Große Freiheit
Die Vorgaben der Staatsregierung sind ein Misstrauensvotum gegen alle Kulturmacher*innen. Enttäuschung, Wut und Mutlosigkeit machen sich breit. Was bleibt, ist bleierne Müdigkeit.
Das erste Wochenende im Advent standen zwei 2Gplus-Starttermine für Ausstellungen in meinem Kalender – die Große Schwäbische in der Halle 1 im Glaspalast und Groundfloor Playground im Kunstverein.
Die Kulturorte und ihre Öffnungszeiten liegen günstig. Ein Test genügt, um als doppelt Geimpfter Livekultur zu erleben. Dazwischen ein Film, das geht sich aus. »Große Freiheit« im Mephisto. Zur besten Ausgehzeit bin ich im Kino mutterseelenallein. Das erspart die Maske beim 100-minütigen Kammerspiel mit Rogowski und Friedrich.
Zurück im Leben. Freitagnacht kurz nach 23 Uhr. Die Straßen leer. Clubs und Bars geschlossen. Die Restaurants verabschiedeten ihre letzten Gäste vor mehr als einer Stunde.
Große Freiheit fühlt sich anders an, sieht anders aus, schmeckt anders. Die kleine Freiheit, einen Film zu sehen, ins Theater zu gehen, Ausstellungen zu besuchen, ist gegeben. Die Besucher*innen fehlen. Warum?
Der Test für das Plus hinter dem 2G kostet lediglich etwas Planungsaufwand. Kurze Zeit später macht es Pling!, und das Ergebnis ist im Postfach. Ich diskutiere nicht mit Ungeimpften. Verstehe auch viele andere nicht so recht. Was bitteschön hält sie davon ab, sich das Plus hinter ihr 2G setzen zu lassen, um in diesen Tagen ein Museum zu besuchen? Manche Häuser verzeichnen einstellige Ticketverkäufe. Zu Recht fordert Christof Trepesch, Chef der Kunstsammlungen Augsburg, als Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Museen in Bayern die sofortige »Gleichstellung bayerischer Museen mit den Bildungseinrichtungen«. Momentan klassifiziert die Staatsregierung Schaezlerpalais, Maximilianmuseum und H2 als Freizeiteinrichtung und stellt sie damit auf eine Ebene mit Fitnessclubs und Hüpfburgen. Ein ähnliches Dilemma erleben Theater. Private Bühnen sind oft geschlossen. Nicht verwunderlich, wenn die verordnete maximale Auslastung bei nur 25 Prozent liegt. Glücklich die Intendant*innen, die diese Quote erreichen können. Ich ahne, es hat alles mit einer großen Müdigkeit zu tun, die viele plagt. Doch nicht alle. Enormen Zulauf verzeichnen improvisierte Glühwein-Ausschankstätten. Hier gibt es den Kick durch 40 Umdrehungen im Heißgetränk. Dieses schnelle Geschäft spielt mit der Sehnsucht nach Weihnachtsstimmung und Nähe und bietet doch nur Systemgastronomie. Doch immerhin unter freiem Himmel. Hätte man da nicht ansetzen können?
Die meisten Adventsmärkte in unserer Region wurden schon im Herbst abgesagt. Der Augsburger OB Weber jedoch war es lange zuzutrauen, die »Rummelbuden vor dem Rathaus« (daz) selbst bei einer Inzidenz von über 500 zu eröffnen. Schlussendlich hat Parteifreund Söder für sie entschieden. Keine Weihnachtsmärkte in Bayern.
Ich besinne mich ohne Punsch. Rätsle, wann sich eine hiesige Stadtspitze zuletzt für Kunst und Kultur so öffentlich ins Zeug gelegt hat wie für das längst schon absurd gewordene Treiben zur Vorweihnachtszeit auf dem Rathausplatz. Die Inszenierung der OB zur Absage vor Marktkaufleuten und Tannengrün war nicht ohne Ironie. Haben hier eine Handvoll Innenstadtgastronomen mit Außenausschankambitionen den besseren Draht zur lokalen Machtzentrale als alle Kulturschaffenden der Region zusammen? Wird unser Leben von der Biermarkenmafia gesteuert?
Während in Supermärkten der 0G-Status Gesetz ist und Bergbahnen im 2G Modus pendeln, verhängt die Staatsregierung 2Gplus für Museen und Theater. Genesen oder geimpft, getestet und mit Maskenpflicht. Diese Vorgaben kommen einem erneuten Misstrauensvotum der bayerischen Politik gegen die Kulturmacher*innen gleich. Die entwickelten und erfolgreich erprobten Sicherheitskonzepte sind Makulatur. Warum sollten die Menschen Kulturorte besuchen, die von Amts wegen bescheinigt bekommen, ein höheres Ansteckungsrisiko zu bergen als jeder beliebige Baumarkt? Die ungleiche Justierung der Messlatte empfinden Künstler*innen zu Recht als Ungerechtigkeit. Enttäuschung, Wut und Mutlosigkeit machen sich breit. Was bleibt, ist oft nur bleierne Müdigkeit.
Warum ist unsere Politik nicht reif für ein Kulturleben, das sich auf Augenhöhe mit der Industrie oder dem Handel entfaltet? Hier fehlt es wohl an Stimmungsmachern aus den Lobbykanzleien, die anderen Branchen zu ihrem guten Recht verhelfen. Und zuweilen auch ein gutes Stück über dieses hinaus, gegen Prämienzahlung, versteht sich.
Die einzelnen Kulturbereiche sind zu schwach, um zur gebotenen Verstärkung ihrer Stimmen zu finden. Sie agieren oft selbstvergessen in ihren Ressorts zwischen Kindertheater, Clubkultur und Chormusik. Zu leidenschaftlich kümmern sie sich vor allem um das Überleben in ihrer eigenen Blase.
Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit, gespeist aus diversen Förderabhängigkeiten und Ignoranz, so dieser Politik seit Jahrzehnten in die Hände gespielt wird. Einer Politik, deren Folgen nun zu tragen sind. Solidarität mit den Kolleg*innen aus anderen Bereichen gehört im Kulturbetrieb nicht in jedem Fall zur Basisausstattung. Gemeinsames Handeln, in klugen und schlagkräftigen Strukturen, ist der Branche oft fremd.
Solange dieser Zustand bleibt, wird die Kultur von weiten Teilen der Politik, aber auch von Interessenverbänden wie der IHK kaum ernst genommen. Eher benutzt, zuweilen vorgeführt.
Selbst schuld, könnte man meinen. In diesen regional bestens organisierten, branchenübergreifenden Verbänden sind zahlreiche Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft Mitglied. Sie zählen nach Umsatzzahlen und Anzahl der Beschäftigten zu den bedeutendsten Branchen Europas. Dennoch versagen ihnen diese Lobbys nahezu jede Stimme.
Denn auch hier gibt es Aufmerksamkeit nicht gratis. Um sich in diesen Verbänden Gehör zu verschaffen, müssten sich die Kulturunternehmer*innen eigene Strukturen aufbauen oder vorhandene besser pflegen. Sie müssten sich stärker in den großen Gremien engagieren, dort ihre Rechte einfordern und diese kontinuierlich mitgestalten. Das ist oft ein ebenso fades wie anstrengendes Geschäft, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Die Mühe bliebe auf Dauer jedoch nicht ohne Wirkung. Ohne dieses Engagement bringt die kostenpflichtige Zwangsmitgliedschaft keine Rendite.
Als verzichtbar abgestempelt erfahren Kulturmacher*innen in der Pandemie Demütigungen, die zuweilen zu schweren Kränkungen führen. Sie werden als unwichtig abgetan. Ihre Orte geschlossen oder mit absurden Zugangshürden versehen. Ihr Schaffen als kein systemrelevantes gebrandmarkt. Vielleicht zu Recht. Was soll schon Kunst, die genau diesem System dient? Dennoch, die Kränkung bleibt. Und auch die Angst vor Armut geht um. Dazu kommt die Panik vor dem Verlust der mit Leidenschaft getanen Arbeit.
Und dann, wenn man eigentlich, wenn auch unter widrigsten Umständen, seine Filme zeigen, seine Ausstellungen präsentieren und seine Inszenierungen aufführen könnte – will das Werk kaum jemand sehen. Wer sich aus dem Haus wagt, rennt lieber in den Baumarkt, besucht die nächste Glühweinschänke oder geht Skifahren. Was tun? Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich über die Feiertage erst einmal sehr lange schlafen.
Und mich dann, im neuen Jahr, mit Kolleg*innen zusammentun, um gemeinsam zu besprechen, was damit anzufangen ist, mit diesem Jahr 2022 und der großen Freiheit, die in jedem Neuanfang zu finden ist.