Eine Frage der Perspektive

9. Februar 2021 - 14:26 | Patrick Bellgardt

Die Diskussion über die Öffnung der Kultureinrichtungen nimmt Fahrt auf: Die Kulturminister*innen der Länder legen ein Drei-Stufen-Konzept vor. Der Deutsche Kulturrat positioniert sich mit einem eigenen Papier. Ein Kommentar

»Kultur wieder ermöglichen«, diesen Plan verfolgen die Kulturminister*innen der Länder mit ihrem in der vergangenen Woche vorgelegten Drei-Stufen-Konzept. Es zeigt, gekoppelt an andere Bereiche der Gesellschaft, wie sich die Kulturlandschaft schrittweise aus dem Corona-Lockdown heraus bewegen könnte:

1.
Wenn Schulen und Kitas geöffnet werden, dann sollen auch außerschulische Bildungsangebote der Kultureinrichtungen sowie der Musik- und Kunstschulen wieder zugelassen werden.

2. Wenn der Einzelhandel wieder startet, dann sollen auch Museen, Galerien, Gedenkstätten und Bibliotheken sowie vergleichbare Einrichtungen öffnen. Daneben sollen Freiluftveranstaltungen mit bis zu 250 Teilnehmer*innen möglich sein.

3. Wenn die Gastronomie wieder Gäste empfängt, dann sollen Veranstaltungen in Theatern, Opern- und Konzerthäusern, Kinos und ähnlichen Gebäuden wieder möglich gemacht werden. Dies soll auch für Proben und Auftritte der Laien- und Amateurkultur, etwa für Chöre, gelten.

Die bekannten Hygienemaßnahmen wie Maskenpflicht, Mindestabstand und feste Sitzplätze wären dabei generell weiter einzuhalten. Konkrete zeitliche Abläufe nennen die Kulturminister*innen in ihrem Drei-Stufen-Konzept auch angesichts der Gefahr durch Corona-Mutationen nicht. Am kommenden Mittwoch sollen die Vorschläge Thema beim Bund-Länder-Gipfel sein. Die im Rahmen des letzten Treffens getroffenen Beschlüsse gelten derzeit noch bis zum 14. Februar.

Das Szenario der Kulturminister*innen ist angesichts der aktuellen Lage noch wenig konkret, könnte aber zumindest ein erstes Signal für die weitere Ausgestaltung der Wiedereröffnung sein. Gleichwohl sollte die argumentative Koppelung an Handel und Gastronomie nur als Hilfskonstruktion dienen. Dies betont auch der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates Olaf Zimmermann. Denn: »Die Öffnung von Kultureinrichtungen hat nach dem Infektionsschutzgesetz eine höhere verfassungsrechtliche Priorität. Es verpflichtet die Länder, bei Schließungen von Kultureinrichtungen zu begründen, warum die Maßnahmen trotz der Bedeutung der Kunstfreiheit unumgänglich sind.«

Wenige Tage nach den Kulturminister*innen positionierte sich der Kulturrat mit einem eigenen Diskussionspapier. Die Stoßrichtung: Die Kulturschaffenden brauchen endlich Perspektiven und Planungssicherheit. Auch der Spitzenverband sieht eine schrittweise Öffnung als Basis: »Insbesondere jene Einrichtungen, von denen entweder durch die Art ihrer Angebote oder durch die Schaffung entsprechender Voraussetzungen ein geringeres Risiko für die Gesundheit ausgeht, sollten als erste geöffnet werden und weitere bei einem stabilisierten oder abgeschwächten Infektionsgeschehen folgen.«

Doch Öffnung ist nicht gleich Öffnung: Kann zum Beispiel ein Theater aufgrund der staatlichen Vorgaben zunächst nur ein Viertel seiner Sitzplätze belegen, ist ein ökonomisch sinnvoller Betrieb kaum möglich. In dieser Phase des Neustarts müssten weiter staatliche Unterstützungen fließen. Der Kulturrat fordert deshalb: »Vorgaben zur Öffnung von Kultureinrichtungen müssen im Grundsatz einen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichen. Zu rigide Vorschriften und enge Auflagen, zu niedrige Auslastungsgrenzen konterkarieren die Öffnungsperspektiven.«

Lange herrschte Stille, vielleicht auch Resignation. Die letzten Tage zeigen jedoch: Nach rund dreieinhalb Monaten im aktuellen Lockdown – bzw. Lockdown light – nimmt die Diskussion über den Restart der Kultur Fahrt auf. Dabei sollte es nicht um einen voreiligen Ruf nach Lockerungen gehen. Es gilt gleichermaßen verantwortungsbewusste wie realistische Perspektiven zu eröffnen. Die Politik kann gemeinsam mit den Kulturschaffenden zeigen: Wir haben einen Plan. Wir sind bereit, wenn es soweit ist.

Foto oben: Mit der Öffnung des Einzelhandels sollen auch Museen, Galerien, Gedenkstätten und Bibliotheken wieder für Besucher*innen zugänglich sein – so der Vorschlag der Kulturminister*innen der Länder. Das Bild zeigt einen Baumarkt am letzten Tag vor dem Lockdown im März 2020.

Weitere Positionen

28. Februar 2021 - 13:58 | Anna Hahn

Der zweite Abend des Brechtfestivals präsentierte unter anderem ein Konzert der »Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot«, Stefanie Reinsperger mit »Ich bin ein Dreck«, Corinna Harfouchs Kurzfilm »Fabriktagebuch/Die Mutter« und einen Beitrag von L-Twills zu Inge Müller.

27. Februar 2021 - 13:40 | Renate Baumiller-Guggenberger

Auftakt zu #digitalbrecht mit der Video-Adaption von Heiner Müllers »Medeamaterial«, Suse Wächters ersten Folgen des Hysterienspiels mit Puppen »Helden des 20. Jahrhunderts singen Brecht« und dem aus der Ukraine übertragenen Konzert des Frauenseptetts »Dakh Daughters«

25. Februar 2021 - 11:48 | Juliana Hazoth

Von Brecht bis heute: Hörspiele schaffen eine besondere Form der Intimität und können gesellschaftlich relevante Themen packend darstellen. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

24. Februar 2021 - 9:14 | Gast

Martyn Schmidt inszeniert auf seinem Album »kammerton a'a« den demokratischen Neubeginn nach 1945 als großartiges musikalisch-dokumentarisches Hörspiel. Von Gerald Fiebig

22. Februar 2021 - 15:13 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg zeigt in seiner Digitalsparte Einar Schleefs »14 Vorhänge« als Uraufführung im imposanten Bühnenbild.

22. Februar 2021 - 11:38 | Martin Schmidt

Der im Hirmer-Verlag erschienene Bildband »Klinger« tröstet über die größtenteils verhinderten 2020er-Jubiläumsschauen zum 100. Todestag des Bildhauers, Malers und Grafikers hinweg. Der Ausstellungskatalog: ein neues Standardwerk und Appetizer auf eine zu erhoffende Ausstellungsfortsetzung.

19. Februar 2021 - 14:04 | Bettina Kohlen

Bei »augsburg contemporary« geht das Projekt »Domestic Space« in die erste von drei Runden.

18. Februar 2021 - 9:30 | a3redaktion

Der Podcast »the ear in earth« präsentiert Audioculture aus Literatur, Poesie und Contemporary Classic

17. Februar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid

15. Februar 2021 - 10:29 | Martin Schmidt

Über Theopoesie: das neue Werk »Den Himmel zum Sprechen bringen« (Suhrkamp) von Peter Sloterdijk