeiten des Lesens anbieten.

An der zentralen Wand der Galerie lotst eine großformatige Schwarz-Weiß-Fotografie in eine nebelverhangene bergige Urwaldlandschaft. Das dunkel-mysteriöse Foto ist Teil einer Installation der in Augsburg lebenden Künstlerin Karen Irmer, die hier mit verschiedenen medialen Komponenten eine immersive Erfahrung möglich macht. Ein QR-Code führt vom statischen Großfoto hin zu Bewegtbildern dieses steilen Berghangs. Das zentrale Element von Irmers Konzept ist jedoch die digitale Reise durch eine raumgreifende Videoarbeit mittels einer VR-Brille. Auf einer eigenen Projektseite bietet die Künstlerin die Möglichkeit, sich mit Rechner oder Smartphone in den Bergwald zu versetzen, doch da dies die Direktheit der VR-Erfahrung nur teilweise einfangen kann, sollte man sich, sobald es wieder möglich ist, auf den Weg zum Berghang in der Bergstraße begeben.

Bis dahin bleiben die Besucher*innen zwar draußen vor der Tür, doch der kleine Raum verfügt über ein raumbreites Schaufenster und zudem eine gläserne Eingangstür, sodass man alle Exponate gut im Blick hat. Natürlich ersetzt dies nicht das Betreten der Galerie, vor allem das nahe Herangehen an die Kunst, ist aber zweifellos reizvoll. Ergänzend bietet sich ein virtueller Besuch mittels des stimmigen 3D-Rundgangs an.

a3kultur ist Medienpartner des Projekts »Domestic Space«.

Domestic Space | Fotografie (31. Januar bis 6. März) | Malerei (14. März bis 17. April) | Skulptur (25. April bis 29. Mai) | Do, Fr, Sa 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung (soweit die Coronalage es zulässt)

3D-Rundgang: www.zweigstelle-berlin.de
Projektseite »visual koan«: www.karen-irmer.de

Bild oben: Anja Behrens – Ein | Blick der Ruhe, 2021, Mixed Media auf Alu Dibond, 60 x 60 cm

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