Glück muss man haben
Der Literaturmensch Kurt Idrizovic hat heuer einiges zu feiern. Dieser bekennende Augsburger ist ein Glücksfall für die Stadt. Ein Interview mit dem stadtbekannten Buchhändler
a3kultur: Du bist Buchhändler, Veranstalter, Aktivist, Kommunikationszentrale. Ist deine Persönlichkeit nur in dieser Kombination zu denken?
Kurt Idrizovic: Mag sein. Ich bin im Arbeiterquartier von Lechhausen aufgewachsen. Über den zweiten Bildungsweg und die Chancen, die sich mir durch die »Büchergilde« ergeben hatten, habe ich langsam ein Gefühl dafür entwickelt, dass ich meine literarischen Interessen in ein Geschäftsmodell umsetzen kann. Dabei nur auf ein Pferd zu setzen, kannst du dir vielleicht leisten, wenn du aus einem bürgerlichen Haushalt kommst. Nicht aber als Lechhauser.
Du bist geborener Lechhauser und praktizierender Augsburger. Was macht denn die Stadt aus?
Aus all ihren Widersprüchlichkeiten erwächst eine Verbundenheit. Heimat kann man nicht sagen. Stadtverbundenheit ist eher das richtige Wort dafür, wenn einem die Stadt, in der man lebt, wirklich etwas bedeutet. Oft ist diese Verbundenheit an die frühen Orte geknüpft. Das passt ja ganz gut, dass wir uns heute an der Kahnfahrt treffen.
Ist das so ein Ort? Geht es um die Atmosphäre? Natürlich auch, aber eben nicht nur. Wer erinnert sich heute noch gerne an die vernachlässigte Stadtbücherei, die wir hatten? Ich denke zuweilen schon noch an diesen Ort und wie er mich inspiriert hat, was zu ändern.
Er war das Sinnbild dafür, dass in Sachen Literaturbetrieb und -szene in Augsburg ganz wenig los war. Und dann kommt ein junger Typ wie ich, mit Motivation und Lust auf Buchhandel, Lust auf Veranstaltungen, Lust, was mit Menschen zu machen. Ein wichtiger Mitstreiter von Anfang Anfang war Arno Löb, dem ich bis heute viel zu verdanken habe.
Dazu kommt, dass Augsburg meine Sprachheimat ist. Meine Sprache ist Augsburgerisch. Eine Sprache, die alle Widersprüche dieser Stadt in sich vereinigt. Das lebe ich.
Ich kenne dich als Mann, der sehr viele enge, vertraute Freunde, Freundinnen hat, Wegbegleiter, aber auch als streitbaren Mensch, der seine Positionen vertritt, sich da auch Feinde gemacht hat, und trotzdem habe ich oft das Gefühl, auch die Personen, mit denen du thematisch vielleicht nicht immer so klarkommst, dass da trotzdem auf menschlichen Ebene immer eine Brücke ist.
Es gibt immer eine Verbindung. Eine Beziehung, die auf einer sachlichen Ebene manchmal auch Konfliktstoff hat, muss ausgehalten werden. Man trifft sich ständig in der Stadt. Es gibt keine Chance, sich aus dem Weg gehen. Dennoch, Auseinandersetzungen, sind nie einfach.
Und du hattest einige Auseinandersetzungen. Da wäre die Stadtbücherei, die gegen den Willen der damaligen Stadtregierung, von den Bürger*innen durchgesetzt wurde, über die Kahnfahrt, die es ohne dein Engagement heute nicht mehr gäbe, bis hin zu dem Theater mit dem Neubau des Staatstheaters, den du mit einigen Mitstreiterinnen sehr kritisch begleitest. Ist da Genugtuung im Spiel, wenn man, wie gerade eben beim Skandalbau des Staatstheaters, nach zehn Jahren weiß, dass die Stadt mit ihrem Bauprozess jetzt genau in der Bredouille steckt, die man vor zehn Jahren vorhergesagt hat?
Das wäre einfach zu sagen, wir haben recht gehabt , das nicht. Ich merke genau, wie schade es ist, dass wir uns damals in der Diskussion nicht durchsetzen konnten. Und jetzt erfahren wir, dass alles noch viel schlimmer wird, als wir das prognostiziert hatten. Das ist bitter für Augsburg – die Schulden werden höher, andere Projekte werden verschoben.
Du hast zum Beispiel zur OB Eva Weber, wie man weiß, persönlich durchaus ein freundliches, entspanntes Verhältnis, und in der Sache Theaterbaustelle seid ihr seit zehn Jahren oder länger sehr konsequent am Streiten. Wie schafft man so einen Spagat?
Also das stimmt, wir haben uns nicht nur mit Eva Weber, sondern auch mit Kurt Gribl, ihrem Vorgänger, in den schlimmsten Momenten richtig hart beharkt. Das war wohl für niemanden lustig. Und ich glaube, das macht schon was mit einem. Da wird man schon mal zornig und weiß auch nicht, ob man immer auf dem richtigen Weg ist.
»Augsburgerisch. Eine Sprache, die alle Widersprüche dieser Stadt in sich vereinigt.«
Hast du oft auch mit Zweifeln zu kämpfen?
Schwere Frage. Grundsätzlich wusste ich schon, wir kämpfen um ein Thema, das jeden Kampf wert ist. Jeder eben auf seine Weise. Ich kann den Leuten heute jedoch in die Augen schauen. Das ist vielleicht das wichtigste. Ich habe in der ganzen Debatte nie jemanden beschimpft oder beschmutzt. Ich habe meinen Frieden, auch mit den Menschen, die anderer Meinung waren.
Wo findest du denn Frieden? In der Literatur und beim Lesen?
Ich glaube schon. Die literarische Welt hat mir Welten öffnet, die ich selber nie betreten kann. Zwischenwelten, das Unterbewusste. Ich finde in der Literatur so viel. Dabei ist man ja immer auf der Suche nach sich selbst. Und ich kenne viele Menschen, die andere Entwürfe haben, um sich selber zu finden. Bei mir haben die Welten von Jack London, oder Mark Twain das ihre getan. Abenteuer fand ich in den frühen Büchern der Büchergilde. Das hat mich inspiriert.
Hader mit der eigenen Herkunft hattest du nicht, sondern so eine Lust an der Fortbewegung. Verstehe ich das jetzt richtig?
Ja, das stimmt. Dazu gehört die Lust am Wissen, also sich etwas anzueignen, diese Welten zu öffnen und vor allem dieses Wissen auch anzuwenden. Das ist natürlich nicht einfach, in einer Stadt, die Ecken und Kanten hat. Und in der Vorstadt sowieso. Und es kommt oft darauf an, zum richtigen Zeitpunkt die gute Freunde an der Seite zu haben. Das ist das wesentliche, damit einen die Kräfte nicht verlassen oder gar resigniert.
Gedeihen diese Freundschaften auf dem gemeinsamen Erlebten oder auf gemeinsamen Leidenschaften, die man unabhängig voneinander macht, wie die Literatur? Was ist da jetzt das Entscheidende?
Ich glaube, das Entscheidende ist, dass man miteinander ein bestimmtes Lebensgefühl teilt.
Das Lebensgefühl heißt Vorstadt. Bei uns heißt es Lechhausen. Ich hatte Glück, so viele gute Freunde zu haben, einer der wichtigsten ist immer noch Edgar Mathe. Ihm habe ich viel zu verdanken. Die gemeinsame Herkunft ist eine gute Grundlage für dauerhafte Freundschaft. Die meisten von uns hatten denselben Start: Ausbildung im Betrieb und dann Abitur auf dem Bayern-Kolleg. Abi für Kinder aus dem Arbeitermilieu, Bafög. Das war ein Ergebnis sozialdemokratischer Politik, von der wir direkt profitiert haben.
Hast du dich beim Lernen leicht getan?
Überhaupt nicht, ich habe mich schwer getan, und wiederum hat nur der Freundeskreis geholfen. Man nimmt sich gegenseitig mit.
Du bist vom proletarischen Lechhausen vor einigen Jahren ins gutbürgerliche Pfersee gewechselt. Hast du dich denn als junger Mann mit so einem Lebensabend gesehen? Überhaupt nicht. Ich glaube, keiner von uns hat damals eine Vorstellung gehabt, wie das alles werden könnte. Es gab die Biografien unserer Eltern, und wir haben nur gewusst, so wollen wir nicht werden. Wir wollten nicht nur zusehen, sondern auch gestalten.
Dass wir mal Familien haben und Karrieren machen, war nahezu unvorstellbar. Man hat jedoch so ein ganz starkes Lebensgefühl gehabt. Und man war politisch.
Über deine Mama bist du zur Büchergilde und zum Lesen gekommen. Was hat dir dein Vater mitgegeben? Idrizovic, das ist ja ein Name vom Balkan.
Montenegrinisch. Mein Papa war Moslem. Meine Mama und ich waren evangelisch. Das hat mich natürlich auch geprägt. In diesen zwei religiösen Tälern im Kindesalter zu leben, war nicht einfach.
Menschen, die nach Mekka reisen. Menschen, die andere Sprachen sprechen ...
Und vor allem – auch wenn es jetzt ein bisschen kitschig klingt – ich habe viel über das Gefühlte erfahren.
Zum Beispiel über die Musik des Balkans, die mein Vater gehört hat. Über die Freundschaften, die mein Vater zu Exiljugoslawen gepflegt hat. Und ich habe gemerkt, da ist auch in mir so ein Teil Balkan. Das lässt sich nicht verleugnen. Das war schon interessant. Ich habe jedoch nicht immer alles verstanden. Aber ich wusste, das ist ein Teil von mir.
Bedauerst du es, dass der montenegrinische, der muslimische Teil in dir nicht so zur Ausprägung gekommen ist?
Ob ich das bedaure, weiß ich nicht. Aber ich spüre und weiß, dass alles auch Schattenseiten hat. Diese Menschen waren ja auch eher heißblütig und nicht immer so nett zueinander, streiten gerne, versöhnen sich. Lachen und weinen miteinander. Klingt etwas sentimental, lassen wir trotzdem so stehen.
Das alles hat für mich etwas Starkes. Manchmal fast ein bisschen übertrieben. Aber Zusammenhalten, das ist mir schon wichtig und das lebe ich.
Bist du ein Mensch mit starken sentimentalen Zügen?
Auf jeden Fall. Das spürt man in sich. Das kommt schon daher, dass man so was in seiner Seele hat, das nicht nur Lechhausen ist, sondern noch etwas anderes. Das spüre ich manchmal, wenn mich schnell etwas berührt.
Kahnfahrt, Localbahn, Stadtmauer, verschiedene Quartiere in der Stadt. Du machst viele Orte gemeinsam mit deinen Weggefährt*innen der Öffentlichkeit zugänglich und bespielst sie. Als neustes Projekt die Mansarde, in der Bert Brecht zu einer Zeit gerne lebte, als er schon in Berlin auf dem Weg war, einer der großen Dichter seiner Zeit zu werden. Wenn er noch am Leben wäre und gerade zuhause, könnte er direkt auf uns beide hier herunter sehen. Das sind eigentlich sehr viele Jobs, die auch in der Kulturpolitik verankert sein könnten. Wird kulturpolitisch in Augsburg zu wenig getan?
Vielleicht wird insgesamt nicht zu wenig getan. Man hat jedoch noch keinen richtigen Fokus. Auf der einen Seite kann man das bemängeln. Auf der anderen Seite sehe ich das als Chance. Ich kann dann in dieses Vakuum reingehen und Dinge selber machen. Das ist schon toll.
»Ich habe meinen Frieden, auch mit den Menschen, die anderer Meinung waren«
Du kommst da immer wieder auch an Grenzen, auch wenn du Projekte aufziehst und mitunterstützt, die sehr vielen zugutekommen, wie zum Beispiel die Lese-Inseln an den Augsburger Schulen. Wo nimmst du denn die Kraft her, nach dem zehnten Mal Gegen-eine-bürokratische-Wand-Laufen den Anlauf zum elften Mal zu nehmen?
Da gibt es zwei Dinge: Auf der einen Seite will man im Leben gerne ein bisschen etwas bewegen. Das habe ich vom Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gelernt. Verliebt sein ins Gelingen. Man will, dass was gelingt, und sollte dabei nie alleine sein. Ich habe noch nie irgendeinen Kampf allein geführt. Jeder Erfolg ruht auf vielen Schultern. Naja, so viele sind es nicht – die richtigen müssen es halt sein.
Du hast Freunde, die dir helfen und dich unterstützen. Es gibt Freunde die du in der Buchhandlung triffst, bei Veranstaltungen, im Kaffeehaus, sogar in der Politik, im FCA-Stadion. Überall, wo man unterwegs ist, gibt es einen Freundeskreis. Man ist nicht alleine. Und das, glaube ich, ist das Wichtigste, und dann macht es auch Spaß, sich zu engagieren. Und wenn wirklich mal was so gelingt, wie jetzt wieder bei der Kahnfahrt oder bei der wieder-entdeckten Brecht-Mansarde, dann spürt man, es ist ein Projekt, und das kann man dann auch wieder abschließen. Man kann es gut sein lassen, und das finde ich grandios. Dass man in einer Stadt wie Augsburg so etwas tun kann. Da bin ich auch der Stadt sehr dankbar, was immer diese Stadt auch ist.
Im Sommer vor vierzig Jahren startete Kurt Idrizovic als Buchhändler in Augsburg. Von seiner Mutter übernahm er damals die regionale Vertretung der Büchergilde Gutenberg, die dieses Jahr ebenfalls etwas zu feiern hat. Sie wird stolze hundert Jahre alt.
Idrizovic empfand 1984 den hiesigen Literaturbetrieb als Vakuum. Mit den Jahren gelang es ihm und seinen Mitstreiter*innen, Frischluft in diese Ödnis zu blasen. Erfolg, so weiß er seither, wird von vielen Schultern getragen. Neben dem Buchhandel wurde er Veranstalter bedeutender Literaturreihen, Stadtführer zu vergessenen Orten, Aktivist im kulturpolitischen Kosmos der Region und nicht zuletzt zum Kommunikationsmeister seiner Brechtstadt.
Stadtbücherei, Lese-Inseln, Localbahn, Industriekultur, Kahnfahrt, Theaterneubau, Brecht. Viele Themen, die die Menschen in Augsburg bewegen, laufen bei Kurt Idrizovic zusammen. Seine Schaltzentrale und Lieblingsort ist das Kaffeehaus. Sein Charakter wurzelt im Stadtteil Lechhausen. Eine seiner vorstadtphilosophischen Weisheiten lautet: Glück muss man haben.
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