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Gibt es eine »jüdische« Kunst?

a3kultur-Redaktion

»Transitions«: Sieben künstlerische Positionen in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber

Eine Guerillaaktion in Wien. Eine absurde Interaktion mit einem Busch in der Wüste. Eine klingende Landkarte. Die Inhalte könnten unterschiedlicher nicht sein.

Und doch ist der unsichtbare Kitt, der – abgesehen vom Ausstellungsort – diese Ausstellung zusammenhält, die jüdische Kultur. Diese ist untrennbar mit der Shoah verbunden, aber nicht allein darauf zu reduzieren, wie die Exponate zeigen.

So erinnert uns Liliana Farbers »Timeprotocol.net« (siehe Bild oben) an die unterschiedliche Zeitrechnung und -wahrnehmung bei Christen und Juden. Die Website (zu erreichen über den gleichlautenden Link) und App visualisiert die Einteilung des jüdischen Tages nach Sonnenauf- und -untergang.

»The Talking Bush« von Elianna Renner und Oree Holban ist fast eine Comedy-Show, an der das Tragischste der Umstand ist, dass der titelgebende, in Jaffa befindliche Busch inzwischen einem Bauprojekt zum Opfer fiel.

Kurator Daniel Laufer (siehe Bildergalerie) vom in Berlin ansässigen Kunstnetzwerk »Dagesh –Jüdische Kunst im Kontext« setzt mit dieser Ausstellung ein Konzept fort, das bereits in der Hauptstadt vorgestellt wurde. (Das Dagesh ist ein Punkt, ein kleines Quadrat im Zentrum von Buchstaben des hebräischen und jiddischen Alphabets. Es trägt in sich keine Bedeutung, kann jedoch die Bedeutung der Worte verändern, indem es Betonungen verschärft.)

»Die Betroffenheitsperspektive ist eine andere«

Die Ausstellung, eine Kooperation zwischen Dagesh und dem Jüdischen Museum Augsburg Schwaben mit Unterstützung der Arno-Buchegger-Stiftung, ist in ihrer trotz der geringen Anzahl an Exponaten großen Bandbreite an künstlerischen Techniken und Intentionen interessant. Noch interessanter wird sie vor dem Hintergrund, dass alle Künstler*innen jüdische Wurzeln haben und diese auch, dokumentarisch oder codiert, in ihrem Werk thematisieren. Kann man hier auch von einem »jüdischen Blick« oder gar »jüdischer Kunst« sprechen?

Die Frage stellt sich z.B. angesichts von Hadas Tapouchis »Memory Practice«, einer Serie von scheinbar belanglosen Aufnahmen von Wohnhäusern und Firmengebäuden, die aber alle eine Vergangenheit im Zusammenhang mit der Judenverfolgung haben. Oft ist dies aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden. Welche Besucher*in oder sogar Mieter*in der fröhlich-betriebsamen Ballonfabrik (eines der ausgewählten Motive Tapouchis) denkt z.B. darüber nach, dass hier im Dritten Reich Zwangsarbeit verrichtet wurde? 

Wenn er/sie es jedoch täte und eine entsprechende Dokumentation vornehmen würde, wäre es dann dasselbe wie wenn eine Person mit jüdischen Wurzeln das tut? Kann jemand Außenstehendes (wenn man das Judentum als fest umrissenes Kollektiv ansieht, das es ja nun auch wieder nicht ist) sich das Zeitempfinden im jüdischen Alltag »draufschaffen«? Möglicherweise. Kann er wie die Gruppe Aktivist*innen um den Wiener Eduard Freudman eine »Schandwache« organisieren und als Filmessay aufbereiten? Ganz sicher. 
Aber das Gefühl, das eine*n beim Anblick geschichtsträchtiger Orte beschleicht, an denen vielleicht Mitglieder der eigenen Familie gelitten haben, ist natürlich sehr stark an den individuellen oder kollektiven Background gebunden. Mit Laufers Worten: »Die Betroffenheitsperspektive ist eine andere.«

Da natürlich jede Persönlichkeit und Weltsicht sich auch durch individuelle Erfahrungen, Orte, Bildung etc. herausbildet, stellt sich insgesamt die Frage, ob dasselbe Kunstwerk von zwei Menschen geschaffen, exakt denselben Stellenwert hätte. Dazu kommt, dass »jüdisch« sich sowohl über eine ethnische als auch eine religiöse Zugehörigkeit definieren kann. Wobei auch nicht alle Jüd*innen sich im gleichen Maße über eine Art »Nation« definieren und auch nicht alle ihren Glauben praktizieren. Zumal die hier gezeigten Künstler*innen größtenteils der etwas jüngeren Generation (geboren um 1980 oder später) angehören, welche die Traditionen der Alten mitunter nicht mehr vollumfänglich mitträgt. 

Die Koffer immer gepackt

Eine kleine Schau der Vielfalt innerhalb des Judentums also. Geschaffen von Küstler*innen aus Mitteleuropa, Israel, der Ukraine, den Vereinigten Staaten. Auffallend: Die gezeigten Kunstwerke stammen allesamt aus den Disziplinen Film (Nikolay Karabinovych: »Even Further«), Videokunst, Fotografie, Sound Art (Nicolas Melmanns Projekt »Spread«), net.art. Sie sind von Material wie Leinwand und Stein oder Bronze emanzipiert. Dadurch sind sie jederzeit abrufbar, global zugänglich und unabhängig von Orten und Infrastruktur. Sie können jederzeit migrieren und sich neu zusammenfinden. Die Koffer bleiben quasi immer gepackt. 

Natürlich ist die Zusammenstellung auch das Ergebnis der Kuration bzw. der Einreichungen, die über das internationale Kunstnetzwerk »Asylum Arts« zu Dagesh nach Berlin gelangten. Doch vielleicht ist es diese Bereitschaft zur schwerelosen globalen Präsenz, was das Jüdische dieser Ausstellung ausmacht. 

»Transitions. Jüdische Perspektiven auf die Gegenwart« ist bis 30. Juni in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber zu sehen. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, unter anderem eine öffentliche Führung am Sonntag, 4. Februar um 15 Uhr.

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