Gegen die Demokratie
Ein gelungener Auftakt im Abraxas zu einem Festival ohne wirkliche Festivalleitung
Das Augsburger Friedensfest ist eine Institution auf tönernen Füßen. Seit Jahren ist es Tradition, sein mehrwöchiges Programm unter ein Motto zu stellen. Vor Jahren hießen diese Slogans »Alle reden vom Frieden – wir nicht!« (2012), »Niemand hat das Recht zu gehorchen« (2013), »Heimat. Da war ich noch nie!« (2014) oder »Utopie – Was wäre, wenn …?« (2018). In diesen Überschriften lag eine pulsierende Spannung, die ihren Widerhall in einem oft großartigen Programmmix fand, der es tatsächlich schaffte, weite Teile der verschiedenen Milieus unserer Stadt einzubinden.
Ab 2019 wurde ein Hashtag dem nun zum Claim mutierten Slogan vorangestellt. Diese hießen nun »#Freiheit«, »#Rituale«, »#Fürsorge«, »#Zusammenhalt« und zuletzt »#Kreativität« (2023). Für sich genommen alles ehrenwerte Vertreter aus der Begrifflichkeitssuppe unserer Sprache. Aber eben etwas beliebig.
Das Friedensfest war zuvor vermehrt politisch auffällig geworden. Also wechselten die Entscheidungsträger*innen. Verantwortlich war nun nicht mehr die Kulturabteilung, sondern eine Stabsstelle im OB-Referat. Eine dort formulierte und im Stadtrat durchgewunkene Beschlussvorlage verdeutlichte den gewünschten neuen Kurs. Zu künstlerisch, zu intellektuell, zu wenig Partizipation – so lauteten die absurden Vorwürfe. Man wollte Kontrolle. Ein bald verhallender, jedoch deutlich vernehmbarer Aufschrei ging durch die Stadt. Noch heute schämen sich einige Volkvertreter*innen – und zwar völlig zu Recht – für ihr damaliges Versagen.
Nach dem Abgang der verdienten Friedensbüroleiterin steht das Friedensfest vorerst ohne echte Chefin da. Aber dennoch mit vielen guten Leuten. Da durfte man gespannt sein, wie die Neuauflage in diesem Jahr loslegen würde. Das Motto 2024 lautet »#Demokratie«.
Der Eröffnungsabend im Abraxas-Theater gelang. Als Intro hielt die Augsburger OB Eva Weber eine ihrer Reden, die aufhorchen lassen. Demnach bekommt man Demokratie nicht geschenkt. Man muss sich beteiligen, bereit sein, sie zu verteidigen, dafür einstehen. So weit d’accord. Jedoch vergaß die Politikerin die Verantwortung ihres Berufsstandes zu erwähnen.
Dieses Manko glich dann ein Theaterstück aus der Feder des katalanischen Autors Esteve Soler in der starken, zuweilen unter die Haut gehenden Inszenierung des Ensembles Phoenix (Köln) mehr als aus. Der Titel des Stücks »Gegen die Demokratie« huldigt unverholen dem Sound vergangener Festivalslogans.
Im Anschluss diskutierte die Regisseurin des Stücks Bettina Montazem mit Tobias Schuster, Dramaturg an den MünchnerKammerspielen, und Christian Boeser vom Netzwerk Politische Bildung Bayern. Moderiert wurde die wache und meinungsstarke Runde von der BR-Journalistin Alexandra Martini. Dass am Ende des Abends mehr Fragen als Antworten zum Thema Demokratie im Raum standen, ist keine dem Motto geschuldete Schwachstelle. Im Gegenteil. So besteht immer Grund zur Hoffnung. Auch darauf, dass der Geist der Friedensstadt Augsburg noch so mancher politischen Kurzatmigkeit Paroli bieten kann.
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