Füllhorn Westliche Wälder

8. Januar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid

»Hallo … ja … Sie hören uns? Frau Schmid, sagen Sie mal Hallo.« Sehr typisch für unsere Zeit findet das Gespräch online statt und ebenso typisch verläuft es gleich zu Beginn nicht ganz ohne Tücken. Die a3kultur-Redaktion hatte an diesem Dezembernachmittag drei Macherinnen aus den Westlichen Wäldern zum Interview geladen: Anja Dördelmann, Vorsitzende der Herzstück Horgau eG und Vorstand des Herzwerk Gemeinwohl e.V., Eva Liebig, Geschäftsführerin des Naturparks Augsburg – Westliche Wälder e.V. und Stephanie Schmid, Chefin der Brauerei Ustersbach.


a3kultur: Worin liegen die Stärken der Macher*innen in den Westlichen Wäldern?
Anja Dördelmann: Genau das und die Verbundenheit zur Region müssen wir noch viel besser herausarbeiten und stärker vertiefen. Unsere Genossenschaft Herzstück Horgau mit ihrem Dorfladen in Diedorf ist ein tolles Beispiel dafür, wie sich viele Landwirt*innen und Produzent*innen aus dem verarbeitenden Gewerbe und Handwerk zusammentun. Aber das könnte alles noch viel besser zusammenspielen. Welche Kraft sich daraus schöpfen ließe, ist uns noch gar nicht ganz bewusst, da ist noch viel Luft nach oben.

Als Vorstand des Herzwerk Gemeinwohl e.V. sitzt du in der Steuerungsgruppe Öko-Modellregion Stadt.Land.Augsburg. Habt ihr dort das gleiche Thema?
Anja Dördelmann: Auch dort ist klar zu sehen: Die Verbindungen sind da und unsere Aufgabe ist es, die einzelnen Schaffenden sichtbarer zu machen, sie zusammenzuführen in ihrem Tun, es entsprechend nach draußen zu kommunizieren und sorgfältig zu vermarkten. Unsere Region ist so wertvoll. Kaum auszudenken, was alles möglich wäre, wenn auch die Kund*innen voller Überzeugung mitmachen würden! Das Allgäu ist dafür ein schönes Beispiel. Hier wurde die Allgäu-Marke geschaffen und auch vom Marketing her fantastisch aufgebaut.

Wie ist das Verhältnis unter den Produzent*innen – kann man von Konkurrenzdenken sprechen? Es scheint ja niemand so recht zu wissen, was hinter dem nächsten Hügel passiert.
Anja Dördelmann: Zwei Dinge sind uns wichtig: Wir möchten zeigen, welche Reichtümer uns in der Region zur Verfügung stehen, und wir möchten die Verbindungen schaffen zwischen den Landwirt*innen, den Produzent*innen und den Absatzmärkten. Manche Strukturen funktionieren schon ganz gut. Zu sehen ist aber auch, dass durchaus Konkurrenzdenken vorhanden ist. Trotzdem scheint der Wille zur Kooperation stärker als die Bedenken. Aber klar, mit dieser Haltung sind wir immer wieder mal konfrontiert.

Sind also Kooperationen und Gemeinsamkeit wirksamer als Konkurrenzdenken?
Anja Dördelmann: Wir versuchen jedenfalls zu vermitteln, dass es viel sinnvoller ist, sich anzuschauen, was der andere für mich tun kann, was für mich nicht sinnvoll ist und wie sich das gewinnbringend im Sinne von Freude am Zusammenspiel und natürlich auch im ökonomischen Bereich zusammenführen lassen könnte. Zusammenwirken schafft Stärke. Und wenn die teilnehmenden Betriebe erst mal verstanden haben, dass der andere nichts nimmt, sondern im Gegenteil mit seiner Qualität noch etwas Positives hinzufügt, klappt das erfahrungsgemäß ganz gut.

Hat sich über die letzten Jahre viel in diese Richtung entwickelt?
Stephanie: Schmid: Der Wandel vollzieht sich ja nun schon seit über 40 Jahren. Nur ging es bisher in erster Linie um die grüne Oase vor den Toren Augsburgs, um Touristen und deren Bedürfnisse nach Ausflügen, Wanderungen und Übernachtungsmöglichkeiten. Erst jetzt gilt das Interesse so langsam auch den Produkten, die aus der Region kommen.

Anja Dördelmann: Ja, da hat sich einiges aufgetan. Es geht um regionale Wertschöpfungsketten, und mit der Herzstück-Genossenschaft gehen wir genau in diese Richtung. Die Erfahrung zeigt, dass alle näher zusammenrücken. Das Zusammenwirken durch die Öko-Modellregion wird definitiv wahrgenommen und gefördert. Die Verbraucher*innen möchten wieder gerne wissen, wie die Produkte durch wen verarbeitet wurden und welche Wege sie zurückgelegt haben. Das wiederum spüren die Produzent*innen und reagieren darauf.

Eva Liebig: Im Fall Naturpark ist es aber auch entscheidend, dass sich die Bürger*innen mit der ganzen Idee identifizieren und nicht nur das Thema Erholung und Ökologie sehen. Wir möchten, dass sich der Bereich Regionalentwicklung tatsächlich auch in der Gastronomie, also beim Essen und Trinken, widerspiegelt. Da arbeiten wir sehr dran.

Nehmen die Verbraucher*innen die Region durch Corona anders wahr?
Anja Dördelmann: Nicht ausschließlich, aber sicherlich auch wegen der momentanen Situation rückt die Region immer mehr in den Fokus. Durch die Lieferengpässe zu Anfang des Jahres wurde sehr schnell das Bewusstsein dafür geschärft, was aus der Gegend stammt und welche Produkte von weiter weg kommen. Dadurch ist Regionalität wertvoller geworden.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit im Bereich des Naturpark Augsburg – Westliche Wälder e.V.?
Eva Liebig: Wir sind auch Teil der Öko-Modellregion und sehen, dass das Potenzial an Möglichkeiten, die Kunden anzusprechen, gewaltig ist. Der Markt wächst enorm und die Produktion muss entsprechend mitziehen. Etwas Konkurrenzdenken ist da gar nicht so verkehrt. Denn das veranlasst die Produzent*innen meist, ihre Produkte zu verfeinern, sodass eine sehr bereichernde Produktvielfalt entstehen kann. Konkurrenz belebt das Geschäft. Nischen werden gesucht.

Es gibt also eine Marke »Westliche Wälder«, nicht nur im Sinne eines begehbaren Naherholungsgebietes, sondern auch in Form konsumierbarer Naherholungsprodukte?
Eva Liebig: Wir sehen darin weniger eine Marke als ein Gütesiegel für Produkte aus der Region. Dort gewachsen, veredelt, verarbeitet und angeboten. Das Naturparkgebiet hat ein riesiges Angebot, das nur noch nicht in voller Größe sichtbar ist. Seit fünf Jahren veranstalten wir den Regionalmarkt. Im ersten Jahr hatten wir ca. 800 und zuletzt beinahe 7.000 Besucher. Angebot und Nachfrage können durchaus sehr gesund gemeinsam wachsen.

Wie profitiert die Brauerei Ustersbach vom Gütesiegel »Naturpark Augsburg – Westliche Wälder«?
Stephanie Schmid: Wir sind ja nicht nur Brauerei, sondern auch Mineralbrunnen. In diesem zweiten Segment haben wir das bereits in Kooperation mit dem Naturpark Augsburg – Westliche Wälder verwirklicht. Dieses Qualitätsmerkmal ist auf dem Etikett sichtbar, und das kommt auch sehr gut an. Die Verbraucher*innen mögen Transparen: Woher kommt das Produkt, ist es nachhaltig, ist es aus der Region? Daher sind wir eng mit der Thematik verbunden.

Was erwarten sich die Produzent*innen und alle anderen Beteiligten von der Politik? Fühlen sich alle wahrgenommen?
Anja Dördelmann: Subjektiv gefühlt – auch dort wäre viel mehr möglich. Wirtschaftsförderung findet auch dadurch statt, dass man Zusammenhänge für alle sichtbar macht und kommuniziert. Ich bin im Gemeinderat und stelle fest, dass man weg vom Reden und hin zum Handeln kommen muss. Nicht nur in der Region, sondern bundesweit.

Also weg von »Geblubber« hin zum Tun?
Anja Dördelmann: Ja, so geht es doch allen. Man möchte Taten sehen. Statt nur darüber zu reden, dass man fördern möchte, sollte dies konsequent und über alle Wege auch umgesetzt werden! Ein klares Bekenntnis zur ökologischen Landwirtschaft und zur Nachhaltigkeit könnte da einiges bewegen. Das sind unsere Mehrwerte! Auch im überregionalen oder gar globalen Bereich kann nur mitgespielt werden, wenn klar aufgezeigt wird, wo die Stärken dieser Region sind, denn in anderen Bereichen können wir uns den Vergleichen meist nicht stellen. Klare Unterstützung in diesen Punkten ist der Region und ihren Menschen ein großes Anliegen.

Sucht der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder Verbündete und Partner über die Grenzen hinaus?
Eva Liebig: Der Name »Öko-Modellregion Stadt.Land.Augsburg« sagt es schon. Wir haben auf jeden Fall das Bestreben, uns mit der Stadt Augsburg sowie mit anderen Modellregionen zu vernetzen. Letztendlich kann so eine Zusammenarbeit auch finanzielle Vorteile bieten. Es ist schlau, über den Tellerrand zu schauen und sich gegenseitig zu unterstützen. Uns fehlt hier zum Beispiel der Hopfen, nicht wahr, Stephanie? Deshalb muss die Region größer gefasst werden. Der Konsument kann für Regionalität vor allem auch dann gewonnen werden, wenn die Produktpalette vielfältig ist.

Stephanie Schmid: Rohstoffe sind die Grundlage für ein Produkt und sollen natürlich aus der Region kommen. Der Anspruch an Braugetreide ist jedoch sehr hoch und die Qualität muss stimmen. Hopfen wächst nun mal am besten da, wo Spargel wächst, kommt also von weiter her. Rohstoffen, die eine gute Qualität aufweisen, aber aus einer anderen Region kommen, würde ich immer qualitativ schlechteren aus der Region vorziehen. Und nicht nur die Lage der Anbaugebiete, sondern auch das Wetter kann einem bisweilen einen Strich durch die Rechnung machen. Wenn ich hier also von Region spreche, muss sie größer gefasst werden und es ist durchaus auch mal ganz Bayern gemeint.

Was kann man von anderen lernen? Stephanies Bier gibt es in jedem Laden. Könnte das auch ein Ziel für Anjas Produzent*innen sein, um sich breiter aufzustellen?
Stephanie Schmid: Regionale Waren sind nicht vergleichbar mit den Mainstreamprodukten des Supermarkts. Dort finden sich nicht die geeigneten Gegebenheiten und nicht die entsprechende Klientel, und das ist nicht abwertend gemeint.

Anja Dördelmann: Bei uns gibt es viele kleinere Betriebe. Für die ist ein Supermarkt nicht die richtige Fläche, denn dort fehlt das Bewusstsein für diese speziellen Produkte regionalen Ursprungs. Da wird die handgemachte Nudel aus dem Dinkel der Westlichen Wälder mit konventioneller Ware verglichen und für die handgefertigte Ware schwinden die Chancen, gekauft zu werden. Aber dort, wo viele solcher Produkte zusammenstehen, ist die Kundschaft bereit, für diese Qualitäten zu bezahlen. In einem Laden wie dem Herzstück Diedorf werden die Themen der Produzent*innen definitiv besser transportiert.

Eva Liebig: Der Naturpark sieht sich als Entschleunigungs- und Wohlfühlregion, wozu unbedingt die Kulinarik gehört. Das möchten wir angehen und unterstützen, und dabei kann die Gastronomie vom Verband der Produzent*innen viel lernen. Wir wollen Naturparkprodukte auf den Speisekarten sehen. Wenn dann dort das Hühnerei aus Zweinutzung aus Adelsried, die handgefertigten Emmernudeln aus Döpshofen und der Schinken vom Schwein des Bioland-Hofs aus Hirblingen stehen, schmecken die Schinkennudeln mit Ei doch gleich noch besser. Dadurch bringt man den Produkten Wertschätzung entgegen. Auch für Mensas, Schulküchen und die Kindergartenverpflegung ist das durchaus denkbar.

Abschließend lässt sich zum Thema regionales Bewusstsein eines mit Sicherheit sagen: Es gibt noch viel Bedarf an allen Ecken und Enden, die Szene ist unglaublich kreativ und es macht enorm Spaß, sich darüber auszutauschen. Wir haben alle ein individuelles Gesicht, aber eben auch eine gemeinsame Kraft! Herzlichen Dank aus der a3kultur-Redaktion an unsere Macherinnen aus der Region.


Anja Dördelmann
ist in Horgau aufgewachsen und tief mit ihrer Region verbunden. Mit dem von ihr initiierten Herzwerk Gemeinwohl e.V. bringt sie sich in der Vorstandschaft ins Heimatleben mit ein und erschafft gemeinsam mit anderen die Genossenschaft Herzstück Horgau. Ihre Herzensangelegenheit ist es, die Welt um sie herum mitzugestalten und nicht einfach nur passiv dabei zuzusehen wie sich Dinge verändern. Anja Dördelman ist in der Region vernetzt und packt die Projekte mit leidenschaftlicher Energie an. www.herzwerk-gemeinwohl.de www.herzstueck-horgau.de

Eva Liebig ist Umweltpädagogin und Diplom-Ingenieurin (FH) in der Fachrichtung Landespflege. Seit 2010 ist sie Geschäftsführerin des Naturpark Augsburg – Westliche Wälder e.V. Im
Rahmen der Regionalentwicklung veranstaltet der Verein – zusammen mit ReAL West e.V. – seit 2015 einen Regionalmarkt in wechselnden Naturpark-Orten. 2019 nahmen über 40 Aussteller*innen teil, mit einem Besucherrekord von deutlich über 5.000 Gästen. Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder e.V. ist Mitglied in der Projektarbeitsgruppe der Ökomodellregion Stadt.Land.Augsburg. www.naturpark-augsburg.de

Stephanie Schmid ist Brauereichefin in der 13. Generation im Familienbetrieb der Brauerei Ustersbach. Für ihre Biere werden nur Rohstoffe aus der Region verwendet. Wichtig für das Unternehmen ist der Einsatz umweltschonender Betriebsanlagen ebenso wie eine handwerkliche Braukunst. An der Universität Augsburg hat Stephanie Schmid Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaft studiert. Sie interessiert sich aber auch sehr für den technischen Teil der Bier- und Getränkeherstellung. Ihre Passion ist das Kreative, sei es im Bereich Marketing oder in der Unterstützung von Gastronomen. www.ustersbacher.com

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