Politik & Gesellschaft

»Genaues Hinschauen gefordert«

Jürgen Kannler
16. November 2021

Ein Interview mit Jürgen Enninger zum Thema Macht und Machtmissbrauch an Theatern in Augsburg.

Seit letzten Oktober ist Jürgen Enninger Kulturreferent in Augsburg. Diese Funktion macht ihn automatisch zu einem Stiftungsrat des Staatstheaters dieser Stadt. Bei unserem siebten Interviewtermin seit seinem Amtsantritt sprechen wir mit ihm in eben dieser Doppelfunktion über die Themen unserer aktuellen Serie. Es ist ein Reizthema. So hat es drei Monate gedauert, bis dieser Termin überhaupt zustande kam. Wir treffen uns in den neuen Büros des Kulturreferats in der Karolinenstraße. Zwischen der Interviewanfrage und dem heutigen Termin lagen der Sommer und ein katastrophaler Hausbrand in direkter Nachbarschaft. Im Juli hatten wir ebenfalls Staatstheaterintendant André Bücker für ein gemeinsames Gespräch angefragt. Er ließ jedoch schon früh abwinken und wissen, dass für sein Haus nicht ganz klar sei, was das Ziel eines gemeinsamen Interviews mit einem Stiftungsvorstand und einem Stiftungsrat des Staatstheaters zum Thema »Theater.Macht.Zukunft« sein solle, und auf einen Termin ab Ende Oktober verwiesen. Statt André Bücker begleitet  nun die Juristin Dr. Aurelia Tomic-Paulduro dieses Gespräch.

a3kultur: Die Sensibilisierung unserer Gesellschaft in Sachen Macht und Machtmissbrauch ist in den letzten Jahren gewachsen. Immer wieder bringen Betroffene ihre Geschichten in die Medien und erreichen damit zuweilen eine breite Öffentlichkeit. Auch Kulturorte und -macher*innen stehen immer wieder in scharfer Kritik. Ergibt sich daraus Handlungsbedarf für den Kulturreferenten?

Jürgen Enninger: Es ergibt sich allein deshalb schon Handlungsbedarf, da man sehr sensibel mit dem Thema umgehen muss. Wir begleiten Kultureinrichtungen bei dieser Sensibilisierung. Ein genaueres Hinschauen und Hinhören als bisher ist gefordert. Die Bereitschaft dazu muss jedoch aus den Einrichtungen selbst erwachsen. Unser Referat kann dazu Impulse geben, aus denen Handlungsempfehlungen erwachsen könnten.

Machtmissbrauch im Kulturbetrieb muss gesellschaftlich verhandelt werden

Ist Machtmissbrauch im Kulturbetrieb ein Thema, das Theater auch abseits der Bühnen verhandeln sollten?

So ein Thema muss immer gesellschaftlich verhandelt werden. Die Kulturverwaltung kann solche Prozesse unterstützen, sofern sich die Menschen auf den Weg dazu machen. Es geht um tatsächliche Personen in Interaktion und in Abhängigkeiten. Diese können missbräuchlich genutzt werden, in allen Bereichen unseres Zusammenlebens. Also auch im Kulturbetrieb.

Du sprichst dich also für ein Verhandeln von Machtfragen in den Theatern abseits der Bühnen aus?

Absolut, ja, aber natürlich auch auf der Bühne.

Die Stadt fördert eine ganze Reihe privater und freier Theater auf der Grundlage langjähriger Verein­barungen. Spielt das Thema Macht, ihre Verteilung an den Theatern und wie diese eingesetzt wird und wirkt, eine Rolle in diesen Vereinbarungen?

Nein, und zwar weil dieses Thema in diesen Vereinbarungen nicht abgedeckt werden kann. Wir wollen eine stärkere Sensibilisierung in diesen Fragen erreichen. Dafür sind Zuwendungsvereinbarungen nicht geeignet.

Die Stadt könnte zum Beispiel das Thema faire Bezahlung in solche Vereinbarungen aufnehmen. Die Verteilung finanzieller Mittel hat viel mit der Struktur von Macht zu tun.

Das ist ein Thema, das wir bereits in runden Tischen angegangen haben und weiterentwickeln werden. Es ist Teil des Koalitionsvertrags.

Bisher war »Theater und Macht« in unserer Stadt kein Thema. Braucht es Schlagzeilen wie in Karlsruhe, Berlin oder Düsseldorf, um das Thema auf die Agenda zu holen?

Ich könnte nun positiv argumentieren und anführen, dass meines Wissens in Augsburg bisher noch nichts Negatives in dieser Hinsicht vorgefallen ist.

Bisher keine Impulse aus den Theatern

Oder noch keine Öffentlichkeit gefunden hat. Es gab also bisher noch keine Impulse aus den Theatern?

Nein, die gab es nicht. Aber unser Gespräch ist vielleicht ein guter Anlass, um darauf aufmerksam zu machen. Wir haben ein offenes Ohr. Wenn es eine gemeinsame Agenda seitens der Theater in der Sache geben wird, werden wir diesen Prozess engagiert begleiten.

Siehst du Handlungsbedarf für die Gleichstellung der Mitarbeiter*innen, vor allem auch aus künstlerischen Bereichen?

Wenn ich diesen nicht sähe, würde ich hier nicht sitzen.

Auf unsere Anfrage, welche Art von Beschwerden dem Kulturreferenten im Kontext Theater und Macht bekannt sind, bekamen wir folgende Antwort: »Es liegen keine qualifizierten Beschwerden vor, die zwingend eine Handlung erfordern würden.« Was heißt in diesem Kontext »qualifizierte Beschwerde«?

Sie wäre nicht anonym und würde einen klaren Fall benennen, vergleichbar mit Leserbriefen.

Wir wollen eine stärkere Sensibilisierung in diesen Fragen erreichen. Dafür sind Zuwendungs­verein­barungen nicht geeignet

Der damalige Personalrat des Staatstheaters Philipp Miller nannte im Interview mit a3kultur vom Juli dieses Jahres drei wesentliche Punkte, die Machtmissbrauch an Stadt- und Staatstheatern begünstigen: steile Hierarchien, personeller Kahlschlag beim Führungswechsel und eine unsichere Vertragslage der allermeisten Mitarbeiter*innen aus Kreativbereichen. Was entgegnest du dem Personalrat, was unseren Leser*innen?

Das sind zuallererst Themen der Tarifautonomie, und die müssen von den Tarifpartnern verhandelt werden. Es ist eine generelle Herausforderung im klassischen Theaterbereich, die dort herrschenden hierarchischen Strukturen zu thematisieren. Sie können zu spezifischen Abhängigkeiten führen. Wie in anderen Bereichen unserer Gesellschaft eben auch. Das müssen wir beobachten. Ich wünsche mir generell mehr Sicherheit für die Mitarbeiter*innen in kreativen Berufen, aber eben auch Innovationskraft auf der Bühne.

André Bücker spricht im Interview in der Publikation »Theater und Macht. Beobachtungen am Übergang«, von einem neu entwickelten Leitbild am Staatstheater, auf das sich die Mitarbeiter*innen im Konfliktfall beziehen können. Der Personalrat spricht von einer Blendveranstaltung und lobt das Leitbild der Stadt Augsburg als besser und umfangreicher. Demnach hat die Stadt ihre Mitarbeiter*innen bei der Umwandlung vom Stadttheater in ein Staatstheater in einen schlechter geschützten Raum entlassen.

Dieses Leitbild wurde mir vorgestellt. Allerdings war ich zur Zeit seiner Entwicklung noch nicht im Amt. Doch selbst wenn ich damals schon in Augsburg gewesen wäre, sähe ich mich nicht in der Rolle oder Pflicht, bei diesem Selbstfindungsprozess eine aktive Rolle zu spielen. Im Übrigen kenne ich beide Leitbilder und widerspreche der Darstellung, dass das Leitbild des Staatstheaters schlechter wäre. Man kann sie zwar nicht eins zu eins übereinanderlegen, aber ich kann keine wesentlichen Unterschiede erkennen.

Schon in der Umwandlung des Stadttheaters in ein Staatstheater sehen manche einen klaren Fall von Machtmissbrauch. Die Ankündigung war ein Alleingang von Ministerpräsident Markus Söder. Zumindest in Augsburg schlug diese Nachricht ein wie eine Bombe. Scheinbar wusste keiner, OB und Intendant eingeschlossen, von diesem Vorstoß. Auf eine Diskussion mit den Bürger*innen wurde verzichtet. Ein Fall von Übergriffigkeit durch den Ministerpräsidenten?

(Hier lacht der Kulturreferent) Nein, das war ganz und gar kein klarer Fall von Machtmissbrauch. Diese Entscheidung war ein großes Geschenk der bayerischen Staatsregierung an die Stadt Augsburg. Es ist eine Riesenchance für unser Ökosystem Kunst und Kultur.

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