Politik & Gesellschaft

»Ich leite das Chancenreferat«

Martina Wild © Grüne Fraktion Augsburg
a3kultur-Redaktion

Martina Wild leitet als 2. Bürgermeisterin seit bald vier Jahren das Bildungsreferat in Augsburg. In dieser anspruchsvollen Schlüsselposition hat sich die Politikerin der Grünen einiges an Respekt erarbeitet. Im kommenden Jahr tritt sie wohl erneut als OB-Kandidatin gegen die jetzige Rathauschefin und Koalitionspartnerin Eva Weber von der CSU an. Ein Interview 

a3kultur: Kinder aus rund hundert Nationen besuchen weitgehend friedlich Augsburgs Schulen. Mir scheint, dass dieses Miteinander in seiner Beispielhaftigkeit kaum Würdigung in unserer Gesellschaft erfährt. Ist mit Erfolgen in der diversen Gesellschaft derzeit weniger Aufmerksamkeit zu erzielen als mit ihrer Problematisierung?

Martina Wild: Augsburg ist Friedensstadt, Augsburg ist eine vielfältige Stadt und das Zusammenleben läuft grundsätzlich gut. Aber ja, um auf die Frage einzugehen, ich würde mir wünschen, dass wir dieses gute Miteinander mehr würdigen. In der aktuellen politischen Diskussion liegt der Fokus leider auf dem Negativem. Aber der Normalfall ist, dass es gut funktioniert. Diese politische Diskussion schadet der Integration enorm und führt dazu, dass auch in der Mitte unserer Gesellschaft rechtes Gedankengut greifen kann. Ich bin unheimlich froh und stolz, dass in Augsburg auch dieses Jahr wieder Tausende Menschen auf dem Rathausplatz für eine Gesellschaft des Miteinanders und gegen Rassismus eingestanden sind.

Das ist ein sehr weites Feld, für das Sie Verantwortung tragen. Was würden Sie denn in Ihrem Referat anders machen, wenn Sie nicht zumindest noch bis ins kommende Jahr an die CSU als große Koalitionspartnerin gebunden wären?

Ich leite das Chancenreferat, habe in allen Bereichen gute Ideen auf den Tisch gelegt und erhalte hierfür Unterstützung, weil diese Vorschläge richtig sind und wir die Stadt weiterentwickeln. Bildung hat dabei klar die Priorität in dieser Stadtregierung. Dazu besteht im Übrigen politisch ein Konsens – weit über die Grünen- und die CSU-Fraktion hinaus. Gerade im Bildungsbereich, in Schule wie Kita, haben wir sehr viel erreicht. Aber auch unsere zahlreichen Aktivitäten für unsere vielfältige Stadtgesellschaft tragen zum Frieden in unserer Stadt bei.

Viele Eltern haben kein Problem damit, ihre Kinder mit acht Jahren mit einem Handy auszustatten – aber Skrupel, sie allein zur Schule gehen zu lassen.

Das stimmt. Wir merken an vielen Kitas und Grundschulen, aber auch weiterführenden Schulen, dass Kinder, die zu Fuß gehen oder den ÖPNV nutzen könnten, immer häufiger von den Eltern quasi bis ins Klassenzimmer gefahren werden. Unsere Kampagne „Lass das Elterntaxi stehen“ stößt jedoch auf große Resonanz – Grundschulkinder bekommen eine Bonuskarte und jeden Tag, wenn sie zu Fuß zur Schule kommen, einen Stempel. Auf dem Nachhauseweg können Kinder mit Freund*innen etwas erleben – das stärkt sie, macht den Schulweg spannender und erhöht die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden.

Wenn man den Statistiken glauben darf, dann gibt es leider immer mehr Kinder in unserer Gesellschaft, die durch das Raster des gegenwärtigen Schulsystems fallen. Sie werden häufig als »Systemsprenger« bezeichnet. Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie hier?

Ja, wir stellen tatsächlich fest, dass die Diagnosen im Bereich der sozial-­emotionalen Entwicklung und im Autismus-Spektrum massiv zunehmen. Deshalb haben wir bereits vor zwei Jahren einen runden Tisch mit den Förderzentren eingerichtet – und widmen uns genau diesen Themen.

In Augsburg haben wir auch bereits erfolgreiche Projekte wie die »Schule in der Werkstatt« in Oberhausen. Die Erfolge dort sprechen für sich: Viele dieser Jugendlichen schaffen im Anschluss wieder den Übergang zurück in die Regelschule, erlangen ihren Schulabschluss – und finden einen Ausbildungsplatz. Das sind für mich echte Erfolgsmodelle.

Der bauliche Zustand unserer Schulen ist oft entsetzlich. Zuweilen wird durch Drittmittel oder Arbeitseinsätze der Eltern Abhilfe geschaffen. Ist es überhaupt denkbar, unser Schulsystem in den nächsten Jahren ohne Sponsoring oder das Engagement von Eltern aufrechtzuerhalten?

Ich habe ja vorhin schon deutlich gemacht, dass Bildung in dieser Amtsperiode massiv Priorität hat – und ich sage »massiv« ganz bewusst: Von 2020 bis 2026 investieren wir allein in die Schulsanierungen 322 Millionen Euro. Das zeigt den enormen Handlungsbedarf.
Wir haben es dabei mit einer doppelten Herausforderung zu tun: auf der einen Seite mit maroder Bausubstanz, auf der anderen Seite mit einer wachsenden Stadt. Es gibt mehr Schüler*innen, die gut gebildet und gut betreut werden wollen. Und zusätzlich müssen wir als Kommune den Rechtsanspruch auf Schulkindbetreuung im Grundschulbereich umsetzen. Das schaffen wir allein nicht mehr.

Wir brauchen daher dringend mehr finanzielle Unterstützung – vom Bund und vom Land. Aktuell sind wir auch für jedes zusätzliche Engagement dankbar, sei es von Sponsoren, vom Elternbeirat oder anderen Initiativen.

Vor wenigen Wochen haben Sie das Projekt »Max 59« vorgestellt. Es ist eine Initiative – und wesentlich auch eine Finanzierung – der Tessin-Stiftung, die das ehemalige Leopold-Mozart-Konservatorium in der Maximilianstraße 59 in ein Haus der Diversität und Bildung verwandeln möchte. Bevor das Projekt Fahrt aufnimmt, soll ein Bürger*innen-Beteiligungsprozess über die Zukunft des Ortes mitentscheiden. Solche Prozessen sind in Augsburg allerdings hoch umstritten, die Erfahrungen damit voller Enttäuschungen. Was macht die Stadt diesmal besser?

»Max 59« in die Realisierung zu bringen ist ein komplexes Vorhaben. Es liegt bereits ein grobes Konzept für die künftige Nutzung und den Betrieb des Hauses vor. Wir haben zugesagt – und werden dieses Versprechen auch halten –, dass wir einen Beteiligungsprozess mit Jugendlichen durchführen. Die Federführung liegt bei der Tessin-Stiftung, die dafür eine externe Moderation einsetzen wird. Klar ist auch, dass es schon beim Prozess sehr stark ums Tun gehen wird. Dass Jugendliche auch gestalten und auch etwas bauen dürfen. Das wäre mein Wunsch.

Es ist auf der einen Seite natürlich sehr erfreulich, dass in diesem Leerstand ein Ort der Bildung entsteht. Auf der anderen Seite verlieren wir dadurch einen Ort der Kultur.

Ich glaube nicht, dass man vom »Verlust eines Kulturortes« sprechen kann – gerade wenn man bedenkt, welche neuen Angebote an diesem Ort künftig möglich sind. Ganz im Gegenteil, wir schaffen dort einen Ort der Bildung und der Kultur. Ob Theater, Tanz oder auch Konzerte – all dies wird dort Raum haben. Zwar mit einem Fokus auf Jugendliche, aber natürlich werden dort auch beispielsweise zum Friedensfest oder zum Brechtfestival kulturelle Formate stattfinden können.

In Augsburg fehlen »dritte Orte« – also Orte mit hoher Aufenthaltsqualität, ohne Konsumzwang. Sie sind jedoch Thema in Projektierungen ihres Referats. Was gibt es zu diesem wichtigen Thema Neues zu berichten?

Ich freue mich, dass das Thema »dritte Orte« hier so klar angesprochen wird, denn ich halte genau solche Orte in diesen Zeiten für enorm wichtig. Die Stadtbücherei ist einer davon und auch »Max 59« gehört perspektivisch dazu. Wir brauchen Orte der Begegnung und des Austauschs für alle Bürger*innen – das stärkt unser gutes Miteinander in der Stadt und damit auch unsere Demokratie. Die Grünen-Fraktion wird im kommenden Kulturempfang genau deswegen einen Schwerpunkt auf dieses Thema legen.
 

Am Samstag, 3. Mai lädt Bürgermeisterin Martina Wild ab 18 Uhr zum Kulturempfang in die Stadtbücherei Augsburg. 

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