Ausstellungen & Kunstprojekte

Im Glas-Palast

a3kultur-Redaktion

Mehr als nur ein Augenschmaus die Glaskunst der Ida Paulin entführt auf eine Zeitreise in die Gesellschaft vor 100 Jahren.

Ein Hauch der Goldenen Zwanziger weht seit letzten Donnerstag durch die Räume des Schaezlerpalais. Erinnerungen werden wach, je nach Generation an Omas oder Uromas  Schmuckschatulle und Wohnzimmervitrine. Manches hat man doch schon so oder ähnlich dort stehen gesehen: das gefrostete Glas. das so merkwürdig zersplittert aussieht, als wäre es kaputt, die edlen Goldränder, das Blümchendekor ...?

Das Schöne an der Glaskunst von Ida Paulin (geboren 1880 in Augsburg, gestorben 1955 in Bad Kreuznach) ist, dass sie nicht fürs Museum sondern für den Alltagsgebrauch gemacht wurde. Man kann sich daher bei vielen der etwa 300 Stücke, die die Kurator*innen Dr. Christof Trepesch und Julia Klein von den Kunstsammlungen & Museen Augsburg sowie die aus Bad Kreuznach stammende Co-Kuratorin Dr. Angela Nestler-Zapp in den leicht abgedunkelten und mit stimmungsvoller Lichtregie ausgestatteten Räumen versammelt haben, vorstellen, wie sie im Einsatz waren: auf mondänen Cocktailpartys, bei der die Zigarettenspitze in der einen, die Cocktailschale in der anderen behandschuhten Hand gehalten wurde; als Behältnis für Kaffee oder Gebäck auf festlich gedeckten Tischen weniger der Augsburger Arbeiterklasse als vielmehr im Hause der Honoratioren und – ja, es ist zu befürchten – auch auf denen wohlhabender NS-Größen.

Die Reise durch die Ausstellung spiegelt auf aufregende Weise auch ein halbes Jahrhundert und den Zeitgeist seiner jeweiligen Jahrzehnte wider: der Japonismus und die Naturverliebtheit des Jugendstils, die elegante Kühle des Art Déco, der gefällige Eskapismus in Form witziger Tier- und netter Blumenbilder während der für Künstler*innen gefährlichen 1930er und 1940er Jahre, die Paulin mit ihrer sechs Mitarbeiter*innen und einen Brennofen umfassenden Werkstatt im Mittleren Pfaffengässchen fast unbeschadet überstanden hätte, wäre diese und mit ihr viele Kunstwerke nicht in der Augsburger Bombennacht von 1944 komplett vernichtet worden.

Auftrag: Kunst

Die Stücke, darunter Geschirr, Schmuck, Lampen, Gemälde, Postkarten, Batiken etc. erzählen viel: über die freie und Auftragskünstlerin und Designerin Paulin, die im letzten Raum überlebensgroß als Repro zu sehen ist, über ihren Mann, den Künstler Arn Haag, ein Schüler Franz von Stucks, sowie die Künstler*innenszene in Augsburg und München der 1920er Jahre insgesamt; nicht nur, weil ihre Dekore gegenständlich zum Teil ganze Szenerien abbilden, sondern weil sie eine künstlerische Laufbahn dokumentieren, die eine große Bandbreite an Techniken und Ideen aufweist, je nach den Wünschen der nicht immer einfachen Kundschaft. Zu dieser zählten der Nähmaschinenhersteller Pfaff und die Radiogerätefirma Saba ebenso wie das damalige »Stadtmarketing« der Stadt München oder die Olympiade 1937. Wobei, wie Christof Trepesch betont, besonders in Bezug auf Letzeres mehr Frage- als Ausrufezeichen zu setzen sind. 

»Ida Paulin - Glaskunst made in Augsburg« ist ist die erste umfassende Werkschau zu Ida Paulin und eine spannende Zeitreise mit viel Glanz und interessanten biografischen Notizen zu einer fast vergessenen lokalen Pionierin der (nicht nur Glas-)Kunst.
Ein Besuch ist auch mit Kindern absolut empfehlenswert, da es eine Unmenge an kleinen, teils vergnüglichen und märchenhaften Details zu entdecken gibt. Und das Schönste: Man darf auch ziemlich nahe an die Stücke heran. 

Die Ausstellung im 2. Stock des Schaezlerpalais in der Maximilianstraße ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr geöffnet und wird bis 31. März 2024 zu sehen sein. Während der Ausstellung wird es reglmäßige Turnusführungen sowie Workshops mit Hella Buchner-Kopper geben.

Noch vor Weihnachten soll ein Katalog erscheinen (erhältlich dann im Schaezlerpalais und im Buchhandel).

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de/idapaulin

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