Literatur

Ich war aber immer nur hier

a3kultur-Redaktion

Franz Dobler erzählt in seinem neuesten Roman »Ein Sohn von zwei Müttern« einen Teil seiner Geschichte, der mit seiner Geburt begann und so schnell wohl nicht zu Ende erzählt sein wird. Das Thema des Romans ist Adoption – und es ist ein starkes Buch. a3kultur traf Dobler zum Interview.

Seit gut dreißig Jahren lebt Franz Dobler mit seiner Familie in Augsburg. Das Leben hier war damals schon um ein gutes Stück billiger als in der Nachbarstadt München und einige Kontakte standen bereits, noch bevor die erste Wohnung bezogen wurde. 

Den Großteil seiner Bücher hat Franz Dobler in Augsburg geschrieben. Mit dem Erfolg als Autor, der sich während der Jahre einstellte, veränderten sich auch die Nachbarschaften. Was über die Jahre gleich blieb, war dieser spezielle Sound seiner Texte – am besten nachzuhören in seinen Gedichten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten passenden Musiker fanden, um sie zu vertonen. Das Ergebnis sind Abende, die man so schnell nicht vergisst.

Franz Dobler gehört zu den Menschen, auf die sich viele von denen, die man selbst zu schätzen weiß, einigen können. Das gilt für hier ebenso wie für all jene Ecken dieser Welt, in der seine Texte verfügbar sind und verstanden werden.

Die Anerkennung seiner Arbeit über den Kultstatus bei Feuilletonist*innen vom Spiegel bis zum BR hinaus ließ sich Zeit, aber sie kam. Seine Kriminalromane erhielten den Deutschen Krimipreis. Sein Kommissar Fallner wurde zur Filmfigur.

Und nun erzählt dieser Mann, von dem man schon einiges gelesen und noch mehr gehört hat, in seinem neuesten Roman »Ein Sohn von zwei Müttern« einen Teil seiner Geschichte, der mit seiner Geburt begann und so schnell wohl nicht zu Ende erzählt sein wird. Auch wenn das Buch zu Ende geschrieben ist. Es geht um die Geschichte eines Menschen mit zwei Müttern, aber nur einer Mama. Es geht um das Leben. Dobler erzählt einen Teil seiner Geschichte, der ansetzt, lange bevor er mit seiner Familie nach Augsburg gezogen ist. Das Thema des Romans ist Adoption – und es ist ein starkes Buch. 

 

a3kultur: Die Arbeit an deinem neuen Roman »Ein Sohn von zwei Müttern« startete etwas schleppend. Woran lag das? 

Franz Dobler: Der Unterschied zu meinen anderen Büchern war, dass ich wusste, das Thema würde mich mehr beschäftigen als sonst üblich, und darum war es mühsamer zu schreiben. Es war ein Hin und Her, das sich über vier Jahre zog. Eigentlich bis zu dem Punkt, an dem ich merkte, dass ich das Thema nun aus dem Weg räumen musste. Ich musste es machen, um nicht weiter zu überlegen, ob ich es machen soll.

Du erzählst in dem Buch in der dritten Person. Half dir der Kniff, um vorwärtszukommen? 

Das Buch durchlief verschiedene Phasen. Zuerst war es eine exakte Mischung aus Sachbuch und erzählender Literatur. Dann habe ich gemerkt, dass der Sachbuchanteil überhandnimmt. Es hat sich immer mehr Stoff angesammelt. Das fand ich störend, ich wollte kein solches Übergewicht. Also habe ich den dokumentarischen Teil zurückgefahren. Das hat dem Ganzen nach meiner Einschätzung gutgetan. Die dritte Person hat mir Spielraum gegeben, um das Romanhafte zu verstärken. 

In dem Roman geht es immer wieder um den Tod. War das ein Thema, das dich in letzter Zeit besonders beschäftigt hat? 

Ich bin keine 18 mehr und habe in den letzten Jahren viele Leute verloren, die so etwa in meinem Alter waren, also zwischen 60 und 70 Jahren. Es ist eben nicht so, dass alle Menschen älter und älter werden. Allein wer zuletzt im Jazz alles gehen musste. Die Liste ist lang, das gibt zu denken und stimmt mich nicht besonders optimistisch.

Mit welchem Gefühl denkst du heute an »Ein Sohn von zwei Müttern«? 

Zuerst einmal bin ich froh, letztendlich alles durchgezogen zu haben. Es ist eine andere Art von Schreibarbeit als beispielsweise bei einem Kriminalroman. 

Ist dir im Lauf der Arbeit klar geworden, welche Dinge im Leben wichtig sind? 

Ich würde schätzen, um dieses Thema geht es in dem Roman zwangsweise auch. Ich habe noch bei keinem anderen Buch so viel Text rausgeschmissen wie bei diesem. Es ging dabei auch um die  Überlegung, was ist wichtig. Also habe ich die Bremse gezogen und weniger Dokumentarmaterial einfließen lassen. Ich wollte, dass dieses Buch nicht zu dick wird. Nun hat es ein gutes Format. 200 Seiten, das passt. Sonst wären es wohl eher 500 oder mehr geworden. 

Es gibt im Text schnelle Wechsel. Und dabei keine Episode, in der das Thema Adoption nicht vorkommt. Auch wenn der Vorlauf in einem Fall um die zwanzig Seiten braucht. Und das ist auch der Unterschied zu einer Autobiografie: Es geht um das Thema, nicht um das Leben. 

In der Anthologie »Morgen Land«, 2000 zusammengestellt von Jamal Tuschick, hast du deine Wurzeln in Persien – dem Iran – öffentlich gemacht. Hat das danach die Sicht anderer auf dich geändert? 

Das war schon witzig. Ein Deutschtürke macht ein Buch mit Texten von hier Lebenden, die nicht von hier sind, und möchte mich dabeihaben. Ich war aber immer nur hier, kenne die persische Seite gar nicht. Mich hat der väterliche, der unbekannte Teil überhaupt nicht beschäftigt. Ich erzählte das Tuschick und er sagte: Genau darum musst du dabei sein, weil du das beste Beispiel dafür bist, dass diese ganze Blut-und-Boden-Denke totaler Quatsch ist! War das die Antwort auf deine Frage? 

Du engagierst dich in der Flüchtlingshilfe. Was machst du genau?

Ich bin beim Augsburger Flüchtlingsrat dafür zuständig, Spenden einzusammeln. Bei einigen Demos war ich als Ordner eingeteilt und ich habe ein paar Reden gehalten. Außerdem unterstütze ich, das hat aber mit dem Flüchtlingsrat nichts zu tun, das Projekt »Artists Against Antisemitism«. 

Wie bewertest du in dem Kontext die Entwicklungen der letzten Wochen? 

Es ist erst einmal sehr beachtlich, dass in dieser Breite demonstriert wird. Für mich ist aber auch die die Frage entscheidend, wie weit es dabei wirklich gegen rechts geht. In den letzten Monaten kamen von den verschiedensten Parteien, die diese Demos nun auch unterstützen, Meldungen zur Migrationspolitik, die angesichts des Erstarkens der AfD ein Zurückweichen ihrer Position in Kauf nehmen und Meinungen übernehmen, die aus dieser rechten Ecke kommen. Das finde ich schon eine erschreckende Entwicklung. Aber die muss auch angesprochen werden. Bei manchen Aussagen, die man hört oder liest, ohne zunächst zu wissen, von wem sie stammen, könnte man auch meinen, dass sie von der AfD kommen. Ich kann das oft nicht unterscheiden. 

Das gilt übrigens auch in Bezug auf den Nahostkonflikt: Gegen die AfD zu sein, heißt für mich auch, gegen die Hamas und pro Israel zu sein. Unsere Verantwortung für Israel geht weiter. Innerhalb der Linken – zu denen ich mich seit 50 Jahren zähle – ist das aber kein Gesetz mehr. 

Diese großen Demos sind also ein gutes Zeichen. Aber was daraus wird, mit so vielen unterschiedlichen Leuten am Start, wird sich erst noch zeigen. 

 

www.franzdobler.de

www.artistsagainstantisemitism.org

 

Franz Dobler

Ein Sohn von zwei Müttern

Klett-Cotta-Tropen Verlag

224 Seiten, 22 Euro  

▶www.klett-cotta.de

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