»Ich würde Kreativität als Teil von Kunst definieren«
Max Czollek hat für das Programm des Augsburger Friedensfests 2023 einen starken Gastbeitrag beigesteuert. a3kultur bringt den Text digital und in der Augustnummer seines Feuilletons. Live zu erleben ist der Autor und Publizist am 26. Juli, im Rahmen der Langen Nacht der Augsburger Gespräche, als Teil des Friedensfest im Sensemble Theater.
Kürzlich saß ich auf einem Panel bei einem Festival für Junges Theater in München. Wir sprachen über die Frage nach Gewalt und den Versuch der Theater, beim Thema Ausschluss und Inklusion besser zu werden. Ich beschrieb meinen Eindruck, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten eine recht genaue Vorstellung davon bekommen haben, was wir vermeiden wollen.
Aber dass es mir manchmal so vorkommt, als wüssten wir vielfach nicht mehr, was wir eigentlich machen wollen. Oder noch mal anders: dass die Institutionen vielfach darauf fixiert bleiben, dem Vorwurf der Diskriminierung zu entgehen, sauber zu bleiben. Und dass man so auch nicht weiterkommt.
Eine zentrale Strategie für diesen Versuch, sauber zu bleiben, ist, dass Rassismusskandale vor allem mit dem Ausschluss der Verantwortlichen enden (ob nun der Verantwortlichen für Rassismus oder derjenigen, die den Skandal ausgelöst haben, wie im Fall Bahar Aslan in Köln). Wir kennen das auch aus der Politik, vielen Medien und Sicherheitsorganen, die in Bezug auf rechten Terror von Einzelfällen sprechen – solange es DeutschDeutsche betrifft, versteht sich.
Einzelfall bedeutet hier, dass man den Vorfall als eine Ausnahme zur Regel versteht. Und die Regel lautet: wir haben die Vergangenheit hinter uns gelassen. Dahinter steht kaum verstellt der Wunsch, alles richtig zu machen. Oder noch mal anders: bereits alles richtig gemacht zu haben. Und das ist vielleicht einer der stärksten Mythen der Kunst und ihrer Institutionen nach 1945: die Idee, dass Kunst und Kultur die Trägerinnen der guten deutschen Tradition sind, die sich von der schlechten Politik trennen ließen.
Das zeigt sich in der Rede von der deutschen Leitkultur als Orientierungspunkt der Integrationsgesellschaft. Es zeigt sich aber auch in der Vorstellung der Kunstfreiheit, wenn sie vor allem als Freiheit von Verantwortung gedacht wird. Beides sind Ausdrucksformen einer Vorstellung von Reinheit, eines Wunsches auch, dass man irgendwie nichts zu tun haben könnte mit der Vergangenheit und Gegenwart der Gewalt.
Nun ist Reinheit in der postnationalsozialistischen, postkolonialen Gegenwart ein rares Gut – und es erschließt sich weder mit Blick auf die Geschichte noch mit Blick auf die Gegenwart, warum gerade die Kunst und ihre Institutionen frei sein sollten von der Gewalt, an der sie ja ihren Anteil hatten. Was hat das alles mit Kreativität zu tun?
Ich würde Kreativität als Teil von Kunst definieren, als Sammelbegriff für eine nichtorganisierte und nichtinstitutionalisierte Menge ästhetischer Praxen.
Versteht man es so, muss sich auch die Idee einer Kreativität als Praxis für den Frieden die Frage gefallen lassen, inwiefern sie politische Gewalt fortschreibt, klebt, malt, spricht, performt oder sogar selbst Gewalt verkörpert, indem sie diskriminierende und diffamierende Kunsttraditionen fortführt - auch wenn man selbst damit nichts zu tun hat. Was ja vor allem heißt, dass man nichts damit zu tun haben will.
Die Geschichten, die wir uns davon erzählen, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sein wollen, sind also wichtig. Und zwar, weil sie uns eine Vorstellung davon vermitteln, was eine Ausnahme (lies: Einzelfall) und was die Regel ist.
Nach 1945, insbesondere aber im Zuge der Selbsterzählung der 1968er hat eine (west)deutsche Gesellschaft entschieden, dass Diskriminierung die Ausnahme darstellt. Mit der Gegenwart, die wirklich stattfindet, hat das nicht viel zu tun, wovon Betroffene von Gewalt eine lange Geschichte erzählen können. Dieses Jahr jährt sich der Anschlag von Solingen zum 30. Mal. Oury Jalloh verbrannte vor 18 Jahren in seiner Zelle. Die Selbstenttarnung des NSU ist jetzt 12 Jahre her. Der NSU 2.0 begann vor fünf Jahren, seine Briefe zu verschicken. Die AfD steht in Umfragen aktuell bei 16 Prozent.
Eine Erzählung unserer Gegenwart, in der diese Realität der Gewalt nicht vorkommt, ist auch ein Versuch, die Wunschvorstellung von der eigenen Reinheit fortzuschreiben. Und weil das Erzählen eine Kernkompetenz von Theater über Literatur bis zum Film ist, macht es diese Kunstformen zu einem gefährlichen Tool. Beizeiten wurde es zur Rechtfertigung von Gewalt, beizeiten für eine friedlichere und weniger gewaltvolle Gesellschaft eingesetzt, beizeiten entschieden sich ihre Akteur*innen, gar nichts mehr mit seiner Umgebung zu tun haben zu wollen (?) (was selbstverständlich kein Ausweg ist, die Probleme gehen ja nicht weg, weil man sich Ohren, Augen und Mund zuhält).
Als ich für die Vorstellung der englischen Übersetzung meines ersten Essaybandes »Desintegriert Euch!« Anfang des Jahres in den USA unterwegs war, kam ich auch nach Berkeley in Kalifornien. Am Ende der Veranstaltung fragte mich eine Frau, inwiefern meine Kunst zur Heilung der Gesellschaft beitrüge. Meine Antwort lautete: Bevor ich eine Medizin suche, möchte ich erst mal wissen, an welcher Krankheit wir sterben.
Der Autor (* 1987) lebt in Berlin, ist Mitherausgeber des Magazins Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart und seit 2021 Kurator der Coalitio for a Pluralistic Public Discourse (CPPD) für eine plurale Erinnerungskultur
Dies ist ein Originalbeitrag für das Programmheft zum kulturellen Rahmenprogramm des Friedensfests und wurde im Auftrag des Friedensbüros verfasst. Der Abdruck erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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