Politik & Gesellschaft

Integrationsanker Wittelsbacher

Patrick Bellgardt
28. Dezember 2020

a3kultur: Herr Metzger, trotz aller Widrigkeiten besuchten über 63.000 Menschen die Bayerische Landesausstellung 2020 »Stadt befreit« in Aichach und Friedberg. Wie geht es Ihnen mit dieser Bilanz?
Klaus Metzger: Damit bin ich hochzufrieden. Wir haben es gemeinsam geschafft, in schwierigen Zeiten ein kulturelles Angebot zu machen, um das uns viele beneiden. Mit den rund 63.000 Besucherinnen und Besuchern haben wir gezeigt, was unter normalen Bedingungen im Wittelsbacher Land möglich gewesen wäre. In beiden Städten hat das Haus der Bayerischen Geschichte exzellente Ausstellungen gezeigt.

Welche Spuren hinterlässt die Landesausstellung im Landkreis Aichach-Friedberg? Was bleibt?
Neben »Greifbarem« wie der Schaffung neuer Radwege oder der Installation eines E-Bike-Verleihsystems sind das auch emotionale Aspekte: Die Menschen im Wittelsbacher Land haben sich als herzliche Gastgeber präsentiert. Wir haben gesehen, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden großen Städten Aichach und Friedberg – denen ja immer eine starke Konkurrenz nachgesagt wird – perfekt funktioniert hat. Wir haben gezeigt, dass ein kleiner Landkreis es schafft, gemeinsam mit Partnern eine Landesausstellung auf die Beine zu stellen. Das sind Dinge, die wir mit in die Zukunft nehmen möchten.

Das »FeuerHaus« in Aichach, ein ehemaliges Feuerwehrhaus, wurde eigens für die Landesausstellung zum Ausstellungsort entwickelt. Was passiert nun mit dem Bau?
Darüber muss die Stadt Aichach entscheiden. Was ich aber sagen kann: Die Bürgerinnen und Bürger haben erlebt, dass das FeuerHaus ein wertvoller Teil des städtischen Angebots sein kann. Ich gehe fest davon aus, dass sich der Erste Bürgermeister Klaus Habermann und die Verwaltung intensiv Gedanken machen werden, wie man dieses Pfund zukünftig nutzen kann. Keinesfalls denke ich, dass das FeuerHaus leer stehen wird.

Die Geschichte des Landkreises als einstiger Stammsitz der bayerischen Herrscher spiegelt sich unter anderem in der Bezeichnung »Wittelsbacher Land« wider. Welche Rolle spielt die Historie für die Identität der Region und ihrer Bewohner*innen?
Für die Alteingesessenen im Landkreis ist es eminent wichtig, die Wittelsbacher, die über Jahrhunderte die Geschichte Bayerns prägten, als historische »Vorväter« zu haben. Bislang sind wir sehr gut damit gefahren, die Wittelsbacher als Integrationsanker für unseren aus der Gebietsreform entstandenen »Bindestrich-Landkreis« zu nutzen: Wir haben eine gemeinsame Geschichte, hier hat Großes seinen Anfang genommen. Darauf sollten wir uns besinnen und daraus Gemeinsamkeiten schöpfen. Für die Identifikation mit dem Landkreis sind die Wittelsbacher nach wie vor extrem wichtig.

Demgegenüber polarisiert die Coronapandemie die Gesellschaft. Zuletzt distanzierten Sie sich in einem parteiübergreifenden Bündnis klar gegen eine »Querdenken«-Demonstration in Aichach. Machen Sie sich Sorgen um das gesellschaftliche Miteinander?
Das mache ich in der Tat. Ich möchte an dieser Stelle ein paar Jahre zurückblicken – 2015/16, als die Diskussion um die Neuzugewanderten ihren Höhepunkt erreicht hatte. Schon damals habe ich davor gewarnt, uns durch die Instrumentalisierung solcher Themen spalten zu lassen, um letztlich unversöhnlich auf zwei Seiten zu stehen. Vielmehr sollte es darum gehen, zusammen Herausforderungen zu meistern.

Die Coronakrise hat die Menschen – auch im Wittelsbacher Land – weiter auseinandergebracht. Der Konsens, Probleme gemeinsam mit allen nötigen Kraftanstrengungen zu bewältigen, hat mir in den letzten Monaten an vielen Stellen gefehlt. Die überwältigende Mehrzahl der Menschen kann mit der Krise umgehen und bringt den meisten Maßnahmen Akzeptanz entgegen. Dennoch finden diejenigen, die das Thema aus unterschiedlichen Beweggründen heraus mit teils kruden Argumenten instrumentalisieren, viel Gehör. Ich habe mich gegen die Demonstration positioniert, weil ich glaube, dass es gerade in der jetzigen Situation wenig Sinn macht, Gräben weiter zu vertiefen. Wir sollten uns darum bemühen, diese zu überwinden.

Politikerinnen und Politiker von der Bundes- bis in die Kommunalpolitik werden in der Coronakrise zur Zielscheibe des Hasses. Unzählige Fälle, vor allem in den sozialen Medien, sind dokumentiert. Welche Erfahrungen machen Sie mit diesem Thema und wie gehen Sie damit um?
Auch ich könnte Ihnen unzählige Beispiele geben, mit welchem Hass mir aus ganz unterschiedlichen Motivationslagen heraus begegnet wird. Dabei geht es nicht mehr darum, sachlich Kritik zu äußern, es driftet sofort ins Persönliche ab. In vielen Mails und Posts erlebe ich eine  – man muss es so nennen – Bösartigkeit von Menschen, die es nicht akzeptieren können, dass es eine andere Meinung zu der jeweils eigenen gibt. Gerade beim Thema Maskenpflicht passieren Dinge, die mich sprachlos machen.

Ich habe es mir angewöhnt, auf solche Äußerungen gar nicht mehr zu reagieren. Ich glaube, dass es das Beste ist, den Absendern keine neue Plattform zu bieten. Das Dümmste wäre, auf dem gleichen Niveau zu antworten. Das würde unweigerlich in eine Eskalationsspirale führen. Ich lese mir alles durch, bin manchmal wirklich fassungslos und auch persönlich getroffen.

Wagen wir zum Abschluss – trotz aller Planungsunsicherheit – einen Ausblick auf 2021: Haben Sie schon etwas vor oder lassen Sie das neue Jahr auf sich zukommen …?
Persönlich habe ich nichts geplant und mit meiner Frau besprochen, dass wir uns nichts vornehmen. Erst einmal hoffe ich, dass ich es schaffe, ein paar freie Tage zu bekommen, an denen ich das Telefon auch mal weglegen kann. Aktuell befinden wir uns ja wieder im Katastrophenfall. Daher muss ich immer erreichbar sein.

Für den Landkreis stehen 2021 einige Themen auf der Agenda: Zum einen die Baumaßnahmen, die wir begonnen haben oder beginnen werden. Zum anderen Themen wie die Weiterentwicklung der Öko-Modellregion oder Fragen des Klimaschutzes, wo wir uns besser aufstellen wollen und müssen. Wir haben große Herausforderungen im Bereich des Sozialen, zum Beispiel in der Jugendpflege oder mit dem für das kommende Jahr geplanten seniorenpolitischen Gesamtkonzept. Eine Fülle an Vorhaben also, die aktuell noch hinten anstehen müssen, da der Großteil unserer Kräfte für Corona gebunden ist. Meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mir wünsche ich daher mehr Luft, um uns 2021 auch wieder anderen Themen widmen zu können.

Klaus Metzger ist seit 2014 Landrat im Landkreis Aichach-Friedberg. Der CSU-Politiker und ehemalige Grundschullehrer wurde im März 2020 für weitere sechs Jahre wiedergewählt. (Foto oben © Frank Büschel)

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