Ausstellungen & Kunstprojekte

Hosen runter, Malerfürsten!

In der Ausstellung »Die Nacktheit der Zeichnung« im H2 glänzt die Farbe durch Abwesenheit und gibt den Blick frei auf das Essenzielle im Werk manches berühmten Künstlers.

»Die Nacktheit der Zeichnung« – der Titel hätte treffender nicht gewählt sein können. Einzig der Zusatz »Arbeiten in Schwarz auf Weiß von Beckmann bis Warhol« greift ein bisschen zu kurz, denn die Zeitspanne, die diese All-Star-Schau der abendländischen Kunst umfasst, zieht sich bis in unser Jahrhundert hinein und beinhaltet auch Namen wie Jonathan Meese oder Raymond Pettibon (letzterer vor allem als Cover-Artist für die US-Band Sonic Youth bekannt).

Warum »Nacktheit«? Die Zeichnungen verraten viel, z. B. über den Ort und die Gelegenheit, bei der sie entstanden, also auch über die Lebensumstände des Künstlers oder der Künstlerin, oder über die Tagesform.

Nicht immer sitzt jeder Strich, manchmal wird die richtige Linie gesucht, überkritzelt, drückt sich anderes Papier durch, sitzt das Motiv nicht perfekt im Format.

Manches hätte vielleicht auch gar nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollen. Besonders bei den bereits Verstorbenen ist das nicht so sicher. Während Martin Kippenbergers an den Rand eines Bogens Hotelbriefpapier gequetschte Personenstudie eine Signatur trägt, kann man bei Ernst Wilhelm Nays Zeichnungen als nicht Forschender nur spekulieren, ob sie als eigenständige Kunstwerke gedacht waren, oder nur als interne Vorstufen zu seiner Farbfeldmalerei.

Manches überrascht in seiner Natürlichkeit und Spontaneität; das Küchenstilleben von Andy Warhol aus dem Jahr 1952 zum Beispiel. Es ist so gar nicht der repetitive Plastikpop, den der Kunsterneuerer in der Prä-Punk-Ära propagierte. Eher eine akkurate kleine Studie, die eine ungeahnte Tiefenentspanntheit widerzuspiegeln scheint.

Anderes bestätigt, was man schon immer ahnte: Ein Jonathan Meese ist auch in seinem zeichnerischen Werk der Art Brut näher als den alten Meistern und sogar auf dem Blatt Papier der lärmend dilettierende Egomane, als den man ihn kennt.

Die in Kooperation mit der Gesellschaft für Gegenwartskunst e.V. stattfindende Ausstellung der Kunstsammlungen & Museen Augsburg zeigt 90 Arbeiten von fast 30 Künstler*innen. Sie musste, wie der GfG- Vorsitzende Dr. Stefan Schrammel in seiner Einführungsrede berichtete – pandemiebedingt – drei Jahre ihrer Umsetzung harren. Schön, dass diese einzigartigen Exponate ihre Freiheit nun endlich genießen können.

Zu sehen bis 4. Dezember im Kabinett des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast.

 

 

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