Ausstellungen & Kunstprojekte

Ganz nah an etwas Größerem

a3kultur-Redaktion

Herlinde Koelbl feiert die Schönheit des Vergänglichen: Spektakuläre Fotoschau »Metamorphosen« im H2 eröffnet.

»Do you remember?« raunt es aus der Audiostation, an deren Eingang der lautlose Schrei eines Neugeborenen verhallt. Außer dem nackten Winzling findet sich kein Menschenporträt in »Metamorphosen«, der rekordverdächtigen neuen Fotoschau von Herlinde Koelbl, kürzlich eröffnet im H2 – Zentrum für Gegen­wartskunst im Glaspalast. Hier war die wohl bedeutendste People-Fotografin unserer Zeit bereits an diversen Sammelausstellungen beteiligt, zuletzt im Rahmen von »European Trails«. Nun hat sie nicht etwa das Sujet gewechselt, sondern per Blick in den Mikrokosmos das Spektrum ihrer Langzeitstudien ausgedehnt. Seit rund sieben Jahren zog es Herlinde Koelbl immer wieder hin zur Natur und deren wechselvoller Schönheit im Werden, Vergehen, Entstehen – so auch der Untertitel ihrer gewaltig dimensionierten Fotoausstellung, der wahrscheinlich größten, die Augsburg je gesehen hat.

In ihren farbenprächtigen Makro-Aufnahmen präsentiert die 1939 geborene, später vielfach ausgezeichnete Journalistin und Fotokünstlerin weit mehr als eine bloße Sammlung teilabstrakter Still Lives. Psychedelisch wirken die meisten der Exponate, tatsächlich sind sie bewusstseinserweiternd konzipiert. Denn Herlinde Koelbl hat sich kein geringeres Ziel gesetzt als die Annäherung an das Leben selbst, in seinem mannigfaltigen Flirren und endlosen Kreislauf. Der prozesshafte Charakter ihrer Arbeit kommt vor allem an der »Studiowand« zum Tragen: Hier lässt sich das Aufscheinen und Verschwinden zahlloser Ideen erahnen, die über viele Jahre vorangingen.

Der Zauber des Vergänglichen ist allgegenwärtig in den rund 120 Farbfotografien unterschiedlichsten Formats, die frei angeordnet im Raum zu tanzen scheinen, zusätzlich belebt durch mehrere Videoinstallationen. Wellen, Adern, Gespinste, sogar ein blutiges Messer: Jedes Motiv spricht für sich, bleibt jedoch ins Gesamtwerk eingewoben, als singulärer Erinnerungswert und Allegorie auf den unendlichen Kosmos. Man spürt: Es geht um etwas Größeres.

Zur Vernissage am 15. Dezember war auch Philosophie Magazin-Chefredakteurin Dr. Svenja Flaßpöhler angereist, sie widmete dem Werk von Herlinde Koelbl einen Festvortrag. Für Gesprächsstoff wird die spektakuläre Fotoschau im H2 allemal sorgen – schließlich kennt man Herlinde Koelbl als vieldiskutierte zeitgenössische Fotografin. Bis zum 23. April 2023 können Besucher*innen die »Metamorphosen« erleben, sie sollten sich am besten »ganz offen« hineinbegeben, rät die Künstlerin. Ihre lange Reihe von Publikationen (u.a. Faszination Wissenschaft, Angela Merkel – Porträts 1991–2021, Spuren der Macht, Jüdische Porträts u.v.m.) wächst nun um einen wei­teren Fotoband: »Metamorphosen – Die Schönheit des Vergänglichen« erscheint Anfang 2023 im Steidl Verlag und wird auch im H2 erhältlich sein.

 

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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