Holbein, Thekla und viel Kontext
Augsburg war um 1500 eine aufstrebende Metropole, in der zahlreiche Künstler lebten, darunter Hans Holbein der Ältere. Wie er und seine Künstlerkollegen in der Freien Reichsstadt arbeiteten, zeigt eine Ausstellung im Augsburger Schaezlerpalais
Kerzengerade sitzt sie auf ihrem Stuhl, den Blick nach vorne gerichtet, lauscht sie der Predigt des Apostels Paulus. Wir sehen sie lediglich von hinten, doch gerade deswegen ist sie – Thekla, eine Schülerin des Apostels – die zentrale Gestalt des Bildes von Hans Holbein d. Ä., das seit langem in der Augsburger Katharinenkirche, Filialgalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ausgestellt wird. Wurde, besser gesagt, denn wegen massiver Bauschäden ist die Galerie auf unbestimmte Zeit geschlossen, die Kunstwerke im Depot gelagert.
Trotz des misslichen Umstands, dass dieses und die übrigen Bilder des sogenannten »Basilikazyklus« nicht zu sehen sind, ist Thekla in der Ausstellung im Schaezlerpalais überaus präsent. Holbein, der das Gemälde für den Kapitelsaal der Augsburger Dominikanerinnen schuf, fertigte eine Studie dieser für ihre Entstehungszeit außergewöhnlichen Rückenansicht der Hl. Thekla, die gleichsam die Position der Betrachter*in einnimmt. Die Federzeichnung aus einer Sammlung von Altmeisterzeichnungen, dem »Kleinen Klebeband«, ist nicht nur ein zentrales Stück der Ausstellung, sie wurde zudem zum »Covergirl« von Begleitband und Infomaterial.
Vor 500 Jahren starb Hans Holbein, Sohn eines »Lederers« (Gerbers), der sich der Malerei zuwandte. Wie hat er gearbeitet? Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Werkstattmitarbeitern, Künstlerkollegen und Auftraggebern? Wie war das hier in Augsburg an der Schwelle zur Renaissance? Solche Fragen möchten die Kurator*innen Andreas Tacke und Julia Quandt mit rund 60 Ausstellungsstücken für die Besucher*innen klären. Diese erleben – 60 Jahre nach der letzten Augsburger Holbeinausstellung – ein kompaktes, gleichwohl vielschichtiges Spektrum der Kunst mit Arbeiten aus dem Bestand der Kunstsammlungen, unterfüttert mit hochkarätigen Leihgaben. Zu sehen sind nicht nur grandiose Malerei wie »Maria, das Kind liebkosend«, oder das »Votivbild des Ulrich Schwarz«, sondern auch zahlreiche Zeichnungen von Holbein, Jörg Breu und anderen. Welche Rolle das seinerzeitige Massenmedium Kupferstich spielte, demonstriert Israel van Meckenems Kupferstichfolge des Marienlebens.
Ein unbedingtes Highlight wartet am Ende des Weges auf die Besucher*in: Eine zarte handspannenkleine Silberstiftzeichnung, die nun Holbein zugeschrieben werden konnte, zeigt die einander zugewandten Köpfe zweier Kinder – vermutlich hat der Künstler hier seine beiden Söhne porträtiert, Ambrosius und Hans, der später in Basel und als Hofkünstler in London Furore machen sollte.
Vielleicht erschließen sich die über die einzelnen Kunstwerke hinaus weisenden Zusammenhänge nicht Allen auf Anhieb – da ist das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung sehr hilfreich, das neben Überblicksführungen auch spezielle Führungen und Vorträge zu besonderen Themen offeriert.
Die samstägliche Turnusführung umfasst auch den Kapitelsaal, für den der »Basilikazyklus«, darunter auch das Gemälde mit unserer Thekla, ursprünglich geschaffen wurde. Der Raum, ausgestattet mit Reproduktionen, ist heute in das Holbeingymnasium integriert. Die eigentliche künstlerische Überraschung gibt es aber vor dem Saal: Schüler*innen des Gymnasiums haben sich in einer Serie großfomatiger Fotografien als Holbein-Figuren inszeniert, gekleidet in umfunktionierte Alltagsmaterialien. Und natürlich ist auch hier Thekla in Rückenansicht mit von der Partie.
»Der ältere Holbein. Augsburg an der Schwelle zur europäischen Kunstmetropole« läuft bis zum 20. Oktober im Schaezlerpalais. Den lesenswerten Begleitband gibt es für knapp 30 €.
www.kmaugsburg.de
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